KolumneVier Gründe, beim Bitcoin-Hype näher hinzusehen

Als Münze existieren Bitcoins nur auf diesem Foto.Getty Images

Es ist schwierig, sich in diesen Tagen der Debatte über die Kryptowährung Bitcoin zu entziehen. Ist die Verzweitausendfachung des Bitcoin-Kurses in US-Dollar binnen fünf Jahren Zeichen einer riesigen Spekulationsblase? Oder stehen wir erst am Anfang einer Revolution, weil der Wert aller umlaufenden Bitcoins mit rund 54 Mrd. Euro nur ein winziger Bruchteil der global kursierenden Bargelder, Spar- und Kontoguthaben sind, die rund 1500-mal so viel Wert sind?

Niemand wird Ihnen darüber eine verlässliche Kursprognose stellen können. Da Bitcoins an sich – ähnlich wie Gold – keinen Cashflow generieren und keine Zinsen abwerfen, ist der Preis immer rein spekulativ und entzieht sich jeder Fundamentalanalyse. Ein Bitcoin ist morgen so viel Wert, wie Ihnen morgen jemand dafür bereit ist zu zahlen.

Bitcoin-Kurs (Bitcoin/Dollar) Währung

BTC/USD (Bitcoin / US-Dollar) Währung Chart
Kursanbieter: Bitstamp

Ich möchte Ihnen dennoch im Zusammenhang mit der Bitcoin-Debatte vier Denkanstöße in Thesenform liefern.

Erstens: Die ständigen Mahnungen vor spekulativen Blasen haben der Mehrzahl der deutschen Anleger seit der Finanzkrise mehr geschadet als genutzt.

Egal, ob die Aktienkurse klettern, der Goldpreis, die Preise von Eigentumswohnungen in Städten oder nun auch der Bitcoin-Kurs: viele Experten gerade in Deutschland sind regelrecht getrieben von dem Wunsch, die Öffentlichkeit vor dem Schaden spekulativer Übertreibungen zu warnen. Das fällt auch deshalb auf fruchtbaren Boden, weil in der Politik seit nunmehr knapp zehn Jahren das Bild des unmündigen Verbrauchers die Leitlinien der Verbraucherpolitik bestimmt, den es vor Verlusten zu beschützen gilt.

Zwar haben deutsche Privatanleger in den Übertreibungen der New Economy zur Jahrtausendwende tatsächlich viel Geld verzockt. Das Grundübel der Geldanlage in Deutschland ist aber nicht, dass die meisten Anleger zu riskant anlegen, sondern viel zu konservativ. Auch daher verliert Deutschland als an sich reiches Land in der Vermögensstatistik international immer weiter an Boden. Die Wohneigentumsquote stagniert bei rund 45 Prozent, die Zahl der Aktionäre bei nur rund neun Millionen. Hingegen wächst das Bar- und Sparvermögen auf zuletzt rund 2200 Mrd. Euro.

Nun sollte der Einstieg in rentablere Anlageformen natürlich nicht gleich über Bitcoins erfolgen und die „Erfolgsgeschichte“ der Digitalwährung wird – wie alle spektakulären Wachstumsgeschichten – Betrüger en masse anlocken. Allein: Wer ohnehin Angst vor Risiken aller Art hat, fühlt sich natürlich in einer extrem konservativen Anlagepolitik bestätigt, wenn er laufend hört und liest, welche irren Übertreibungen es am Bitcoin-Markt gibt – und er wird die Kapitalmärkte weiter als Spielkasino wahrnehmen.

Zweitens: Bitcoins sind weit mehr als ein Spekulationsobjekt

Kryptowährungen mögen Gegenstand von Übertreibungen sein. Sie sind aber zugleich das Ergebnis einer langen Forschungsarbeit und liefern eine Lösung für ein zentrales Problem im digitalen Alltag: Besitz von einem zu einem anderen Internetnutzer zu transferieren, so dass der Transfer sicher, transparent und legitim ist, ohne, dass er von jemandem angezweifelt werden kann, ohne dass Dienstleister Transaktionen nach Gutdünken ablehnen oder daran viel verdienen wollen.

