AktienWarum Industrieaktien trotz des Auftrag-Booms schwächeln

BASF-Werksgelände in LudwigshafenIMAGO / Arnulf Hettrich

Die deutsche Industrie kann sich dieser Tage nicht über zu wenig Arbeit beklagen. Das verarbeitende Gewerbe verzeichnete im Juli einen um 3,4 Prozent höheren Auftragseingang als im Vormonat. Analysten hatten eigentlich mit einem leichten Rückgang gerechnet. Der Anstieg hat zur Folge, dass die Auftragsbücher so voll sind wie nie seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 1991. „Der deutliche Anstieg im Vormonatsvergleich kommt durch Großaufträge zustande“, heißt es vom Statistischen Bundesamt mit Blick auf die Juli-Zahlen.

Wer deutsche Industriewerte im Depot hat, sollte sich allerdings nicht zu früh freuen. Die hervorragende Auftragslage schlägt sich nämlich nicht in steigenden Aktienkursen nieder. Titel, die zuletzt seitwärts tendiert sind, etwa die Anteilsscheine von BASF und Thyssenkrupp, machen keine Anstalten, nach oben auszubrechen. Aktien, die in den vergangenen Monaten zugelegt hatten, haben auf kurze Sicht sogar leicht nachgegeben – etwa im Fall des Industriegase-Spezialisten Linde. Trotz voller Auftragsbücher könnten Industrieaktien in der kommenden Zeit zu den Verlierern gehören.

Lieferengpässe trüben die Stimmung

Über die gute Auftragslage können sich viele Industrieunternehmen nicht so recht freuen, denn sie schaffen es kaum, die Bestellungen abzuarbeiten. Grund dafür sind Probleme bei der Lieferung von Vorprodukten. In den vergangenen Monaten sei es in wichtigen Industriezweigen wegen Lieferengpässen teilweise sogar zu Werksschließungen gekommen, heißt es in einem Bericht der DZ Bank. „Dadurch hat sich in der deutschen Industrie die Schere zwischen den Auftragseingängen und der Produktionsentwicklung so weit geöffnet wie selten zuvor.“ Die Tendenz zu mehr Aufträgen bei gleichzeitig schwacher Umsatzentwicklung „dürfte unter anderem auf die in vielen Branchen berichteten Lieferengpässe von Vorprodukten zurückzuführen sein“, schreibt auch das Statistische Bundesamt.

Kein Wunder, dass sich die Stimmung in den Unternehmen eingetrübt hat. Der Ifo-Geschäftsklimaindex ist im August auf 99,4 Punkte gefallen, nach 100,7 Punkten im Juli – vor allem wegen pessimistischerer Rückmeldungen aus der Industrie. Mit den laufenden Geschäften zeigten sich die Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes zwar noch zufrieden, sagt Ifo-Präsident Clemens Fuest. Aber der Ausblick habe sich deutlich verschlechtert.

Ungewisse Zukunft

Die langfristigen Aussichten sind ähnlich durchwachsen wie die mittelfristigen. Deutschlands Industrie ist im Umbau begriffen, muss grüner und moderner werden. Welche Unternehmen den Wandel am besten meistern, ist für Anleger kaum vorherzusehen. Linde zum Beispiel gilt als gut aufgestellt für die Zukunft, dank eines starken Engagements in Wasserstoff. Thyssenkrupp dagegen beginnt erst jetzt, nach einem gescheiterten Verkaufsversuch im Vorjahr, seine Stahl-Sparte klimafreundlicher zu gestalten. Die Finanzierung dieses Umbaus ist noch nicht abschließend geklärt, der Erfolg ungewiss.

Investoren müssen damit rechnen, dass das verarbeitende Gewerbe in Deutschland auf lange Sicht an Bedeutung verliert und sich Industrieaktien womöglich dauerhaft schwächer entwickeln als der breite Markt. Die schwindende Macht der Industrie deutet sich auch im Dax an. Die Deutsche Börse hat den Index im September wie geplant um zehn Werte erweitert. Bei den Neulingen handelt es sich um Aufsteiger aus dem MDax, darunter Siemens Healthineers, HelloFresh und Puma. Der Dax ist durch die Erweiterung nun weniger industrielastig – zur Freude von Marktexperten, die den deutschen Leitindex in den vergangenen Jahren immer wieder als unmodern kritisiert hatten, als ein Spiegelbild der „Old Economy“. Stattdessen ist nun der Gesundheitssektor stärker vertreten.