RohstoffeWarum der Ölpreis wieder steigt

Ölplattformen vor der schottischen KüsteIMAGO / Westend61

Da hatte Warren Buffett wohl wieder einmal den richtigen Riecher. Mitte Februar stieß der 90-jährige Star-Investor mit seiner Holding Berkshire Hathaway einen Gutteil seiner Apple-Aktien ab und stieg stattdessen unter anderem beim Ölkonzern Chevron ein. Die Aktie des iPhone-Herstellers hat seitdem deutlich nachgegeben. Bei Chevron ging es dagegen aufwärts – nahezu im Gleichtakt mit dem Ölpreis.

Der Preis der Nordseesorte Brent ist im vergangenen Monat um gut elf Prozent gestiegen, auf mehr als 68 US-Dollar je Barrel. Auf Sicht eines Jahres kletterte er satte 82 Prozent in die Höhe. Bei der US-Sorte WTI sieht es ähnlich aus. Dort kostet ein Fass inzwischen rund 65 US-Dollar. Das ist fast doppelt so viel wie vor einem Jahr und deutlich mehr, als Experten zum jetzigen Zeitpunkt erwartet hatten.

Brent Crude Rohöl ICE Rolling Rohstoff (Preis pro Barrel in Dollar)

Brent Crude Rohöl ICE Rolling Rohstoff Chart

Marktbeobachter gehen davon aus, dass der Ölpreis weiter anzieht. Der Grund: Die Impfkampagnen in vielen Ländern zeigen allmählich Wirkung, die Konjunktur dürfte bald wieder anspringen. Die Nachfrage nach dem „Schmierstoff der Wirtschaft“ wird also in absehbarer Zeit steigen – und auf abschmelzende Lagerbestände und Förderkürzungen treffen. Diese Gemengelage dürfte dem Ölpreis im Jahresverlauf weiteren Auftrieb geben.

Reserven werden abgebaut

Wichtigste Frage ist, wann die Menschen wieder mobiler werden, mit dem Auto zu Verwandten fahren oder mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen. Denn dann dürfte die Ölnachfrage kräftig steigen. Im zweiten Quartal könnte es bereits so weit sein, schätzt Michel Salden, Leiter des Rohstoffbereichs bei Vontobel Asset Management. Zunächst dürften zwar Reserven abgebaut werden, die sich im Verlauf der Coronakrise angesammelt haben. In Tanks rund um den Globus lagern noch immer mehr als 100 Mio. Barrel Öl. Die könnten allerdings rascher auf das übliche Niveau sinken als gedacht.

Aktuell schrumpft die Reserve um rund zwei Millionen Barrel pro Tag. Der Abwärtstrend dürfte sich in den kommenden Monaten noch beschleunigen. „Höchstwahrscheinlich werden alle überschüssigen Vorräte bis Juni dieses Jahres abgebaut sein“, sagt Salden. „Bis zum Jahresende 2021 werden wir wahrscheinlich eine vollständige Normalisierung zurück auf das Ölnachfrageniveau von 2019 sehen.“ Das wäre eine der schnellsten Erholungen, die Anleger beim Öl je gesehen haben.

Steht der Ölpreis vor einem „Superzyklus“?

Es wird zwar auch neues Öl gefördert. Aber nicht so viel wie vor der Pandemie, als die Wirtschaft rund lief. Um die überschießenden Reserven in den Griff zu bekommen, hat die Opec+ – das Öl-Kartell plus Russland, Kasachstan, Mexiko und Oman – vor Monaten Förderkürzungen beschlossen. Diese hat die Organisation bei einem Treffen in der vergangenen Woche für April unangetastet gelassen. Marktbeobachter hatten damit gerechnet, dass die Ölfördermenge um 1,5 Mio. Barrel pro Tag steigen würde. Mit ihrer zurückhaltenden Förderpolitik bei steigender Nachfrage dürften die ölfördernden Länder den Spotpreis für das „schwarze Gold“ auf kurze Sicht weiter in die Höhe treiben.

Schlägt das Pendel zu stark zur anderen Seite aus, führen also sich leerende Lager und Produktionskürzungen mittelfristig zu einem Angebotsdefizit, könnte der Ölpreis noch deutlich kräftiger anziehen als erwartet. Christyan Malek, Rohstoffanalyst bei JP Morgan, prophezeit gar einen „Superzyklus“ und sieht den Preis für Rohöl mittelfristig bei 190 US-Dollar. Selbst wenn ein derart starker Aufwärtstrend ausbleibt: Für Anleger, die fossile Energieträger nicht aus Nachhaltigkeitsgründen ausschließen, dürfte es noch nicht zu spät sein, auf einen weiteren Anstieg des Ölpreises zu setzen. Oder, wie Warren Buffett, mit Aktien von Ölkonzernen von der Rally zu profitieren.

 


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