SemesterstartWelche Städte können sich Studierende noch leisten?

Anschlag an einem Hauseingang IMAGO / Ralph Peters

Der Beginn eines Studiums ist an sich schon aufregend genug: Lehrpläne verstehen, Kurse wählen, Vorlesungssäle finden. Wer auch noch eine Wohnung braucht, findet die wahre Herausforderung regelmäßig bei der Suche nach einem bezahlbaren Zimmer. Die Neuauflage des Wohnungsreports, den die Finanzberatung MLP jährlich vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) erstellen lässt, offenbart das Drama in Zahlen: Die Mieten für studentisches Wohnen sind im vergangenen Jahr in 30 untersuchten Unistandorten erneut um durchschnittlich 1,8 Prozent gestiegen. Die Preise für WG-Zimmer stiegen im Durchschnitt um 0,9 Prozent.

Das ist zwar etwas weniger als in den Jahren zuvor, aber keine Trendwende, und das trotz Corona und Lockdowns an den Unis. Obwohl sich also viele Abiturienten im vergangenen Jahr gefragt haben, ob es überhaupt nötig und sinnvoll ist, in eine neue Stadt zu ziehen, wenn Kurse sowieso nur online stattfinden und das soziale Leben darniederliegt, bleiben die Studi-Bleiben teuer.

Reiner Braun, Vorstandsvorsitzender der Empirica AG, ein auf Immobilienmärkte spezialisiertes Forschungsinstitut, lässt jedes Jahr die WG-Mietpreise der Inserats-Webseite WG-Gesucht auswerten. Er geht davon aus, dass die Preise dort bald noch stärker steigen werden. Zugleich beobachtet er seit einigen Jahren einen Trend bei Studierenden und auch Erwerbstätigen, in kleinere Städte neben den Metropolen zu ziehen, um besonders teuren Pflastern zu entgehen. Sie ziehen also beispielsweise nach Frankfurt an der Oder statt nach Berlin, nach Augsburg statt München oder nach Pforzheim statt Karlsruhe oder Stuttgart. Die Wahl des Studienstandortes, sagt Braun, hängt zunehmend nicht mehr nur vom Ruf der Hochschule oder der Attraktivität einer Stadt ab, sondern immer häufiger vom Wohnungsmarkt am Standort und im Umland.

Die inserierten WG-Zimmer und Wohnungen in unterschiedlichen Städten lassen sich mit ihrer Lage und Ausstattung nicht direkt vergleichen. Um herauszufinden, wie teuer Studienstädte wirklich sind, normieren die Forscher das Angebot deshalb für ihre Analyse.

Ost-West-Gefälle

Michael Voigtländer, IW-Immobilienexperte und einer der Autoren des Wohnungsreports 2021, rechnet für den Vergleich mit einer studentischen Musterwohnung mit 30 Quadratmetern und einem Muster-WG-Zimmer mit 20 Quadratmetern, beide mit durchschnittlicher Ausstattungsqualität und in direkter Umgebung zur nächsten Hochschule. Daraus entsteht ein umfassender Wohnkosten-Atlas für Studierende. Die Analyse zeigt unter anderem:

  1. München ist und bleibt das teuerste Pflaster für Studierende. Hier kostet eine 30 Quadratmeter große Studentenwohnung rund 800 Euro und ein 20-Quadratmeter großes WG-Zimmer im Schnitt 554 Euro.
  2. Zweiter Platz ist Stuttgart mit 750 Euro für die Wohnung und 440 Euro für das WG-Zimmer.
  3. Auf dem dritten Platz folgt Köln mit 663 Euro für die Wohnung und 440 Euro in der WG.
  4. In Berlin, Frankfurt und Hamburg kosten Wohnungen zwischen 600 und 650 Euro, WG-Zimmer 370 bis 420 Euro.
  5. Dresden, Bochum, Greifswald, Leipzig und Magdeburg sind die günstigsten Städte fürs Studium. Hier kostet die Miete für die Wohnung weniger als 400 Euro, ein WG-Zimmer ist für unter 250 Euro zu haben.

Ein klares Gefälle zeigt sich weiterhin zwischen ost- und westdeutschen Städten. Im Süden und Südwesten ist das Studieren inzwischen so teuer, dass Michael Voigtländer rät, sich anderswo umzuschauen: „Als Vater würde ich mich bemühen, meinen Kindern Alternativen zu München und Stuttgart aufzuzeigen, wo man mehr für sein Geld bekommt.“ Er rechnet frühstens in 10 bis 15 Jahren mit einer Entspannung der Lage, wenn geburtsschwächere Jahrgänge an die Unis folgen.

Wohnheime sind oft etwas preiswerter

Grundsätzlich sind die Quadratmeterpreise für WGs deutlich höher als die für Mietwohnungen. In München etwa liegt die Miete für ein WG-Zimmer im Mittel bei 31 Euro. Der Quadratmeterpreis von 40-Quadratmeter-Wohnungen liegt bei 25 Euro. Bei noch größeren Wohnungen sinkt der Preis auf 21 Euro. Ein Grund für den Preisunterschied: Bei WG-Zimmern zählt immer nur die Fläche des inserierten Einzelzimmers. Gemeinschaftsflächen wie Küche oder Badezimmer kommen aber de facto als Wohnraum dazu.

Wer die hohen Preise nicht zahlen kann oder will, muss Alternativen suchen. Wohnheime sind oft etwas preiswerter. Im europäischen Ausland gibt es zum Teil sehr kreative Lösungen. Amsterdam beispielsweise hat den Containercampus Keenwonen errichtet und dort über 1000 Wohneinheiten für Studierende geschaffen, um die Lage zu entspannen. In Großbritannien erhalten Studierende im ersten Jahr grundsätzlich einen Platz im Wohnheim, müssen erst danach auf dem freien Wohnungsmarkt suchen. Und viele deutsche Uni-Städte haben in den vergangenen Jahren versucht, ältere Hausbesitzer zu überreden, Zimmer unterzuvermieten, zum Teil im Tausch gegen Alltagshilfen durch die jungen Menschen. Die „Wohnen-für-Hilfe“-Projekte haben in der Pandemie allerdings einen Dämpfer erhalten.

 


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