SerieDie Kunst des Comebacks: Blackberry

Der Chef von Blackberry: John Chen
Der Chef von Blackberry: John Chen
© Getty Images

Den Unterschied zwischen „Gut“ und „Nicht gut genug“ kennt John Chen seit seiner Jugend: Gut zu sein reicht nicht. Zumindest nicht, wenn man Großes vorhat. So wie damals in Hongkong: Chen, ein begabter Junge aus armem Elternhaus, gehörte zu den besten zehn Prozent Schülern der britischen Kronkolonie. Er war ehrgeizig. Wollte an einer Elite Universität im Ausland studieren. Doch sein Lehrer sagte: „Du bist nicht gut genug.“

John Chen wollte aber so gut sein. Er ließ sich einen Platz in einer US-Oberschule besorgen. Seine Mutter schrie ihn am Flughafen an: „Was machst du nur?“ Er ging, gerade 17, nach Vermont. „Ich sprach nur wenig Englisch. Ich dachte in Chinesisch. Ich konnte nicht schlafen vor lauter Angst. Aber ich lernte, für mich selbst zu sorgen.“ Er arbeitete, Tag und Nacht. Wenig später hatte Chen tatsächlich die Zulassung für die US-Eliteuniversität Brown.

So ist John Chen bis heute. Wenn er etwas will, arbeitet er daran. Bis zum Umfallen. Und wer für ihn arbeitet, muss es genauso machen. Sonst wird er gefeuert. 

Seit einiger Zeit hat Chen wieder etwas vor, für das er bis zum Umfallen arbeitet. Es ist allerdings eine ungleich schwierigere Mission: die Rettung von Blackberry. Der einstige Weltmarktführer für Smartphones ist so tief gefallen wie nur wenige Unternehmen, vergleichbar in der Branche nur mit Nokia.

Erfinder des Smartphones

Innerhalb eines Jahrzehnts hatten der Gründer Mike Lazaridis und sein Co-Chef Jim Balsillie einen Giganten geschaffen: Blackberry war der Erfinder des Smartphones, war ein Synonym für die mobile Ära, für Business, Erfolg, als Allerreichbarkeit noch ein Privileg war. In der Spitze nutzten 80 Millionen Menschen den für die Sicherheit berühmten E-Mail-Dienst, jedes fünfte verkaufte Smartphone war ein Blackberry, in den USA lag der Marktanteil sogar über 40 Prozent.

Und heute? Ist Blackberry nur noch ein Schatten seiner selbst. Der Umsatz: ist von rund 20 Mrd. Dollar auf 3,3 Mrd. eingebrochen. Der Marktanteil: wird mit 0,4 Prozent meist unter „Sonstige Hersteller“ ausgewiesen. Von einst 17 500 Mitarbeitern sind noch 7 000 übrig. Und der Jobabbau geht weiter.

Aber es gibt auch gute Nachrichten. Erste Lebenszeichen. Nach dem Rekordverlust von 5,9 Mrd. Dollar 2014 hat man zuletzt wieder kleine schwarze Zahlen verkündet: 28 Mio. Dollar im letzten Quartal. Aber es geht nicht nur um Zahlen: Chen hat eine Vision, wie Blackberry überleben – und zurückkommen kann. Und er wird nicht müde, sie überall zu erzählen und die Story von der Todesspirale zu ändern. Wie auf der Mobilfunkmesse Mobile World Congress in Barcelona Anfang März.

Es ist voll an diesem Morgen auf dem Blackberry-Event, ein gutes Zeichen. Rund 100 Journalisten aus aller Welt drängen sich vor der in Schwarz gehaltenen Bühne, Spot an. Da ist er, der Hoffnungsträger: John Chen. „Ich bin lange nicht mehr auf Partys gewesen“, sagt er, den linken Arm auf ein Stehpult gelehnt. „Wir haben schließlich keine fünf Jahre Zeit für die Wende.“ Sondern nur zwei. Und die, warnt er, seien bereits gut zur Hälfte abgelaufen.

