Immobilien Knapper Wohnraum? Russischer Milliardär plant Bausatz-Revolution

Das Wohngebiet "Schulebino Park" der PIK-Gruppe in Ljubertsy, in der Nähe von Moskau
Das Wohngebiet "Schulebino Park" der PIK-Gruppe in Ljubertsy, in der Nähe von Moskau
© Bloomberg
Der russische Milliardär Sergej Gordejew will den Wohnungsbau neu erfinden. Modulare Wohnhochhäuser, die online vermarktet werden, ist das Konzept. An Plattenbauten sollen die Gebäude nicht erinnern

Die russische PIK Group PJSC von Sergej Gordejews ist mit einem Zuwachs von fast 140 Prozent in diesem Jahr zum wertvollsten Wohnungsbauunternehmen Europas aufgestiegen. Nun will der Milliardär den Bau und die Vermarktung von Wohnungen revolutionieren. Er sieht seine Branche vor einem Umbruch ähnlich jenen, die auf Verbrennungsmotoren und stationäre Ladengeschäfte zukommen.

Gordejew hat den Ehrgeiz, sein Unternehmen, das derzeit gut 11 Mrd. Euro wert ist, in einen weltweit führenden Anbieter von modularen Wohneinheiten umzuwandeln, der Wohnhochhäuser innerhalb von Wochen errichten kann. Gleichzeitig soll eine Plattform entstehen, die Kauf und Anmietung von Wohnungen so einfach macht wie Einkaufen im Internet.

„Es wird dieselbe disruptive Revolution im Bauwesen geben“ wie in den Bereichen E-Commerce, Elektroautos und im Bankgeschäft, sagte Gordejew im Interview. „In drei Jahren werden unsere anderen Unternehmen das Bauträgergeschäft als Hauptumsatztreiber hinter sich lassen.“

Gordejews Geschäft profitiert vom Boom bei den russischen Wohnungspreisen, die in der Folge der Lockdowns und der weltweiten Pandemie gestiegen sind. Gordejew, Mehrheitsaktionär und Vorstandschef von PIK, war einer der größten Nutznießer des angespannten Marktes. Sein Nettovermögen hat sich dank der Aktiengewinne laut dem Bloomberg Billionaires Index in diesem Jahr auf 8,6 Mrd. Dollar mehr als verdoppelt.

PIK Group surged this year, outperforming emerging-market peers
© Bloomberg

PIK könnte noch diese Woche im Rahmen eines öffentlichen Angebots Aktien anbieten, berichtete Kommersant am Montag unter Berufung auf nicht näher bezeichnete Personen. Das Geld könne zur Finanzierung der Modulbausparte verwendet werden, so die Zeitung. Ein PIK-Sprecher reagierte nicht sofort auf eine Bitte um Stellungnahme.

PIKs neuer Geschäftsbereich, genannt Units, verwendet Module, die in einer Fabrik zusammengebaut werden, um Zeit und Arbeitskosten zu sparen. Das erste modulare Projekt, ein neunstöckiges Gebäude mit 136 Wohnungen in Moskau, soll im Oktober von etwa 30 Arbeitern binnen zwei Wochen montiert werden.

„In 10 bis 15 Jahren wird die Branche völlig anders aussehen“, sagte Gordejew. „Es wird alles aus Modulen bestehen.­“

Strukturelle Integrität

Im Gegensatz zu den beengten Plattenbauten der Sowjetzeit sollen seine modularen Wolkenkratzer qualitativ hochwertig und attraktiv sein, sagt Gordejew. Die experimentelle Gebäudetechnik, die weltweit immer beliebter wird, um den hohen Bedarf an bezahlbarem Wohnraum zu decken, muss ihre bauliche Integrität und Stabilität jedoch erst noch unter Beweis stellen.

Units betreibt derzeit eine Fabrik, die einem Autofließband nachempfunden ist und jährlich 40.000 Quadratmeter Wohnraum produzieren kann, was etwa 800 durchschnittlichen Wohnungen in Moskau entspricht. Ein zweites Werk mit der vierfachen Kapazität soll im Mai in Betrieb gehen. Weitere Fabriken, darunter eine in der philippinischen Hauptstadt Manila, sind für 2023 geplant.

Wenngleich die Bewertungen von Immobilienentwicklern in die Höhe schießen, verblassen sie doch im Vergleich zu den Multiplikatoren von Technologieunternehmen. Das spornt viele Unternehmen an, digitaler zu werden, darunter auch PIK.

PIK hat während der Pandemie den Verkauf neuer Wohnungen in die Online-Welt verlagert. Nun wird der virtuelle Marktplatz erweitert um Mietobjekte, den Sekundärmarkt und neue Angebote auch von anderen Bauträgern. Gordejew sagte, PIK werde Hunderte von Milliarden Rubel in seine Technologieinitiativen investieren.

Zusätzliche Unannehmlichkeiten

Die Kvarta-Plattform, die der von Opendoor Technologies ähnelt, ermöglicht es Nutzern, online Wohnungen zu kaufen, zu verkaufen oder zu mieten, ohne sich mit Gegenparteien auseinandersetzen oder die Immobilie gar vorher anschauen zu müssen. Kvarta kauft und verkauft die Immobilien selbst, wodurch die Transaktionszeit kurz ist. „Makler, Vermittler und Hausbesitzer schaffen nur zusätzliche Unannehmlichkeiten“, so Gordejew. „Unser System verlagert das alles online und macht es vollkommen rational.“

Gordejew schätzt den Wert des russischen Sekundärmarktes auf über 165 Mrd. Dollar pro Jahr. Er prognostiziert für dieses Jahr einen Umsatz von 330 Mio. Dollar bei Kvarta bei einer Marge von etwa zehn Prozent.

Sowohl die Projekte für den modularen Bau als auch der Online-Marktplatz haben laut Gordejew das Potenzial, für Börsengänge aus dem Mutterunternehmen ausgegliedert zu werden. „Diese Tech-Initiativen sind gut und könnten, wenn sie funktionieren, zu höheren Bewertungen ausgegliedert werden“, sagte BCS-Analystin Elena Tsareva. „Aber PIK ist immer noch ein Bauträger, dessen Wert von seiner Fähigkeit abhängt, Kosten, Zinsen und seine physische Präsenz zu kontrollieren.“

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©2021 Bloomberg L.P.


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