Daniel Saurenz Zeitenwende am Aktienmarkt: Das Spiel aus Angst und Gier

Börsenhändler an der NYSE im Januar
Börsenhändler an der NYSE im Januar
© IMAGO / Xinhua
Steigende Zinsen und anziehende Inflation bei nachlassender Wirtschaftskraft sind ein schwieriger Cocktail für die Aktienmärkte. Dennoch sind weiterhin Gewinne möglich – mit der richtigen Strategie

Eine ganze Generation an hoch bezahlten Investmentbankern musste sich bisher nicht mit den Folgen steigender Zinsen beschäftigen. Seit vielen Jahren zeigt der Trend abwärts. Langfristig ist auch noch nicht viel passiert, auf Sicht der vergangenen Wochen sieht die Lage aber anders aus.

Ende 2021 stand die Rendite der richtungsweisenden zehnjährigen US-Anleihen bei 1,5 Prozent. In dieser Woche schaute der Zins erstmals seit Ende 2018 wieder über die Marke von drei Prozent. Auch wenn das Niveau historisch gesehen weiter sehr niedrig ausfällt, hat sich die Rendite also verdoppelt. Übertragen auf den Aktienmarkt müsste der Dax, um im Bild zu bleiben, bei rund 32.000 Punkten stehen.

In der Realität zeigte der S&P 500 mit minus 13 Prozent bis Ende April den schlechtesten Viermonatsstart seit 1939, der Nasdaq-Index verbuchte im April den höchsten Monatsrückschlag seit der Finanzkrise 2008. Steigende Zinsen als Hauptbelastungsfaktor anzuführen, greift allerdings zu kurz. Im Durchschnitt kletterte der S&P 500 in einem Zinserhöhungszyklus um rund elf Prozent, nur in drei der letzten elf Straffungsrunden seit 1946 büßte der Index ein. Wenig überraschend, denn steigende Zinsen erfolgten meist in einem gesunden wirtschaftlichen Umfeld.

Jetzt treffen hingegen gleich drei Bremseffekte auf die Märkte. In China leidet die Wirtschaft zunehmend unter den harten Corona-Maßnahmen. Besonders die stark auf den Export ausgerichtete deutsche Wirtschaft ist davon betroffen, kein anderer Absatzmarkt hat so stark an Bedeutung gewonnen. Bei Infineon liegt der China-Anteil am Umsatz bei rund 40 Prozent, BMW und Daimler kommen auf etwa 30 Prozent, Adidas auf gut 20 Prozent. Je länger China offline bleibt, desto stärker die Bremseffekte in den Lieferketten des Landes und desto mehr Produkte werden auf den Weltmärkten nicht verfügbar sein. Noch sind die Lager gut gefüllt.

Ist eine Rezession unvermeidbar?

Doch schon im laufenden zweiten Quartal dürften sich die negativen Effekte auch in den Produktionsketten in anderen Ländern auswirken. „Was in China passiert, bleibt nicht in China“, meint Gil Shapira, Chefstratege beim britischen Broker eToro. „Europa droht eine Rezession, die verhängten Sanktionen und hohen Energiekosten belasten die Konjunktur. Der US-Motor brummt zwar noch, aber auch hier ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis die strafferer Geldpolitik die Wirtschaftsdynamik spürbar bremsen wird“, glaubt Shapira.

Zudem hat die Fed an Glaubwürdigkeit verloren. Viel zu lange wurde der Inflationsanstieg als „vorübergehend“ bewertet. Inzwischen liegt die Teuerung in den USA auf dem höchsten Niveau seit 40 Jahren. Lieferengpässe und ein angespannter Arbeitsmarkt befeuern den Preisaufschwung. Eine Stagflation mit hoher Inflation und geringem Wirtschaftswachstum würde der Fed die Hände binden. 

In dieser Gemengelage sind stramme Zinserhöhungen ein Spiel mit dem Feuer. Fast noch wichtiger für die Aktienmärkte ist aber, dass es vorerst keine Anleihekäufe mehr geben wird und somit eine wesentliche Säule der jahrelangen Rally wegbricht. Inzwischen schlummern in der Notenbankbilanz rund 9000 Mrd. Dollar. Im ersten Schritt wird der Wertpapierbestand reduziert, aber nur sehr vorsichtig. Die Fed verringert zunächst nur die maximale Reinvestition der auslaufenden Wertpapiere und sieht selbst die Zeit für aktive Wertpapierverkäufe noch nicht gekommen. Offenbar herrscht auch bei den Währungshütern größere Unsicherheit, wie die ersten Straffungsmaßnahmen wirken.

