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McKinsey, BCG und Co. Wie man bei großen Beratungen das Bewerbungsverfahren meistert

Bewerbungsgespräch: „Zeigen, dass man in der Lage ist, ein Problem zu verstehen und eigenständig eine Lösung zu entwickeln“
Bewerbungsgespräch: „Zeigen, dass man in der Lage ist, ein Problem zu verstehen und eigenständig eine Lösung zu entwickeln“
© IMAGO / Westend61
Die Bewerbungsgespräche bei BCG, McKinsey und Co. gehören zu den härtesten der Welt. Wie man sie erfolgreich absolviert? Das erklärt der Karriereberater und ehemalige McKinsey-Interviewer Jörn Kobus im Interview

Capital: Herr Kobus, angeblich gibt es nirgendwo schwierigere Bewerbungsverfahren als bei den großen Strategieberatungen. Ist das wirklich so?

JÖRN KOBUS: McKinsey, BCG und Bain – ich nenne sie kurz MBB – sind sehr selektiv. Bei ihnen besteht das Verfahren in der Regel aus drei Stufen, aus schriftlicher Bewerbung, vorgelagerten Tests und, je nach Seniorität der Position, bis zu acht Interviews. Nur ein niedriger einstelliger Prozentsatz kommt durch.

Jörn Kobus
Jörn Kobus
© PR

Lassen Sie uns das Prozedere einmal durchgehen. Wie sollte die schriftliche Bewerbung aussehen?

Die Bewerber müssen dort vor allem zeigen, dass sie die erforderlichen Qualifikationen haben. Sie müssen herausragende Leistungen innerhalb und außerhalb der akademischen Laufbahn erbracht haben. Die MBB wollen die besten zehn bis zwanzig Prozent eines Studienganges rekrutieren.

Worauf achten die Recruiter?

Relevante Praxiserfahrung ist wichtig. Das können Praktika bei Dax-Unternehmen oder auch anderen großen Beratungen sein. Auch gewonnene Wettbewerbe, Preise oder Stipendien helfen. Grundsätzlich gilt, dass alles hilft, mit dem die Bewerber zeigen, dass sie die ambitionierten Ziele, die sie sich setzen, auch erreichen.

Wie sollten die Bewerber ihre Leistungen präsentieren?

Möglichst kurz und prägnant. Die Ergebnisse sollten im Fokus stehen und welchen Beitrag der Bewerber dazu geleistet hat. Aus meiner Sicht sollte auch direkt eine Kalibrierung mitgeliefert werden: Wie hat man im Verhältnis zum eigenen Jahrgang abgeschlossen? Gehört man zu den erfolgreichsten zehn oder zwanzig Prozent?

Was sollte man unterlassen?

Die Bewerber sollten nur die relevanten Dinge nennen und nicht auf die Idee kommen, alles noch grafisch aufzubereiten. Das lenkt nur vom eigentlichen Punkt ab.

Wer überzeugt, darf zum sogenannten Pre-Test, richtig?

Genau. Diese vorgelagerten Tests können je nach MBB verschiedene Formate haben. In der Regel loggen sich die Bewerber von zuhause in eine Online-Software ein. Das kann ein Strategiespiel sein oder ein Chatbot-Interview, bei dem man Stück für Stück durch eine Fallstudie geführt wird und mit dem Bot kommuniziert, welche Ideen und möglichen Ergebnisse es gibt.

Worauf sollten die Bewerber hier achten?

Sie sollten sich mit dem Format vertraut machen. Das ist nicht mehr wie früher, als noch Klassenarbeiten geschrieben wurden. Diese Spiele beziehen die eigenen Antworten mit ein und ihr Ablauf verändert sich dementsprechend. Das macht die Vorbereitung natürlich schwieriger, aber auch dazu gibt es mittlerweile viele Informationen im Netz.

Und wie werden die Tests gewichtet?

Das scheint sich je nach Beratung und Region zu unterscheiden. In manchen Fällen wird sehr streng drauf geachtet, in anderen sind sie nur Beiwerk zu den Interviews. Wahrscheinlich, aber das ist auch nur eine Hypothese, hängt es auch von der Anzahl der Bewerber ab, die gerade gesucht und zu den Tests eingeladen werden.

