InterviewMietspiegel - „4 mal 4 ist 17“

Schild zu vermieten im Fenster einer Wohnung
Wohnung zu vermieten
© Imago

Walter Krämer ist Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Technischen Universität Dortmund. Der 66-Jährige begutachtet als gerichtlich bestellter Sachverständiger seit Jahren die Wissenschaftlichkeit von Mietspiegeln.Walter Krämer ist Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Technischen Universität Dortmund. Der 66-Jährige begutachtet als gerichtlich bestellter Sachverständiger seit Jahren die Wissenschaftlichkeit von Mietspiegeln.


Capital: Professor Krämer, seit Juni gilt die Mietpreisbremse in Berlin. Sie zweifeln als Sachverständiger die Grundlage an, den örtlichen Mietspiegel. Warum?

Krämer: Er enthält diverse handwerkliche Fehler. So soll eine hochwertige Küche den mittleren Mietwert pro Quadratmeter erhöhen. Das ist Blödsinn. Eine gute Küche steigert die Miete natürlich, aber eher um einen fixen Betrag pro Wohnung.

Sind Sie gegen Mietspiegel?

Ganz und gar nicht. Als Ökonom bin ich ein Anhänger von maximaler Information. Mietspiegel sind, wenn sie gut gemacht sind, ein Segen. Aber sie müssen das Marktgeschehen korrekt abbilden.

Aber der Berliner Mietspiegel gilt doch als einer der aufwendigsten der Republik…

Die Schätzung von mittleren Mieten nach dem Berliner Verfahren ist aufwendig, teuer – und man kann sie sich sparen. Die Leute, die das gemacht haben, sind Amateure mit beschränkter Ahnung von Statistik.

Plädieren Sie für eine Vereinfachung?

Genau. Weniger ist mehr. Durchschnittsmieten sind eine wertvolle Information. Wichtiger als Maßstab ist aber die Preisspanne, die zwei Drittel aller Mieten abbildet. Einen einzigen Wert zu nehmen ist Kokolores.

Man sollte gar nicht erst den Ehrgeiz haben, herauszufinden, wie viel eine hochwertige Küche mit Dunstabzugshaube und den tollsten Geräten im Durchschnitt mehr an Miete einbringt – gemittelt für ganz Berlin. Genau das wurde versucht.

Es wäre besser, sich an die vorgeschriebene Kriterien zu halten wie Lage, Baualter und Ausstattung einer Wohnung – und nicht noch zusätzliche Kategorien zu erfinden.

„Das Verfahren ist statistisch schlicht nicht sauber“

Bisher galt der Mietspiegel ja als sakrosankt…

Was heißt sakrosankt? Wenn sich alle Parteien auf dieses Instrument einigen, haben wir 1000 Gerichtsprozesse gespart. Solange erfüllt der Mietspiegel eine sinnvolle Funktion. Aber wenn Sie dann einen Statistiker wie mich fragen, ob er richtig gemacht ist, muss ich die Wahrheit sagen: in Berlin nein.

Wer wird denn in Berlin bisher benachteiligt, Mieter oder Vermieter?

Das Verfahren ist statistisch schlicht nicht sauber. Es kann beide treffen.

Wie lösen andere Städte das Problem?

In München gab es vor Jahren auch Streit, da wird der Mietspiegel nun von Profis gemacht – von Statistikern der Uni. Das ginge in Berlin auch, da gibt es ein Dutzend entsprechende Lehrstühle.

Der Bundesjustizminister will jetzt Kriterien für Mietspiegel auf wissenschaftlicher Basis entwickeln…

…ja, aber eigentlich müsste man Wissenschaftler fragen und nicht den Landrat oder den Innensenator. Das Problem ist: zu viel Politik, zu wenig Statistik.

Bevor es qualifizierte Mietspiegel gab, wurde die Vergleichsmiete in vielen Städten ausgehandelt. Mieter- und Vermieterverbände entschieden, was man den Leuten vor Ort zumuten kann – und dann kam heraus: zum Beispiel sechs Euro. Das war dann die Vergleichsmiete.

Sehen Sie ein Umdenken?

Ich hoffe es. Wenn die Gerichte die Forderung ernstnehmen, dass ein qualifizierter Mietspiegel wissenschaftlichen Grundsätzen genügen muss, entscheiden eben nicht mehr die beteiligten Parteien über diese Wissenschaftlichkeit. Die saßen bisher bei Kaffee und Kuchen zusammen und beschlossen: 4 mal 4 ist 17.

Aktuelle Mietpreise für alle Wohnviertel Deutschlands finden Sie im Capital Immobilien-Kompass: immobilien-kompass.capital.de