ImmobilienNiederlande: für jede Lebensphase das passende Haus

Häuserzeile im niederländischen Haarlem
Häuserzeile im niederländischen Haarlemimago images / Cavan Images

Wenn Jessie Wagenaar die Balkontür ihrer Altbauwohnung öffnet, wundert man sich. Der Innenhof ist nicht viel größer als eine Schrebergartenparzelle, aber er wirkt unglaublich grün. Die Balkone ringsum sind ähnlich geschmackvoll möbliert wie Jessies eigener, und man ahnt, dass es hier sehr gemütlich werden kann, wenn die Nachbarn eines ihrer Hoffeste feiern. Heute aber ist es ruhig auf dem Balkon – so ruhig, dass man kaum glauben kann, sich in einem der ältesten Viertel Amsterdams zu befinden.

Der Balkon ist eine stille Oase inmitten der quirligsten Stadt der Niederlande. Auch der Rest der Wohnung mit ihrem Erker, dem Parkett und der stilvollen Wohn­küche sieht aus, als habe sie jemand für das Fotoshooting eines Einrichtungsmagazins hergerichtet. Je länger man sich umsieht, desto weniger begreift man, dass jemand eine solche Wohnung freiwillig verkaufen und wegziehen will.

Cover Sonderheft Immobilien
Der Beitrag ist im Capital Sonderheft „Der große Traum vom Haus“ erschienen

Genau das aber hat Jessie Wagenaar vor. Schuld daran ist ihre Tochter, die bald ein bisschen zu groß für das Kinderzimmer der 67-Qua­dratmeter-Wohnung sein wird. Deshalb will die Familie umziehen. Jessie und ihr Mann haben eine neue Wohnung gekauft, nur ein paar Straßen weiter, mit 104 Qua­dratmetern. Sie liegt wieder in einem alten Back­steinhaus, das von außen fast genauso aussieht wie das alte. Guckt man dort aus dem Fenster, blickt man auf eine Gracht. Schwäne und Enten ziehen ihre Bahnen, dazwischen tuckern jene Kleinboote vorbei, auf denen Amsterdamer zur Arbeit schippern, Paare zusammen picknicken oder sich Rentnertrupps zum Frühschoppen treffen.

Wer hierherzieht, verliert nichts, sondern gewinnt Quadratmeter und Lebensqualität. Aber kann man sich solche Wohnungen in dieser Stadt überhaupt noch leisten? Amsterdam ist zwar nicht München oder Frankfurt, doch zwischen 6000 und 9000 Euro kostet der Quadratmeter trotzdem in der teuersten Stadt der Niederlande.

Fliegender Wechsel

Man kann, wenn man es macht wie Jessie Wagenaar. Die ist kaum Mitte 30 und kauft bereits ihre vierte Immobilie. Und zwar nicht, weil sie zufällig als Vertriebsfrau in der Immobilienbranche arbeitet, sondern weil sie es so macht, wie es auch andere Niederländer gern tun. Die kaufen nämlich oft schon mit 25 oder 30 Jahren ihr erstes Apartment, sagen die Statistiken des nationalen Wohnungsreports.

Für die allermeisten wird es nicht die letzte Wohnung sein, die sie sich im Lauf des Lebens zulegen. Im Schnitt passen sie alle zehn bis 15 Jahre ihr Wohneigentum an ihre Lebensumstände an – ab 45 Jahren dann etwas seltener. Vor wenigen Jahren waren Niederländer, die zum ersten Mal eine Wohnung kaufen, im Schnitt 32 Jahre alt. Inzwischen sind zwar vor allem Erstkäufer in Großstädten etwas älter, was den gestiegenen Immobilienpreisen geschuldet ist, dennoch liegt das Durchschnittsalter der Käufer unter 40. In Friesland etwa, wo die Mak­lerin Zwany van Brussel seit über 20 Jahren ihr Geschäft hat, gilt schon als alt, wer mit 30 ein Haus kauft. „Hier kauften die jungen Leute früher mit Anfang 20“, sagt sie. Deutsche Käufer dagegen gehen mit ihren durchschnittlich 48 Jahren schon fast auf die Rente zu.

Wer wissen will, warum das Immobiliengeschäft in den Niederlanden so anders läuft als hierzulande, muss sich zunächst den dortigen Mietmarkt ansehen. Der gilt als einer der reguliertesten in ganz Europa. Im Gros besteht er aus Sozialwohnungen mit überschau­baren Mieten, deren Höhe ans Einkommen gekoppelt ist. Das heißt: Bis zu einem Bruttoverdienst von 36.000 Euro im Jahr zahlt jeder prozentual dasselbe. „Und die Wartelisten sind lang“, sagt Han Joosten, Leiter der Marktforschung beim Immobilienentwickler BPD. „Auf eine solche bezahlbare Mietwohnung in Amsterdam wartet man zwölf Jahre, in Utrecht vier Jahre.“ Nur zehn Prozent aller Wohnungen werden frei vermietet an jene, die mehr verdienen. Weil es nur so wenige sind, sind sie entsprechend teuer.