VersicherungWenn Nachbarschaftshilfe schiefgeht

Symbolbild Nachbarschaftshilfeimago images / phototek

Hilfe unter Nachbarn hat Konjunktur. Immer mehr Apps und Internetportale sollen Menschen dabei helfen, sich in ihrem Kiez, ihrem Veedel, ihrer Hood zu vernetzen. Die Covid-19-Pandemie hat solchen Angeboten zusätzlichen Rückenwind verschafft. Neun von zehn Deutschen würden ihren Nachbarn in diesen schwierigen Zeiten im Alltag helfen, zeigt eine Umfrage des Immobilienportals Immowelt.de. Die Befragten wären zum Beispiel dazu bereit, für ihre Nachbarn Lebensmittel einzukaufen, ihnen Medikamente aus der Apotheke mitzubringen oder ihre Haustiere zu versorgen.

Hilfsangebote können das nachbarschaftliche Verhältnis verbessern – oder es ruinieren. So kann es etwa passieren, dass die Katze in der Obhut des Nachbarn stirbt, weil der ihr das falsche Futter gibt. Oder dass die Außenlampe, die der Heimwerker von nebenan netterweise anbringt, einen Fassadenarbeiter durch einen Stromschlag zum Schwerbehinderten macht. Letzteres ist im Jahr 2009 tatsächlich passiert. Das Oberlandesgericht Koblenz entschied daraufhin, dass der hilfsbereite Nachbar umfangreichen Schadenersatz an den Verunfallten zahlen muss. Nicht immer heißt gut gemeint auch gut gemacht.

Wenn Helfer grob fahrlässig handeln

Grundsätzlich steht jedem, der einen Schaden erleidet, Schadenersatz zu. So steht es im Bürgerlichen Gesetzbuch. Bei Gefälligkeitsarbeiten gibt es jedoch eine Besonderheit: den sogenannten stillschweigenden Haftungsausschluss. Hilft ein Nachbar aus reiner Nettigkeit und bekommt kein Geld für seine Unterstützung, muss er nicht für eventuelle Schäden aufkommen. Dieser Haftungsausschluss kommt allerdings nur dann zum Tragen, wenn sich der Nachbar lediglich leicht fahrlässig verhält. Wenn er also zum Beispiel eine teure Vase vom Sims stößt, während er beim Nachbarn Blumen gießt, oder beim Umzug ein Regal verschrammt.

Anders sieht es aus, wenn Helfer grob fahrlässig handeln. Etwa, wenn man sich um die Wohnung eines Nachbarn kümmert, während der im Urlaub ist, und die Terassentür offenlässt, sodass Einbrecher sich an den Wertsachen bedienen. Oder wenn man den Hund des Nachbarn nicht zum Tierarzt bringt, obwohl das Tier offensichtlich krank ist. Oder wie im Fall eines freundlichen Umzugshelfers, der ganz allein einen 52 Kilogramm schweren Fernseher mehrere Treppen hinauftragen wollte: Er stolperte und der Fernseher ging zu Bruch. Das Landgericht Dortmund urteilte anschließend, dass sich der Helfer grob fahrlässig verhalten hat und deshalb für den Schaden aufkommen muss. Es sei zu erwarten gewesen, dass er das Gerät nicht alleine tragen konnte.

Haftungsfrage vor dem Hilfseinsatz klären

Es gibt noch einen zweiten Fall, in dem der stillschweigende Haftungsausschluss nicht greift: Wenn der Helfer eine private Haftpflichtversicherung besitzt. Dann zahlt im Schadensfall in der Regel sein Versicherer. „In vielen privaten Haftpflichtversicherungen sind Schäden durch Gefälligkeitsdienste inzwischen abgedeckt“, sagt Florian Nork, Versicherungsmakler in Köln. Wer seinen Nachbarn häufiger unter die Arme greift, sollte sich aber sicherheitshalber anschauen, bei welchen Schäden sein Versicherer tatsächlich einspringt. Bei größeren Malheuren wie etwa Brandschäden zahlt unter Umständen die Hausrat- oder Gebäudeversicherung. Ist der Auftraggeber selbst an Schäden schuld, muss er wiederum in der Regel auch selbst haften. Beißt zum Beispiel sein Hund den Nachbarn, während der auf ihn aufpasst, greift die Hundehalterhaftpflicht des Besitzers.

Nicht immer lässt sich bei der Nachbarschaftshilfe eindeutig sagen, wer für einen Schaden aufkommen muss. Laut Versicherungsmakler Nork ist es deshalb sinnvoll, vor einem Hilfseinsatz ein formloses Schreiben aufzusetzen, das die Haftungsfrage klärt. Darin kann zum Beispiel stehen, dass der Auftraggeber für eventuelle Schäden durch den Helfer haftet. Oder zwei Nachbarn halten fest, dass der Helfer in einem bestimmten Fall definitiv zahlen muss. „In der Realität fertigen aber nur die wenigsten ein solches Schreiben an“, sagt Nork. Schließlich geht es ja – vermeintlich – nur um einen kleinen Gefallen.

 


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