Junge EliteAlter sollte im Job keine Rolle spielen

Helen Yuanyuan Cao
Helen Yuanyuan Cao
© Helen Yuanyuan Cao

Helen Yuanyuan Cao ist Head of Marketing für die Region Europa/Naher Osten/Afrika bei BD Biosciences in der Schweiz. Zuvor arbeitete sie für Qiagen in Deutschland und Kalifornien sowie für die Unternehmensberatung Bain & Company. Sie hat BWL, Entwicklungsökonomie und Neurobiologie studiert. Die 35-Jährige gehört zur von Capital gekürten Jungen Elite 2016.


Capital: Frau Cao, Sie kennen sowohl die kalifornische, als auch die deutsche Arbeitswelt. Welche gefällt Ihnen besser?

Im Silicon Valley fiel mir sofort auf, dass so gut wie jeder den Wunsch hatte, die Welt zu verändern. Das war total inspirierend und gab Energie. Nach einiger Zeit fand ich es aber auch merkwürdig, dass die Optimierung von Online Advertising oder Apps zur Pizza Delivery als weltverändernd gesehen wurde. Damit konnte ich als Biologin nicht immer etwas anfangen. Ich glaube, dass es verschiedene Bedeutungen vom „Welt verändern“ gibt: In Europa hat man ein objektives Verständnis – wenn du die Welt verändern willst, müssen auch andere denken, dass deine Erfindung oder dein Tun die Welt verändert. Im Silicon Valley reicht es, wenn eine Idee deiner eigenen Ansicht nach die Welt verändert. Diese eher subjektive Sicht gilt als legitim, es wird nicht erwartet, dass jemand anderes das auch so sieht.

Trotzdem schafft man es auch dort wahrscheinlich nicht, alleine die Welt zu verändern…

Natürlich spielt die Gemeinschaft, das Netzwerk, im Silicon Valley eine sehr große Rolle. Netzwerken ist dort ein Selbstverständnis und sehr lokal. Wer nicht im Netzwerk der Bay-Area ist, hat es schwer. Wer aber einmal drin ist, dem öffnen sich viele Türen. Die Trennung zwischen “Insider” und “Outsider” ist viel stärker, als ich es anderswo erlebt habe.

Verlaufen die Karrieren dadurch steiler?

Im Silicon Valley sind die Karrieren weniger vorgezeichnet als in Deutschland. Hier gehört man entweder zu Branche A oder Branche B, man ist ein Konzernmensch oder Startup-Typ. Im Silicon Valley gibt es einen ständigen Austausch, eine Art Fluidität. Da arbeitet einer zunächst in einem Konzern, dann im Startup, gründet dann selbst und wechselt später wieder für eine Zeit in einen Konzern bis er die nächste Gründungsidee hat. Diese Einstellung würde ich mir für Deutschland wünschen. Wenn es selbstverständlich ist, dass Menschen zwischen Startups und Konzernen wechseln, hilft es großen Unternehmen, innovativer und agiler zu sein. Davon profitieren alle.

Sie selbst haben auch den Karrierepfad gewechselt. Nach dem betriebswirtschaftlichen Studium und dem Berufsstart in einer Beratung haben sie begonnen, Neurobiologie zu studieren…

Ich war immer recht schnell bei meinen Karriereschritten, habe viele Projekte parallel gemacht. Neurobiologie hat mich interessiert, da dachte ich mir: Ich trau mich das jetzt einfach mal. Man muss sich Freiräume lassen um das auszuprobieren, was einen interessiert.

Hat das Ihren Karriereplan durcheinander gebracht?

Ich bin schon ein Planer, aber mit den Jahren habe ich einfach erkannt, dass man nicht immer gleich alles richtig einschätzt – die Umwelt und sich selbst. Ich versuche mir nicht zu viele Grenzen zu setzen, den Freiraum für das Neurobiologie-Studium habe ich mir gelassen, mir vorher natürlich überlegt, wie ich das angehen soll. Es ist ein bisschen so, wie wenn man verliebt ist: Gibt man der Sache eine Chance oder lässt man es gleich sein? Als ich den Job bei der Beratung gekündigt habe, um Neurobiologie zu studieren, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, etwas abseits des “normalen” Weges zu machen und ich habe gesehen: Da ist gar kein Abgrund – das funktioniert!

