Mentale GesundheitViele Arbeitnehmer wünschen sich ein paar Tage mehr Urlaub

Für viele ist Stress ein großes Problem auf der Arbeit IMAGO / Shotshop

Für Unternehmen ist die Gesundheit ihrer Mitarbeiter ein sensibles Thema. Noch heikler wird es, wenn es um die mentale Gesundheit geht. Verlieren Mitarbeiter eines Unternehmens den Halt und werden psychisch krank, passiert das oft im Verborgenen. Noch immer gilt: Das Thema ist ein Tabu und mit dem Stigma  behaftet, wer erkrankt, sei einfach nicht belastbar.

Dabei sind die Zahlen erschreckend. Im Jahr 2019 haben sich rund 2,2 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mindestens einmal krankschreiben lassen, weil sie einfach nicht mehr konnten. Psychische Erkrankungen sind immerhin der dritthäufigste Faktor dafür, nicht auf der Arbeit zu erscheinen. Tendenz steigend. Die gute Nachricht ist: Bei vielen Führungskräften ist das Problem inzwischen angekommen. Die schlechte jedoch ist, dass ihre Lösungsansätze oft zu kurz greifen:

In einer Studie hat das Mental-Health-Start-up Nilohealth 1124 Menschen aus verschiedenen Industriesparten gefragt. 35 Prozent von ihnen waren im Personalwesen angestellt, 33 Prozent waren Geschäftsführende und Angestellte mit Führungsverantwortung. Wieder 33 Prozent waren normale Angestellte. Je nach Aufgabenbereich fielen die Antworten unterschiedlich aus. Fragt man etwa HR-Verantwortliche, wie man die Arbeitsbelastung unter den Angestellten senken könnte, antworten 42 Prozent von ihnen mit „flexibleren Arbeitszeiten“. 31 Prozent meinen, dass eine offene Kommunikation helfen könnte. 45 Prozent der Angestellten hingegen sind der Auffassung, dass ein paar zusätzliche Urlaubstage schon helfen würden. Und das ist nur ein Beispiel, das die Studie zu Tage fördert.

Catalina Turlea, (Mitte), Ines Räth, (links) und Jonas Keil haben nilo.health gegründet. Foto: nilo.health

Unwissen über mentale Gesundheit

Das Unwissen vieler Manager oder Personalverantwortlicher darüber, woran ihre Mitarbeiter eigentlich leiden und welche Rolle die Arbeit dabei spielt, verschärft die Problematik weiter: Als größte Stressfaktoren ihrer Mitarbeiter nannten die meisten Befragten,  Jobunsicherheit – dabei ist es vor allem der Leistungsdruck, der 41,5 Prozent aller Angestellten an die Belastungsgrenze treibt. Zu viel Arbeit, zu hohe Anforderungen, unklare Kommunikation. Eine Frage – zwei Sichtweisen, wenn man so will.

Zu hoher Leistungsdruck wirkt sich negativ auf die mentale Gesundheit aus. Quelle: nilo.health
Die meisten Arbeitgeber denken, dass sich vor allem Arbeitsplatzunsicherheit auf die mentale Gesundheit auswirkt
Die meisten Arbeitgeber denken, dass sich vor allem Arbeitsplatzunsicherheit auf die mentale Gesundheit auswirkt. Quelle: nilo.health

Es ist ein roter Faden, der sich durch das Ergebnis der Befragung von Nilohealth zieht. Geht es um die mentale Gesundheit, zeigt sich, dass viele Angestellte noch nie darüber nachgedacht haben, wie sie ihre Psyche schützen können. Zudem finden viele, das Thema sei eher Privatsache und habe im Arbeitskontext nichts zu suchen.

Jonas Keil ist einer der Gründer von Nilohealth. Dass viele Arbeitnehmer nicht gerne im Arbeitskontext über ihre geistige Gesundheit sprechen, habe einen Grund. „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft“, sagt er. Und das heißt: Wer zugibt, dass es ihm nicht gut geht, habe Angst, als schwach wahrgenommen zu werden.

Fließende Übergänge

Dabei, sagt Keil, betrifft das Problem alle. „Mentale Gesundheit deckt ein Spektrum ab, auf dem wir uns alle bewegen“, sagt er. Auf der einen Seite dieses Spektrums befänden sich die gesunden Leute, auf der anderen eben die, die erkrankt sind. Die Sache ist nur die, dass man aufgrund äußerer Einflüsse eben entlang dieses Spektrums entlang wandern kann. „Die Übergänge sind fließend“, sagt Keil. Jemand, der an einem Tag noch psychisch topfit ist, bewegt sich am nächsten Tag vielleicht schon in Richtung einer durch Stress ausgelösten Depression.