Schritt drei sind die Interviews. Worum geht es da?

In den Interviews wird basierend auf dem Lebenslauf die Motivation der Bewerber durchleuchtet und eine Fallstudie durchgegangen. Bewerber machen dort immer wieder den Fehler, bestimmte Antworten oder Lösungsschemata auswendig zu lernen und zu versuchen, diese im Interview zu replizieren. Das bringt nichts, denn die Beratungen suchen Leute, die Probleme lösen können, für die es oft noch keine Lösungen gibt. Das heißt, in den Interviews müssen die Bewerber vor allem zeigen, dass sie in der Lage sind, ein Problem zu verstehen und eigenständig eine Lösung zu entwickeln.

Und wie können sie das zeigen?

Sie müssen in der Lage sein mit dem Interviewer das Problem analytisch zu durchdringen, zu lösen und das die ganze Zeit kunden- oder klientengerecht zu kommunizieren. Das heißt, sie müssen dem Interviewer erklären, was sie tun und warum.

Welche Fehler werden typischerweise gemacht?

Viele Kandidaten bereiten sich nicht ausreichend auf das Interview vor. Wer sich nach einem fünfjährigen Studium bewirbt, sollte sich nicht nur zwei Wochen auf das Bewerbungsgespräch vorbereiten.

Und wie sollte die Vorbereitung aussehen?

Wichtig ist, mit wem man sich vorbereitet. Am besten die Bewerber finden jemanden, der bereits einige Jahre in dem Bereich gearbeitet hat und diesen Weg selbst gegangen ist.

Warum wählen die großen Strategieberatungen eigentlich so streng aus?

Sie haben sehr viele Bewerber und wollen natürlich die Besten davon identifizieren. Außerdem ist die Strategieberatung ein anspruchsvolles Feld und die Bewerber müssen am Ende in der Lage sein, sehr komplexe Probleme zu lösen und das auch unter Zeitdruck.

Wie hoch sind die Erfolgschancen?

Im Jahr 2018 soll McKinsey nach eigenen Angaben 800.000 Bewerbungen weltweit erhalten haben und davon sollen wiederum nur 8.000 erfolgreich gewesen sein. Das wäre eine einprozentige Erfolgsrate.

Wie entwickelt sich die Anzahl der Bewerbungen? Es heißt ja immer wieder, viele High-Performer fänden heute etwa eine Gründung interessanter – und achten auf ihre Work-Life-Balance.

Die MBB sollten da keine Probleme haben. Durch die Pandemie hatten sich die Recruiting-Prozesse zwar verlangsamt, aber das hat sich wieder komplett gewandelt. Bei den kleineren Beratungen sieht das anders aus. Berater müssen flexibel sein, häufig verreisen. Der Job ist sehr beanspruchend. Die jüngere Generation hat andere Anforderungen an ihre Karriere. Viele wollen heute einen Sinn in ihrer Arbeit sehen. Das Gehalt hat bei der Berufswahl als Faktor an Gewicht verloren.

Was würden Sie Beratungen empfehlen, die Schwierigkeiten haben, Bewerber zu finden?

Sie dürfen nicht mehr davon ausgehen, dass sie als Beratung per se attraktiv für Bewerber sind. Sie müssen herausfinden, was die Bewerber wollen, also Sinn in der Arbeit, Work-Life-Balance, Diversität, etc. und sich dann daran orientieren.

Für wen lohnt sich der Einstieg in die Unternehmensberatung?

Der Einstieg lohnt sich vor allem für diejenigen, die Erfahrungen sammeln wollen zu denen sie anderweitig keinen Zugang hätten. Denn in der Strategieberatung hat man bereits früh die Möglichkeit, an komplexen Problemen mit hochrangigen Führungskräften zu arbeiten. Wer eine Karriere in einer hohen Führungsposition oder in der Politik anstrebt, kann dort die Fähigkeiten entwickeln, die er oder sie dafür braucht. Auch angehende Gründer können von der Arbeit bei einer großen Unternehmensberatung profitieren.


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