Die Inflationsentwicklung ist der Dreh- und Angelpunkt der Geldpolitik

Die US-Notenbank fokussiert sich auf Inflation und will diese durch Zinsanhebungen lindern, bevor eine gefährliche Lohn-Preis-Spirale einsetzt. Mit Nebenwirkungen ist aber zu rechnen, zumal viele andere Unsicherheitsfaktoren, die außerhalb des Einflussbereichs der Fed liegen, kaum abzuschätzen sind. Tillmann Galler, globaler Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, hebt dabei vor allem zwei Einflussfaktoren hervor: „Der Krieg in der Ukraine wird für Rohstoff- und Nahrungsmittelpreise noch längere Zeit preistreibend wirken, da die westlichen Länder ihre Abhängigkeit von russischem Öl und Gas reduzieren wollen. Kurzfristig kommt es zudem zu Lieferengpässen aufgrund der chinesischen Zero-Covid-Politik.“ 

Warum vor allem Wachstumswerte darunter besonders gelitten haben, zeigt beispielhaft die Tesla-Aktie. Anleger müssen derzeit theoretisch rund 90 Jahre warten, bis die Gewinne der Firma das Investment wieder verdient haben. Unabhängig von der Frage, wie wohl Autos in knapp 100 Jahren fahren werden, zeigt die Rechnung, dass im Wert weiterhin viel Fantasie eingepreist ist. Auch bei Amazon bezahlten Anleger in der Vergangenheit hohe KGVs. Solche Bewertungsaufschläge passen, solange die Zinsen im Keller schlummern und es keine Alternative zum Aktienmarkt gibt. Wenn aber die Renditen anspringen, sind die künftigen Gewinne in der Gegenwart weniger wert. Zudem steigen die Kosten für das Fremdkapital, beide Faktoren drücken also das „G“ im KGV.

Aktien bleiben alternativlos

Die Zeit, in denen Anleger blind jeden Überflieger im Technologiesegment kaufen konnten und satte Renditen erzielten, sind vorbei. Auf der anderen Seite bleibt das Sparbuch keine Option. Angesichts der hohen Inflation werden von 50.000 Euro jährlich mindestens 3500 Euro an Kaufkraft vernichtet. Aktien bleiben alternativlos. Schaut man auf die Stimmung, ist die Kapitulationsphase nicht mehr weit. Kaum ein US-Anleger sieht derzeit noch den S&P 500 auf Sicht von sechs Monaten im Plus, das Verhältnis aus Bullen minus Bären liegt auf dem tiefsten Niveau seit 2009.

Zugleich haben sich viele Investoren über Puts abgesichert, wie die hohe Put-/Call-Ratio zeigt. Angstbarometer wie die Volatilität auf die Nasdaq 100 stehen fast so hoch wie zuletzt während des Corona-Crashs, während kaum noch eine Aktie ihren stark beachteten 200-Tage-Durchschnit behauptet. Da die Börse bekanntlich den Weg des größten Schmerzes geht und Mut langfristig belohnt wird, sollte das Tief langsam in Reichweite rücken. Ängste kaufen, Euphorie verkaufen – die Börse ist und bleibt vor allem Psychologie.

Sollte man auf Schnäppchenjagd gehen?

Nicht überall lauern aber bereits Schnäppchen. Technologiefirmen sind zwar teilweise, wie das Beispiel Paypal zeigt, bereits kräftig gefallen. Allerdings droht hier weiterhin der Griff ins fallende Messer. Bank-Aktien profitieren zwar von steigenden Zinsen im klassischen Geschäft der Kreditvergabe. Kommt es aber zum Abschwung oder Rezession, drohen Ausfälle und die Fremdkapitalnachfrage sinkt. Die meisten Firmen können zudem steigende Kosten nicht oder nur teilweise an ihre Kunden weitergeben. Bedeutet: Mehr Druck auf die Margen und drohende Gewinnrevisionen in den kommenden Monaten.

Hingegen zeigen die oft als langweilig abgestempelte Substanzwerte in einem Umfeld hoher Inflation und steigender Zinsen meist eine robuste Performance. Neben einer meist unterdurchschnittlichen Bewertung weisen die Titel oft eine hohe Dividendenrendite auf, schreiben verlässlich schwarze Zahlen, haben eine starke Marke und können Preissteigerungen an ihre Kunden weitergeben. Allerdings erfüllen nur wenige Titel die Voraussetzungen. Dazu zählen Versorger wie RWE sowie Telekom-Konzerne wie Deutsche Telekom, Telefonica und Verizon.

Getrunken und gegessen wird auch immer, gut für den Burgerbrater McDonalds. Pharmakonzerne weisen ebenfalls eine sehr hohe Preissetzungsmacht aus. Knapp jedes dritte Diabetes-Präparat weltweit ist von Novo Nordisk, die Aktie der Dänen strebt seit Jahren nach oben. Eine clevere Alternative bleiben auch Zertifikate, mit denen Anleger auch bei stagnierenden und leicht fallenden Kursen attraktive Renditen erzielen können. Dazu zählen vor allem defensiv ausgerichtete Discount- und Bonus-Papiere, die von der aktuell hohen Volatilität besonders profitieren.   

Daniel Saurenz betreibt mit seinem Team das Börsenportal Feingold Research. Es bietet täglich einen Börsenbrief an, den Sie für 14 Tage kostenfrei testen können. Melden Sie sich unter info@feingold-research.com an oder probieren Sie den Börsendienst unter diesem Link aus. Trainingstage und Coachings finden Sie NEU unter feingold-academy.com


Mehr zum Thema



Neueste Artikel