Es ist also erstaunlich, dass sich nur 23 Prozent der Angestellten bewusst Zeit dafür nehmen, sich mit ihrer mentalen Fitness auseinanderzusetzen. Unter Führungskräften und Personalern ist dieser Anteil wesentlich höher. Sie scheinen dem Thema „Arbeiten an der eigenen mentalen Gesundheit“ grundsätzlich offener gegenüberzustehen.

Führungskräfte arbeiten eher an ihrer mentalen Gesundheit.
Führungskräfte arbeiten eher an ihrer mentalen Gesundheit. Quelle: nilo.health

Dabei zeigt sich, dass es nicht nur im Interesse der Mitarbeiter wäre, sich mit sich selbst zu befassen. Denn auch die Firmenergebnisse leiden mit zunehmender Belastung der Arbeitskräfte in einem Unternehmen. Kündigt jemand, weil er dem Druck nicht mehr standhält, kostet das schlicht und ergreifend Geld. Die Personalabteilung muss sich darum kümmern, neue Mitarbeiter zu finden, sie müssen eingearbeitet werden. Im Schnitt kostet eine Kündigung ein Unternehmen rund ein Drittel des Jahresgehaltes des Mitarbeiters, der gegangen ist.

Zusätzliche Urlaubstage

Stress-bedingte Kündigungen sind natürlich ein Extremfall. Trotzdem sagen immerhin rund 17 Prozent der Angestellten, dass sie schon einmal ein Unternehmen verlassen haben, weil sie den Stress nicht mehr ausgehalten und keinen anderen Ausweg gesehen haben. Es ist daher  auch nicht erstaunlich, dass mehr als 45 Prozent der Angestellten sagen, dass zusätzliche Urlaubstage ein geeignetes Mittel wären, dem vorzubeugen. 35 Prozent wünschten sich flexiblere Arbeitszeiten.

Dabei könnten unabhängige Coaching-Programme in vielen Unternehmen das Problem, zwar nicht lösen, aber wenigstens lindern. Und das scheint bei vielen Personalern und Führungsverantwortlichen angekommen zu sein. 63 Prozent der Managerinnen und Manager gaben an, dass Zusatzangebote in dem Bereich ein wichtiger Faktor für die Jobwahl sein könnten. Diese Einschätzung korreliert auch damit, dass es für 55 Prozent der Menschen mit Führungsverantwortung wichtig ist, dass sich ihre Organisation um das Wohlbefinden der Angestellten kümmert. Fast die Hälfte der Arbeitnehmer gab allerdings an, dass sie darüber noch nie nachgedacht hätten. Auch hier herrscht also dringender Nachholbedarf.

Positive Entwicklung

Interessant ist auch, dass ein großer Teil der Angestellten angibt, die Corona-Pandemie habe ihr Stresslevel nicht verändert. Nur etwa ein Drittel fühlt eine stärkere Belastung. Fast die Hälfte aller Führungskräfte hingegen denkt, dass Pandemie und Lockdown ihre Mitarbeiter zusätzlich gestresst hat.

Nur ein Drittel der Arbeitnehmer gibt an, durch die Pandemie mehr Stress empfunden zu haben.
Nur ein Drittel der Arbeitnehmer gibt an, durch die Pandemie mehr Stress empfunden zu haben. Quelle: nilo.health
Was Stress duech Corona angeht, haben viele Führungskräfte ein falsches Bild von ihren Mitarbeitern.
Was Stress duech Corona angeht, haben viele Führungskräfte ein falsches Bild von ihren Mitarbeitern. Quelle: nilo.health

„Für uns ist es daher wichtig, dass wir im ganzen Unternehmen Aufmerksamkeit für das Thema schaffen“, sagt Keil. Es geht auch um Aufklärung. Über ihren Service bekommen alle Mitarbeiter Kontakt zu Psychologen und Therapeuten, mit denen sie über ihre Probleme sprechen können, ohne dass andere das mitbekommen. Eine Entwicklung sieht Keil immerhin positiv: Vor der Pandemie sei die mentale Gesundheit bei den meisten Unternehmen gar kein Thema gewesen. Das habe sich aber geändert. „Wir befinden uns da an einem Wendepunkt“, sagt er. Mentale Gesundheit bleibt zwar ein sensibles Thema. Der Umgang damit aber verändert sich.