Kryptowährungen Warum Bitcoin und Co. nicht aus der Krise kommen

Kryptowährungen wie der Bitcoin sind in den vergangenen Tagen auf ein 18-Monats-Tief gefallen. Grund dafür ist auch der Crash beim Stablecoin TerraUSD
Kryptowährungen wie der Bitcoin sind in den vergangenen Tagen auf ein 18-Monats-Tief gefallen. Grund dafür ist auch der Crash beim Stablecoin TerraUSD
© IMAGO/MiS
Der Bitcoin stürzt weiter ab, auf den tiefsten Stand seit eineinhalb Jahren. Ein Ende scheint nicht in Sicht. Der Glaube an die Branche ist aber weiter groß

Der Kryptomarkt steckt in einer Krise, die sich weiter verschärfen dürfte. Nachdem der Bitcoin am Dienstag unter 30.000 Dollar gefallen war, erreichte er am Morgen mit 26.600 Dollar den tiefsten Stand seit Ende 2020. Im Vergleich zum Vorwochenschluss verlor die Kryptowährung damit rund ein Drittel ihres Werts, seit Jahresbeginn gut 40 Prozent. Am Markt herrscht Ausverkaufsstimmung.

Auch andere Digitalwerte gaben im Kurs weiter nach. Der nach Bitcoin zweitgrößte Digitalwert Ether fiel deutlich unter die Marke von 2000 US-Dollar und verlor damit seit Jahresbeginn etwa die Hälfte seines Werts. Der Marktwert aller rund 19.400 Kryptoanlagen beträgt derzeit rund 1,1 Billionen Dollar – nach einem Rekordwert von fast 3 Billionen Dollar im vergangenen November. 

Analysten führen den Absturz vor allem auf zwei Ursachen zurück: die Zinsangst, vor allem in den USA, sowie die Entkopplung der Kryptowährung UST vom Dollar. Die Zinssorgen verstärken sich bereits seit Monaten. „Die Anleger haben am Mittwoch gehofft, dass sich die Inflationsdynamik in den USA abschwächt, das hat sie aber nur ganz leicht“, sagt der auf Kryptowährungen spezialisierte Marktanalyst Timo Emden im Gespräch mit ntv.de. Das löse Ängste aus, dass die US-Notenbank Fed ihrer „Mammutaufgabe“ nicht gewachsen sein könnte, einerseits die Inflation zu bekämpfen, andererseits den globalen Konjunkturmotor nicht abzuwürgen. Außerdem werfen Digitalanlagen keine laufenden Erträge ab, deshalb werden zinstragende Anlagen wie festverzinsliche Wertpapiere bei steigenden Zinsen wieder beliebter.

Neben den Zinsanhebungen in den USA spielt nach Emdens Einschätzung auch die in Aussicht gestellte Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank eine Rolle. Die Zinsangst sei insbesondere bei Techwerten zu sehen. „Diese Unsicherheit geht zulasten von riskanten Werten wie Kryptowährungen.“ Es werde offenbar zum Teil fälschlicherweise angenommen, dass diese Techwerte sind. Diese Art Sippenhaft ist dem Analysten zufolge ein großes Dilemma: „Die Krytowährungen sollen als digitales Gold fungieren, vor allem in von Unsicherheiten geprägten Marktphasen wie aktuell durch den Ukraine-Krieg, die Corona-Pandemie in China und die Inflation – sie tun dies aber nicht.“ 

Kryptowährung vom Dollar entkoppelt

Als zweiter Grund für die herben Verluste auf dem Kryptomarkt gelten Turbulenzen bei einer bekannten Kryptowährung namens UST, auch TerraUSD genannt. Dabei handelt es sich um einen sogenannten Stable Coin, der sich in Abgrenzung zu anderen Digitalwerten durch besondere Wertstabilität auszeichnen soll. UST will dies durch einen speziellen Algorithmus erreichen, der die Kryptowährung in einem stabilen Verhältnis zum US-Dollar halten soll. Doch in den vergangenen Tagen hat sich der UST-Kurs von seiner Anbindung an den Dollar gelöst und ist erheblich unter Druck geraten – warum, ist unklar.

„Das ist wirklich Wahnsinn“, sagt Emden. „Man kann nicht seriös erklären, was genau das Problem ist.“ Offensichtlich bestehe eine Vertrauenskrise in Stable Coins. Ein Stable Coin soll einen US-Dollar wert sein, „das funktioniert aber nicht“. UST liege aktuell bei gut 60 Cent, am Mittwoch zeitweise sogar unter 40 Cent. Dass die Ursachen unklar seien, schüre zudem weitere Unsicherheit.

Die Krise auf dem Kryptomarkt wird laut dem Analysten von einem weiteren Faktor verschärft: „Dort sind technische Marken unglaublich wichtig.“ Dass der Bitcoin nachhaltig unter 30.000 Dollar gefallen ist, führe zu technischen Verkäufen. „Viele Anleger setzen hier ihre Stopps oder neue Leerverkaufsaufträge.“ Dadurch entwickle der Markt eine Eigendynamik, einen Abwärtsstrudel, „aus dem er nur ganz schwer rauskommt“. Gerade im Kryptomarkt sei diese Entwicklung hochdynamisch, „man spricht hier durchaus von Panikverkäufen“. 

Kein Ende der Krise, aber auch nicht von Kryptowährungen

Emden sieht aktuell einen Unterschied zu den vergangenen Verlusten der schwankungsanfälligen Kryptowährungen: „Es handelt sich zurzeit um einen Crash auf Raten, keinen brachialen Kurseinbruch.“ In den vergangenen Tagen und Wochen gab es immer wieder Verluste, aber dann auch wieder Aufwärtsbewegungen. Diese häppchenweise Entwicklung zerre unglaublich an den Nerven der Anleger. „Das lässt sie gerade verzweifeln.“

Der Experte rechnet jedoch nicht mit einem Ende von Kryptowährungen. Zum einen glaubt er an die Technologie dahinter, zum anderen seien Krypto-Anlagen inzwischen in der Finanzwelt sehr etabliert. Das Unternehmen Coinbase etwa sei sogar an der Wall Street. Auch hierzulande öffneten sich immer mehr Banken, selbst alteingesessene, für Kryptowerte. „Das lässt darauf schließen, dass die Branche weiter ausgebaut wird.“

Emden rät deshalb zu einer langfristigen Perspektive – Panikverkäufe wären seiner Meinung nach ein schlechter Rat. Allerdings würde der Marktanalyst im Moment auch nicht „ins offene Messer greifen“, also Nachkäufe tätigen. Denn: „Ich sehe aktuell keine potenzielle Trendwende.“ Auslösen könnte diese seiner Meinung nach höchstens, dass Tesla-Chef Elon Musk wie in der Vergangenheit verbal interveniert. „Das könnte passieren, er beziehungsweise Tesla leiden ja unter der Kryptokrise.“ 

Emden erwartet auf dem Kryptomarkt einen Verdrängungswettbewerb: Die Anleger, die an die Kryptowährungen glauben, würden daran festhalten – wer mal mitmischen oder schnell reich werden wollte, dürfte sich abwenden. Der Verdrängungswettbewerb finde auf relativ hohem Preisniveau statt, stellt der Analyst klar. Schließlich lag der Bitcoin Anfang 2020 mit Ausbruch der Corona-Pandemie zwischenzeitlich bei unter 4000 Dollar. „Die Preisübertreibung rächt sich jetzt.“

Der Text ist zuerst auf n-tv.de erschienen


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