Bitcoin, erklärte der Browser-Erfinder und heutige Investor Marc Andreesen in einem Gastbeitrag für die „New York Times“ schon vor drei Jahren, sei die gelungene Antwort auf das Problem, wie man Vertrauen zwischen ansonsten einander unbekannten Parteien im Internet schaffen kann – also einem Ort, an dem man sich einander ansonsten eben nicht vertraut. Unabhängig vom „Außenwert“ Bitcoins oder konkurrierender Kryptowährungen und -technologien wird dieser Bedarf nicht einfach verschwinden, sondern im Gegenteil drastisch an Bedeutung gewinnen, und das in immer mehr Bereichen, etwa dem Devisen- und Wertpapierhandel oder bei Bestellungen.

Drittens: Viele Großanleger gieren nach Anlagealternativen, darunter auch Kryptowährungen

Institutionelle Investoren haben ein Problem: die Niedrigzinsen und globale Geldflut lassen seit Jahren die Preise fast aller Vermögenswerte klettern, von Immobilien über Anleihen bis hin zu den Aktienkursen. In einer Welt, in der alles steigt, funktioniert das Prinzip der Risikosenkung über Diversifikation nicht mehr.

Daher suchen Großanleger immer verzweifelter nach schlichten Wertspeichern für Vermögen – denn nach Abzug der Inflation beträgt der Realzins für Notenbankeinlagen wie kurzlaufende Staatsanleihen derzeit alleine in Deutschland mehr als minus zwei Prozent pro Jahr.

Sie suchen auch Anlageformen oder Handelsstrategien, deren Erträge nicht in direktem Zusammenhang mit den globalen Vermögenspreisanstiegen stehen. Vereinfacht: Alles, was nicht direkt mit Aktien und Anleihen korreliert, ist willkommen. Das macht auch all das attraktiv, was eine Kursentwicklung völlig losgelöst von Zinsen und Aktienbewertungen verspricht.

Viertens: Für deutsche Sparer sollte der Erfolg Bitcoins eine Warnung sein

Für viele Zocker und einige wenige Investoren besteht der Reiz eines Engagements in Bitcoins vor allem darin, dass die Währung nicht der Kontrolle einer Notenbank unterliegt. Die Zahl der maximal umlaufenden Bitcoins ist begrenzt und kann nicht beliebig verändert werden.

Das ist für die globalen Notenbanken bislang kein Problem, da Bitcoins ein Nischenmarkt sind. Dennoch regte die „Superzentralbank“ BIZ in Basel erst in dieser Woche an, dass die Notenbanken doch bitte selbst über die Schaffung eigener Kryptowährungen nachdenken sollten, weil man den Boom nicht ignorieren könne. Das ist ein kluger Gedanke, da der Aufstieg von Kryptowährungen dem Vertrauen in das bestehende Geldsystem kaum zuträglich ist.

Das ist wichtig, denn viele Kritiker sehen schon seit langem nicht in einer hohen Inflation die größte Gefahr der laxen Geldpolitik der vergangenen Jahre mit Null- oder gar Negativzinsen und Anleihenaufkäufen in Billionenhöhe. Sie fürchten, dass ein – womöglich sehr rasch – schwindendes Vertrauen in das Geldsystem die größte Gefahr für eine mögliche Entwertung von Bar- und Sparvermögen darstellt

Unser etabliertes Geldsystem lebt allerdings elementar vom Vertrauen seiner Akteure, dem Vertrauen darauf, dass das eigene Geld Kaufkraft besitzt. Gewinnt Bitcoin (oder eine alternative Kryptowährung, die vielleicht noch gar nicht erfunden ist) aber noch weit stärker als bisher an Bedeutung als Währung für Transaktionen, ist das eine Bedrohung für die Hoheit der Notenbanken über das Geld – und damit auch all jene, bei denen der Anteil realer Werte am Gesamtvermögen niedrig und von Bar- und Sparguthaben hoch ist.