Chen, 59, redet ohne Spickzettel, ohne Aussetzer. Fehlerlos. „Das Unternehmen hat sich stabilisiert. Und das ist eine gute Nachricht“, sagt er. Blackberry verdiene wieder Geld. Mit mehr als 3 Mrd. Dollar verfüge der Konzern über genug Cash. Anders als oftmals vermutet werde Blackberry auch weiterhin Handys herstellen. Erstmals seit Jahren sei man jetzt dabei, gleich vier neue Modelle binnen eines Jahres auf den Markt zu bringen. Und doch, sagt Chen, werde es weiter „große Schmerzen“ geben. Für den Umbau. Das neue Blackberry.

Die Kanadier können sich nicht mehr auf den Smartphone-Markt zurückkämpfen. Also konzentrieren sie sich auf ihre zentrale Fähigkeit: Spezialist für sichere Kommunikation. „Power-Professionals“ nennt Chen die neue Zielgruppe. Banker, Regierungsmitarbeiter, Ärzte, Forscher, die genau das brauchen.

Öffnung für Wettbewerber

Blackberry hat sich zudem geöffnet: Der verschlüsselte E-Mail-Dienst, nach wie vor Markenkern, ist seit Neuestem als App auch für das iPhone und Android-Geräte erhältlich. Das Gleiche gilt für den Kurznachrichtendienst Messenger. Künftig werde man mitten in einem Text-Chat per Tastendruck auch eine Telefonkonferenz schalten können, kündigt Chen an. „Wir bringen die besten Nuggets, die wir haben, auf alle Handy-Plattformen.“ Man könnte es auch anders formulieren: Blackberry kannibalisiert sich selbst. Es ist ein Strategieschwenk, riskant und radikal, die Öffnung des Ökosystems. Wird so das Comeback gelingen?

John Chen hatte schon mal Erfolg. 1997 kam er zu dem Datenbank-Anbieter Sybase, der vor der Pleite stand. Zu mächtig waren Rivalen wie Oracle. Chen wählte eine neue Strategie, setzte voll auf mobile Endgeräte statt auf PC-Software. Sybase, seit 2010 Teil von SAP, wurde gerettet.

Nun, sagt Chen, sei die Lage ähnlich. Wie bei Sybase müsse im ersten Schritt Blackberrys Bilanz in Ordnung gebracht werden. Das hat er gemacht, Assets – darunter Immobilien – verkauft. Er ist fast fertig. Ab sofort gehe es um Wachstum. Dabei braucht er auch Glück. Besonders in der IT-Industrie. Sie ist schnelllebig. Oft kommen mehrere zeitgleich auf die gleiche Idee. Oder eine Idee wird kopiert.

Blackberry selbst hatte jahrelang auch das Glück des Aufsteigers gehabt. Mike Lazaridis und Jim Balsillie brachten 2001 erstmals in großen Stückzahlen ihre Smartphones unter die Kundschaft. Die damaligen Marktführer Nokia und Motorola reagierten nicht. Blackberry nahm das spätere Erfolgsrezept des iPhone vorweg: die Kombination von Gerät und Datendiensten, eine Lösung aus einer Hand. Bis Mitte 2007 funktionierte das Geschäftsmodell prächtig. Dann kam das iPhone.

In Interviews, auch mit „Capital“, spielt Lazaridis die Bedeutung von Apples Wundergerät lange herunter: „Es handelt sich um ein Telefon, mit dem eigentlich nicht telefoniert werden kann“, spottet er. „Auf Glas“ ließe sich schlecht tippen.

Doch intern wird damals längst Klartext geredet. Lazaridis, der jedes neue Telefon der Konkurrenz persönlich seziert, ist schockiert vom Innenleben des iPhone: „Die haben einen Mac-Rechner in das Ding reingepackt!“, staunt er.

Der Arbeitsspeicher ist 22-mal so groß wie der eines „Blackberry Bold“, dem damaligen Spitzenmodell. Das iPhone, erkennt Lazaridis bald, ist eine neue Geräteklasse.