PorträtPeter Navarro - Trumps Protektionist

Peter Navarro: Wirtschaftsprofessor an der University of California und Donald Trumps Chefberater in Handelsfragen
Peter Navarro: Wirtschaftsprofessor an der University of California und Donald Trumps Chefberater in Handelsfragen
© Getty Images

Peter Navarro kommt ins Stottern. Erst sagt er noch einen seiner Lieblingssätze auf: Donald Trump werde hart mit China verhandeln – damit die amerikanische Wirtschaft wieder „great“ wird. Ronny Chieng, Reporter der Daily Show, will das genauer wissen: „Lassen Sie uns doch ein Rollenspiel spielen. Sie sind Donald Trump und ich bin China! Seien Sie hart zu mir!“, sagt Chieng. Navarro spielt mit. Er legt den Kopf schief, setzt eine ernste Miene auf, schnalzt mit der Zunge und sagt würdevoll: „Das amerikanische Volk verlangt…“ Chieng fällt ihm ins Wort. Auf Chinesisch. Navarro versteht kein Wort. Aber die Fernsehzuschauer sehen die Untertitel: „Was bildest du dir ein? Du dummer Amerikaner. Du denkst, wir machen einfach, was du sagst?“, sagt Chieng. Navarro starrt und stottert: „Kriege ich einen Übersetzer?“ Chieng redet einfach weiter, auf Chinesisch: „Verschwinde, du F**k. Raus! Raus!“ Navarro verdreht die Augen: „Jaja, ich kapiere es schon. Aber das hier funktioniert für mich nicht.“ Chieng gibt ihm recht: Die Verhandlungen sind gescheitert, sagt er. „Und jetzt Handelskrieg.“

Der Mann, der da im Fernsehen stottert, ist der mächtigste Ökonom der Welt, der nicht in einer Zentralbank arbeitet. Peter Navarro, Wirtschaftsprofessor an der University of California in Irvine, ist Donald Trumps Chefberater in Handelsfragen, Chef des neu gegründeten Nationalen Handelsrats des Weißen Hauses. Was im Fall Navarros und Trumps allerdings vor allem bedeutet, Freihandel einzudämmen, statt zu fördern.

Chiengs Vermutung, dass ein Handelskrieg mit China ansteht, ist nicht aus der Luft gegriffen. Trump fordert einen Importzoll von 45 Prozent für Einfuhren aus China – eine Idee seines neuen Handelsberaters. „Zölle sind nicht Donald Trumps Endziel. Das Endziel ist, China zu zwingen, die Handelsverträge neu zu verhandeln und aufzuhören zu tricksen“, sagt Navarro im Interview. Aber eine bloße leere Drohung sei das nicht. „Donald Trump würde definitiv Zölle auferlegen, wenn die Trickserei nicht aufhört.“ Und wenn das einen Handelskrieg bringt, dann sei das eben so. Japan, Mexiko und Deutschland hat Navarro auch schon attackiert. Der Rest der Welt sei auf die USA mehr angewiesen als die USA auf den Rest der Welt, sagt er.

In Navarros Welt kann es nur einen Handelssieger geben: die USA

Navarros Welt ist einfach. Es gibt die Guten, das sind die Amerikaner. Und es gibt die Schlechten, das sind die anderen. Zu den anderen gehören Länder wie Deutschland, Japan und Mexiko, die den Guten, also Amerika, etwas wegnehmen wollen. Und dann gibt es in Navarros Welt noch den Oberbösewicht: China. China hat es auf den amerikanischen Wohlstand abgesehen, China trickst und betrügt. Navarro hasst China. In Navarros Welt kann es nur einen Sieger geben, wenn Staaten miteinander handeln. Ab sofort will er dafür sorgen, dass das die USA sind.

Navarro ist der einzige Wirtschafsberater im Trump-Team, der tatsächlich Ökonom ist – und auch noch einer mit Doktortitel. Allerdings ist der 67-Jährige einer mit einer absoluten Mindermeinung. Seit Adam Smith und David Ricardo sind sich die Volkswirte der Welt weitgehend einig, dass freier Handel gut ist sowohl für die Weltwirtschaft als auch die Volkswirtschaften der einzelnen Länder, die miteinander handeln. Navarro sieht das anders, was ihm in der Wissenschaftsszene keine großen Erfolge eingebracht hat – aber nun einen Posten im Weißen Haus. Ein gigantischer Erfolg für einen Professor an einer mittelguten Universität, der vor allem Studienanfänger in den Grundlagenfächern unterrichtet und dessen Namen vor einem Jahr noch kaum jemand kannte.

Jetzt wird Navarro zum „household name“, wie die Amerikaner sagen. Vor allem, weil er andere Länder gegen sich aufbringt. Deutschland hat er vorgeworfen, die USA und EU-Partner durch einen schwachen Euro „auszubeuten“. Deutschland profitiere in seinen Handelsbeziehungen von einer „extrem unterbewerteten, impliziten Deutschen Mark‘“, sagte er der „Financial Times“. Auch Japan sei ein Währungsmanipulator, assistiert sein Präsident. Als Trump das Freihandelsabkommen TPP mit Pazifik-Anrainerländern wie Japan aufkündigte, stand Navarro freudestrahlend hinter ihm im Oval Office. Das nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta ist das nächste große Ziel. „Bill Clinton hat 200.000 neue Jobs innerhalb von zwei Jahren versprochen, als er Nafta 1993 unterschrieben hat. Bis heute haben wir mehr als 850.000 verloren“, sagt Navarro. „Als wir Nafta unterschrieben haben, hatten wir einen Warenexportüberschuss mit Mexiko in Höhe von einer Milliarde Dollar. Heute haben wir ein Defizit von rund 60 Milliarden Dollar.“ Trump werde Nafta neu verhandeln. „Und wenn es nicht nachverhandelt wird, wird er den Deal aufkündigen.“

Neben dem Ende von Nafta drohen Navarro und Trump Mexiko mit einer Importsteuer von 20 Prozent auf alle Produkte – um die Grenzmauer zu bezahlen und Arbeitsplätze zurück in die USA zu holen. Importsteuern hält Navarro ohnehin für eine gute Idee – anders als zum Beispiel amerikanische Einzelhändler, die höhere Preise befürchten. Navarro wurde patzig, als eine CNBC-Reporterin ihn auf eine Citigroup-Studie hinwies, die berechnet hat, dass die Importsteuer US-Firmen heftige Verluste bringen würde. Es sei eine „fake study“, sagte er. „Citigroup genießt keine Glaubwürdigkeit.“

Navarros Attacken auf den Freihandel wirken ungewöhnlich und düster, insbesondere für die republikanische Partei. Freie Märkte gehörten schließlich seit fast einem Jahrhundert zu den Grundfesten des amerikanischen Kapitalismus – zumindest auf den ersten Blick. Doch ganz so unerschütterlich war die amerikanische Liebe zum „free trade“ nie, die Amerikaner haben Handelspolitik stets für ihre eigenen Interessen genutzt – und auch Protektionismus, wenn es gerade passte. „Die Debatte über den Freihandel ist so alt wie die amerikanische Republik und sie ist verwoben mit ökonomischen Theorien zum Wettbewerb und mit Geopolitik“, sagt I.M. Destler, Professor an der University of Maryland und Autor des Buchs „American Trade Politics“.