KolumneWie sich Big Oil zu Big Energy wandelt

Der französische Ölkonzern heißt seit kurzem Total Energies und setzt auf ElektromobilitätGetty Images

Mitte April vergangenen Jahres herrschte noch Chaos am Ölmarkt. Erstmals kostete US-Rohöl weniger als null Dollar. Der kurze Preissturz auf bis zu minus 40 Dollar pro Fass löste Schockwellen an den Finanzmärkten aus. Gut zwölf Monate später rückt das Fünfjahreshoch aus 2018 bei rund 85 Dollar wieder in Reichweite. Dank der beispiellosen geld- und fiskalpolitischen Unterstützungen von Notenbanken und Regierungen springt die Nachfrage nach Transportmöglichkeiten kräftig an, die Weltkonjunktur brummt wieder.

Trotz der dynamischen Erholung bleibt die Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) bei einer langsamen Angebotssteigerung. Auf der nächsten Sitzung Anfang Juli wird man über die Strategie ab August sprechen. Dabei hellen sich die Perspektiven weiter auf: Nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur (IEA) soll die Ölnachfrage bereits im kommenden Jahr wieder das Vorkrisenniveau erreichen.

Branche stellt sich um

Bemerkenswert ist aber auch ein Bericht der IEA, der bereits ein Ende des Ölzeitalters voraussagt. Damit der Energiesektor bis 2050 klimaneutral sein wird, seien drastische Maßnahmen notwendig. Um die enormen Herausforderungen dieser Transformation zu meistern, dürften ab sofort keine neuen Öl- und Gasfelder mehr erweitert oder neu errichtet werden. Thomas Meyer zu Drewer, Leiter öffentlicher Vertrieb beim Fondsanbieter Lyxor ETF Deutschland, glaubt, dass die Umstellung von fossilen auf erneuerbare Energien nicht mehr aufzuhalten ist: „Der größte Wandel in den vergangenen 30 Jahren stellt die Ölfirmen vor hohe Hürden, bietet zugleich aber enorme Chancen. Mit der kräftigen Erholung des Ölpreises erzielen die Konzerne Gewinne, die in saubere Energien investiert werden können und so den Transformationsprozess wesentlich beschleunigen.“

Im vergangenen Jahr kamen etwa 90 Prozent aller neu aufgebauten Kapazitäten aus Erneuerbaren wie Solar-, Wind- und Wasserkraft sowie Biomasse. Allerdings liegt ihr Anteil an der gesamten Energieversorgung aktuell noch bei lediglich elf Prozent. Für 2030 peilt das Szenario der IEA gut ein Drittel an, 2050 dann zwei Drittel.

Total mit neuem Namen und neuer Ausrichtung

Druck kommt auch von Investoren, die viel Geld ESG-konform in erneuerbare Energien anlegen wollen. Ein besonders gutes Beispiel ist Total Energies, bisher bekannt unter dem Namen Total. Mit der Namensänderung untermauern die Franzosen ihre Strategie, durch gezielte Investitionen die Transformation hin zu einem breit aufgestellten Energieunternehmen zu beschreiten. Bereits vor Jahren kaufte der Konzern den Batteriespezialisten Saft Groupe und treibt nun die Installation von Ladepunkten voran, um bei der Elektromobilität vorne mitzuspielen.

TotalEnergies Aktie

TotalEnergies Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

In den kommenden zehn Jahren sollen sich die Investitionen in Windparks und Sonnenkraft auf rund 60 Mrd. Dollar belaufen. Total Energies will so bis 2030 die Leistung von derzeit sieben auf 100 Gigawatt steigern. Die Aktie ist weiterhin günstig bewertet und besticht vor allem mit einer stabilen Dividende trotz der Pandemie. „Die Aktie hat eine moderate Volatilitätsbewertung und liegt knapp oberhalb von 25 Prozent“, erklärt Marcus Landau, Derivate-Sales bei der DZ Bank. „Daher sind Optionsscheine für mutige Anleger eine Alternative zu einem direkten Aktienkauf“, ergänzt er. Das Papier mit der WKN DFM29E hat einen moderaten Hebel von knapp 5. Eine Alternative ist das Papier mit der WKN UE5Y54 (UBS), das ebenfalls einen moderaten Hebel von rund 5 besitzt.

BP und Repsol als Alternative

Einen Blick wert ist auch BP. Im ersten Quartal bereitete vor allem das Geschäft im Gashandel viel Freude und drückte die Nettoschulden schneller als erwartet unter die Marke von 35 Mrd. Dollar. Die beschleunigte Entschuldung, Aktienrückkäufe und die attraktive Dividendenrendite von 4,5 Prozent sprechen für die Briten. Gleichzeitig wird das Geschäft mit erneuerbaren Energien vorangetrieben: Im Jahr 2030 will man über gleich viel installierte erneuerbare Energiekapazität verfügen wie der Weltmarktführer bei Offshore-Windkraft, Orsted.

Gut fünf Prozent Verzinsung und eine im Branchenvergleich günstige Bewertung sprechen auch für die Aktie von Repsol. Der spanische Öl- und Gaskonzern treibt die Diversifizierung seiner Geschäftsfelder voran und investiert derzeit kräftig in Windparks sowie Photovoltaik-Projekte. Bis 2025 ist geplant, rund 7500 MW an emissionsarmer Erzeugungskapazität aufzubauen, bis 2030 soll der Wert verdoppelt werden.

Der Wandel bei den Energie-Giganten von Big Oil zu Big Energy läuft und bietet Anlegern aktuell gute Einstiegsgelegenheiten. Sollten gleichzeitig die Investitionen in die Erschließung und Förderung neuer Ölquellen stagnieren oder mittelfristig fallen, dürfte auch das schwarze Gold unterstützt bleiben.

 


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