Immobilien-KompassDer Immobilienmarkt läuft heiß

Mann und Frau vor Maklerbüro
Symbolbild: ImmobilienkaufGettyimages

Selbst Karl Marx würde wohl große Augen machen, könnte er miterleben, was heute an dem Berliner Boulevard los ist, der seinen Namen trägt. In „Kommerzallee“ haben die Anwohner die Karl-Marx-Allee umbenannt, Bettlaken hängen aus den Fenstern, darauf steht „Protest“ und „Mieteraktion gegen Spekulation“. Nichts Geringeres als die Enteignung des Unternehmens Deutsche Wohnen, dem der Häuserblock seit Neuestem gehört, fordern sie.

Nach zehn Jahren Boom auf dem deutschen Immobilienmarkt ist bezahlbarer Wohnraum zum großen Politikum geworden, gerät sogar das Recht auf Eigentum unter Beschuss. Nicht nur in Berlin, auch in München, Stuttgart und Hamburg gehen Mieter auf die Straßen, und Parteien überbieten sich mit Vorschlägen, wie der Preisauftrieb einzudämmen sei: Mietpreisbremse, Auflagen für Sanierungen, staatliche Zuschüsse, Vorkaufsrechte für Kommunen, bis hin eben zur Forderung in Berlin, alle Vermieter mit mehr als 3000 Wohnungen zu enteignen.

Seit Anfang April sammeln die Anhänger der Idee Unterschriften für einen Volksentscheid, die Linkspartei ist dafür, die Grünen allmählich auch und die SPD kann sich nicht so recht entscheiden. Dass die Kampagne so die erste Hürde nimmt – rund 170.000 Unterschriften braucht man für ein Volksbegehren –, ist in Berlin ziemlich wahrscheinlich. Und auch wenn das Vorhaben am Ende scheitern sollte (was bei Weitem keine Selbstverständlichkeit in der Stadt ist), so verunsichert schon der Ruf nach Verstaatlichung große, internationale Investoren. Hinter der Aufregung in Berlin steht aber auch die Frage: Was würde wirklich helfen gegen steigende Preise und Mieten?

Seit die Finanzkrise vor zehn Jahren die Anlagezinsen auf null drückte, ist der hiesige Wohnungsmarkt steil im Aufschwung. Vor allem in den sieben größten deutschen Städten haben die Mieten seit dem Jahr 2010 enorm angezogen – nach Berechnungen des Analysehauses Empirica teils um bis zu 40 Prozent. Die Kaufpreise kletterten noch steiler und haben sich seit 2010 in den Metropolen teils verdoppelt.

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Dagegen legten die Einkommen laut Statistischem Bundesamt im Bundesschnitt um knapp 26 Prozent zu. Die Ausgaben für Wohnen steigen zumindest in den Metropolen also schneller als die Einnahmen. In Berlin geben Mieter im Neubau inzwischen mehr als 40 Prozent ihres Nettoeinkommens fürs Wohnen aus, berechnete das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Eine Quote jenseits der 30 Prozent gilt eigentlich als zu viel.

Kein Wunder, dass Politiker das Thema aufgreifen. Grünen-Chef Robert Habeck setzte sich Anfang April an die Spitze der Bewegung, indem er Sympathie mit der Enteignungsidee bekundete: „Das Grundgesetz sieht Enteignungen zum Allgemeinwohl ausdrücklich vor“, sagte er. Auch Justizministerin Katarina Barley, im Nebenjob SPD-Spitzenkandidatin für die Europawahl Ende Mai, schloss die Idee nicht aus. Derart bedrängt reagiert auch Kanzlerin Angela Merkel: „Wir brauchen dringend mehr Wohnungen“, und Wirtschaftsminister Peter Altmaier nennt bezahlbaren Wohnraum in einem Atemzug mit Vollbeschäftigung und sozialer Teilhabe als „wichtigste politische Ziele“ der Regierung.