RohstoffeWarum die Zeit für eine Ölpreis-Rally noch nicht reif ist

Symbolbild: Ölpumpe
Symbolbild: Ölpumpedpa

Die Preise für Rohöl sind in den vergangenen Tagen auf den höchsten Stand seit Beginn der Corona-Krise geklettert. Am Donnerstagvormittag (26. November) kostete ein Fass der US-Sorte WTI rund 45 US-Dollar. Für ein Fass der Nordseesorte Brent wurden am Markt rund 48 US-Dollar aufgerufen. So teuer war Öl seit Anfang März nicht mehr, als die Welt in den ersten Lockdown ging, die Autos in den Garagen blieben und am Himmel kaum Flugzeuge zu sehen waren.

Brent Crude Rohöl ICE Rolling Rohstoff (Preis pro Barrel in Dollar)

Brent Crude Rohöl ICE Rolling Rohstoff Chart

Für die Mini-Rally gibt es zwei Gründe. Der erste: Die guten Nachrichten aus der Impfstoffforschung haben in Anlegern die Hoffnung geweckt, dass die Covid-19-Pandemie bald vorbei ist. Wenn die Welt in den Vor-Krisen-Modus zurückkehrt, Menschen wieder ins Büro fahren und in den Urlaub fliegen, dann dürfte auch die Ölnachfrage wieder steigen, und damit der Preis des „schwarzen Goldes“. Der zweite Grund für das Preis-Plus: Nächste Woche treffen sich die Mitglieder der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) und einige andere Ölförderstaaten, um darüber zu beraten, ob sie die Förderung weiter drosseln.

Bis zur Normalisierung wird es dauern

Die Argumente für einen steigenden Ölpreis sind nicht von der Hand zu weisen. Ihnen stehen allerdings gewichtige Argumente entgegen. Etwa beim Thema Impfstoff: Die Hoffnung auf eine rasche Normalisierung ist nur zu verständlich. Wissenschaftler warnen aber: Bis ein Leben wie vor der Covid-19-Pandemie möglich ist, werden noch viele Monate vergehen. Die neuen Impfstoffe müssen zugelassen, produziert, fachgerecht gelagert und auf breiter Front verteilt werden. Milliarden Menschen müssen geimpft werden. Das dauert. Ehe die wohl größte Impfaktion in der Geschichte der Menschheit nicht abgeschlossen ist, dürfte die Mobilität deutlich unter Vorkrisenniveau bleiben, die Ölnachfrage aus der Wirtschaft niedrig.

Die Wette auf anhaltende Förderkürzungen könnte zwar zunächst aufgehen. Diese dürften aber höchstens einen kurzfristigen Effekt auf den Ölpreis haben. Weitere drei bis sechs Monate lang werden die Opec-Mitglieder und einige weitere Staaten ihre Rohölproduktion voraussichtlich drosseln, schätzt Michel Salden, Leiter des Rohstoffbereichs bei Vontobel Asset Management. Während dieser Zeit dürfte allerdings ein großer Teil der Europäer und Amerikaner weiterhin zu Hause bleiben. Ein Blick auf die Infektionszahlen in vielen europäischen Ländern und in den USA zeigt, dass die Corona-Welle immer noch mit Wucht rollt. Allein im Dezember wird die Ölnachfrage durch Mobilitätseinschränkungen um 1,5 Millionen Fass pro Tag sinken, schätzt Salden.

Ölpreis wird sich erst im zweiten Halbjahr 2021 nachhaltig erholen

Erst in der zweiten Hälfte kommenden Jahres dürfte die Nachfrage nach dem „Schmiermittel der Wirtschaft“ wieder so stark anziehen, dass der Ölpreis nachhaltig in die Höhe klettert, sagt der Vontobel-Experte. Er rechnet für das zweite Halbjahr 2021 mit einem Preisniveau zwischen 50 und 55 US-Dollar je Fass. Über diese Marke dürfte der Preis erst dann wieder springen, wenn die Lagerbestände abgebaut sind und es in der Luftfahrt wieder besser läuft. Bei mehr als 55 US-Dollar stand der Ölpreis zuletzt zu Beginn dieses Jahres, als Corona noch ein chinesisches Problem war.

Sollte der Ölpreis trotz der jüngsten Preissprünge vorerst tief bleiben, ist das je nach Perspektive eine gute oder eine schlechte Nachricht. Wer auf einen steigenden Preis spekuliert, etwa mit Futures oder börsengehandelten Rohstoffen, hat Pech. Glück haben dagegen Autofahrer und Haubesitzer, die mit Öl heizen: So günstig wie in diesem Jahr werden sie in Zukunft kaum durch den Winter kommen.

 


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