ProptechDie Immobilienbranche hinkt bei der Digitalisierung hinterher

Baustelle in Essen: In der Immobilienwirtschaft geht es immer noch analog zuimago images / Rupert Oberhäuser

Die Voraussetzungen könnten nicht besser sein: Der Immobiliensektor ist finanziell stark aufgestellt und die digitale Transformation zumindest soweit in den Köpfen der Marktteilnehmer angekommen, dass sie ihr einen eigenen Namen verpasst haben – Proptech. Trotzdem ist die Immobilienbranche noch erstaunlich analog unterwegs. Während Unternehmen beispielsweise im Handel schon seit Jahren neue Technologien hervorbringen, sind digitale Lösungen und innovative Ansätze für die Immobilienwirtschaft bisher kein Thema gewesen – wenn man von Internetplattformen rund um Kauf und Vermietung absieht. „In der Immobilienwirtschaft hat man lange geglaubt, dass Veränderung überall stattfindet, nur nicht bei uns“, sagt Jochen Schenk, Vorstandsvorsitzender des Immobilienfonds-Anbieters Real I.S. „In der Praxis ist das aber tatsächlich nicht der Fall.“

Schenk ist einer der Herausgeber des „Innovationsbarometer der Immobilienwirtschaft“. Im vergangenen Jahr hat Real I.S. zusammen mit dem Beratungsunternehmen CBRE Branchenexperten befragt, wie hoch der Transformationsdruck in der Immobilienwirtschaft ist – also wie dringend die Branche Innovationen benötigt. Ergebnis: Der Transformationsdruck ist allen Bereichen gleichermaßen hoch, egal ob in der Projektentwicklung, bei der Hausverwaltung oder auf Seiten der Investoren. Und er dürfte weiter steigen. Denn die EU hat sich mit dem Green Deal das Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutral zu werden. Der Immobiliensektor ist für rund 40 Prozent des Energieverbrauchs verantwortlich. Es muss sich somit eine ganze Menge verändern, damit die EU ihr ehrgeiziges Ziel erreicht.

Ein gemeinsames Datenmodell fehlt

Um den Energieverbrauch branchenweit zu senken, braucht man mehr kompatible Daten, sagt Schenk, also einen gemeinsamen, einheitlichen Datensatz, der die Grundlage für die Digitalisierung von Arbeitsprozessen bilden soll. Nur so könnten neue Strukturen und Prozesse entstehen, die wiederum dazu führen, dass der Energieverbrauch der Branche sinkt.

Genau da liegt der Knackpunkt. „Es gibt weder in Deutschland, geschweige denn darüber hinaus, ein gemeinsames Datenmodell der verschiedenen Akteure in der Immobilienbranche“, erklärt Schenk. Anders als in der Industrie: Sie besitzt mit SAP eine Software, die es ihr ermöglicht, die Produktion zu steuern und zugleich Logistik und Buchhaltung abzubilden. In der Immobilienwirtschaft setzen Unternehmen und Akteure für die einzelnen Aufgabenbereiche dagegen viele verschiedene Technologien ein.

Das Problem: Ein einzelnes Proptech- oder Fintech-Unternehmen kann immer nur einen kleinen Teil der Prozesse abbilden. „Es ist nicht mit einer gekauften Office-Lösung etwa von Microsoft getan, sondern da liegen ganz tiefe Geschäftsprozesse hinter. Diese muss man neu aufsetzen und damit ein Datenmodell kreieren“, erläutert Schenk weiter. Dazu sei es nötig, sich über die gesamte Branche hinweg zu verständigen. „Es hilft nicht, dass nur auf der Seite der einzelnen Unternehmen zu machen.“

„Innovation kann ein Mittel sein, sich von der Konkurrenz abzuheben und den zunehmend strengeren Standards der Gesetzgeber gerecht zu werden“

Jochen Schenk

Eine weitere Herausforderung für die Branche ist der Fachkräftemangel. Es gibt nur wenige Menschen, die über die technischen Kenntnisse und das Fachwissen verfügen, um neue Arbeitsprozesse und Technologien zu entwickeln und umzusetzen. Fort- und Weiterbildungen dürften für die Branche immer wichtiger werden. Das haben mittlerweile zwar die meisten Akteure verstanden. An der Umsetzung hapert es aber.

Umso wichtiger ist es, dass die Branche den wachsenden Druck nutzt, um die Digitalisierung voranzutreiben. „Innovation kann ein Mittel sein, sich von der Konkurrenz abzuheben und den zunehmend strengeren Standards der Gesetzgeber gerecht zu werden“, sagt Schenk. Ob die Branche in Zukunft enger kooperiert, um eigene Standards durchzusetzen, wird sich zeigen.

 


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