„Hierarchie funktioniert nur bis zu einem gewissen Grad“

Mittlerweile sind Sie Chefin von 21 Mitarbeitern, mit 35 Jahren können Sie schon auf eine beachtliche Karriere zurückblicken. Hatten Sie je Probleme, weil man Sie für zu jung hielt?

Man sollte sich nie selbst einreden, dass man zu jung ist – oder zu alt. Wenn man denkt, man hat was zu sagen und es dann einfach tut, überträgt sich das auf Andere. Wenn man 20 Jahre alt ist und während des Praktikums in einem Meeting neben dem Bereichsleiter sitzt, ist es wichtig, dass man etwas sagt. Sonst wird vielleicht ein unbewusstes Bild der Teilnehmer von jungen Mitarbeitern bestätigt. Die Bedeutung des Alters klingt so objektiv, ist sie aber nicht. In Startups gilt man ja manchmal schon als zu alt, wenn man über 30 ist. Das hat viel weniger mit Fähigkeiten zu tun als mit Rollenbildern, die sich in den Köpfen eingeprägt haben.

Welche Rolle hat das Alter im Silicon Valley gespielt?

Ich hatte dort seltener das Gefühl, dass irgendjemand für zu jung oder zu alt gehalten wurde. 70-Jährige haben Startups gegründet und viele junge Menschen sind in hohen Positionen. Leider ist das in Europa noch ein bisschen anders. Dabei muss man sich doch fragen: Wenn ein 70-Jähriger US-Präsidenten wird (und das ohne jegliche Politikerfahrung) – warum gilt ein 50-Jähriger als zu alt für Unternehmen?

Wie gehen Sie mit dem Thema Alter in Ihrem eigenen Team um?

Bei mir im Team gibt es Mitarbeiter in den Zwanzigern, Dreißigern, Vierzigern, Fünfzigern und eine Person, die kurz vor der Rente steht. Alter ist keine Dimension, über die ich nachdenke. Bei einigen Mitarbeitern weiß ich das genaue Alter nicht, ich finde es irrelevant. Ich schaue nach Kompetenzen, Persönlichkeit und Teamzusammensetzung. Ich mag amerikanische Bewerbungen, weil da kein Geburtsdatum draufsteht. Deshalb habe ich neulich einen Kollegen aus der Personalabteilung gebeten, bei Bewerbungen für meine Abteilung das Geburtsalter zu löschen, bevor sie an mich weitergeleitet werden.

Was ist Ihnen als Vorgesetzte sonst noch wichtig?

Selbstorganisation im Team zum Beispiel. Das hierarchische Prinzip funktioniert nur bis zu einem gewissen Grad. Die Arbeitswelt wird partizipativer. Durch Social Media haben Menschen eine öffentliche Stimme zu allen Themen – wieso soll dann jemand auf der Arbeit keine Stimme haben?

Welchen Karrieretipp haben Sie für Berufseinsteiger?

Wenn man eine bestimmte Position anstrebt, ist es wichtig, Wege zu finden, mit denen man Weichenstellern zeigt, dass mehr in einem steckt. Auch finde ich es sehr wichtig, die eigenen Stärken zu erkennen und weiterzuentwickeln. Häufiger ist es noch Gang und Gäbe, dass die Entwicklung bei Schwächen angesetzt wird, das halte ich nicht für den richtigen Weg. Das eigene Potenzial entfaltet man über Stärken. Das gilt im Übrigen nicht nur für Berufseinsteiger.

Wichtig ist auch, dass man locker ist. Im Leben ist eben nicht immer alles total klar und planbar – auch wenn man das manchmal gerne so hätte. Wenn man das erkennt und sich Freiräume schafft, nimmt einem das unheimlich viel Druck.

Lese Sie weitere Interviews mit den Mitgliedern der Jungen Elite: Esra Küçük, Maike Becker-Krüger

Seit 2007 sucht Capital für das Projekt „Junge Elite“ in ganz Deutschland nach Talenten wie Anna Herrhausen und kürt alljährlich die „Top 40 unter 40“ in den vier Kategorien „Unternehmer“, „Manager“, „Politik“ sowie „Staat und Gesellschaft“. Alle sind jünger als 40 Jahre, haben beachtliche Erfolge vorzuweisen und noch viel Potenzial. Einige sind schon an der Spitze, andere noch auf dem Sprung dorthin; manche machen durch bahnbrechende Ideen und Start-ups auf sich aufmerksam, andere gehen den Weg durch Konzerne und Institutionen.