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Neue Umfrage Ist die Talsohle für US-Aktien erreicht?

Wall Street in New York: Laut einer Umfrage rechnen Investoren mit einem schnellen Wiederaufstieg der USA
Wall Street in New York: Laut einer Umfrage rechnen Investoren mit einem schnellen Wiederaufstieg der USA
© Bloomberg
Einer neuen Umfrage zufolge schätzen Anleger die wirtschaftlichen Risiken für Europa und Großbritannien höher ein, als in den USA. Das könnte auch Einfluss für die Aktien- und Anleihenmärkte haben

Überall auf der Welt fragen sich Anleger, welche Märkte stärker aus der aktuellen Krise hervorgehen – oder anders gesagt: In welche Märkte sie jetzt investieren sollten. Traut man der jüngsten MLIV-Pulse-Umfrage gibt es darauf eine klare Antwort: Demnach glauben die Befragten an eine schnelle Erholung von US-Aktien und -Anleihen. Die Frage, ob zuerst Großbritannien oder die EU in die Rezession stürzen werden, ist hingegen nahezu ausgeglichen.

Etwa 47 Prozent der 452 Befragten gehen davon aus, dass die Wirtschaft im Vereinigte Königreich als erstes einbrechen wird – was wohl auf die jüngsten Turbulenzen rund um ein geplantes Steuerentlastungsprogramm der britischen Regierung zurückzuführen ist. Anleger befürchteten daraufhin steigende Risiken für die Finanzstabilität des Landes. 45 Prozent der Befragten glauben derweil an eine schnelleren Einbruch in Europa. Nur sieben Prozent beantworteten die Frage mit den USA.

Klar sei laut den Autoren auch: Sowohl ein amerikanischer Aufschwung als auch ein anhaltender europäischer Abschwung werden unterschiedliche Risiken für die Vermögens- und Einkommensungleichheit mit sich bringen. Die transatlantische Kluft spiegelt den Krieg in der Ukraine und die Energieknappheit wider, die in Europa zu einem langfristigen wirtschaftlichen Druck führen, der in den USA weniger ausgeprägt ist. Dennoch gaben die Anleger an, dass die Federal Reserve genauso wahrscheinlich wie die Europäische Zentralbank oder die Bank of England ihren Zinserhöhungszyklus zuerst beenden wird.

Neue Umfrage: Ist die Talsohle für US-Aktien erreicht?

Darüber hinaus deutet die Umfrage darauf hin, dass ein Abschwung für Europa und das Vereinigte Königreich ein langer Leidensweg werden könnte – während eine überwältigende Mehrheit der Anleger, ganze 69 Prozent, der Meinung ist, dass die USA den Sturm am besten überstehen und als relativer Gewinner unter den großen Volkswirtschaften aus der diesjährigen Krisenserie hervorgehen werden.

Die Umfrage unterstreicht die klaren Auswirkungen auf die Vermögensallokation. Etwa 86 Prozent der Anleger erwarten, dass sich die US-Märkte zuerst erholen werden, wobei die Befragten Aktien gegenüber Anleihen leicht bevorzugen. Dieses Ergebnis deutet auch darauf hin, dass der seit langem bestehende Aufschlag für US-Aktien bestehen bleibt – und dass die Anleger bereit sind, mehrheitlich in die US-Staatsanleihenmärkte zurückzukehren, sobald sich die Bedingungen wieder verbessern.

Es gibt dabei mindestens drei potenzielle Gründe, die erklären könnten, warum so viele Anleger der Ansicht sind, dass die USA wahrscheinlich zuerst die Zinserhöhungen stoppen werden – damit sich die Wirtschaft und die Vermögensmärkte erholen können -, obwohl die Rezessionsrisiken anderswo viel größer sind.

Neue Umfrage: Ist die Talsohle für US-Aktien erreicht?

Der erste Grund ist die Sorge um die globale Finanzstabilität. In Anbetracht des Dollar-Status als wichtigste Reservewährung der Welt könnten die USA angesichts zunehmender globaler Turbulenzen abgeneigt sein, die Zinssätze weiter anzuheben, selbst wenn die Hauptursache dafür außerhalb der USA liegt.

Ein zweiter Gedanke ist, dass die Fed zuerst mit aggressiven Zinserhöhungen begonnen hat, was darauf hindeutet, dass auch ihre Aufgabe zuerst erledigt sein könnte. Dies wird durch die Umfragedaten gestützt, da die Mehrheit der Anleger die USA am ehesten in der Lage sieht, die Inflation zu bekämpfen.

Und ein dritter wichtiger Grund, warum die Fed als erstes aufhören könnte, ist, dass sie es selbst angekündigt hat. Die US-Zentralbank hat ihren Wunsch kundgetan, die Zinserhöhungen vorzuziehen, so dass sie ab Anfang 2023 für einen längeren Zeitraum auf einem restriktiven Niveau bleiben kann. Weder die Bank of England noch die EZB haben sich in ihren Prognosen so deutlich geäußert.

Privatanleger präferieren US-Aktien

Die Umfrage ergab eine interessante Aufteilung zwischen privaten und professionellen Anlegern. So wurden beispielsweise US-Aktien von Privatanlegern stärker bevorzugt als US-Anleihen, was darauf hindeutet, dass die jüngste Baisse bei Aktien die Kaufmentalität noch nicht dauerhaft gebrochen hat. Kleinanleger waren auch eher der Meinung, dass das Vereinigte Königreich zuerst in eine Rezession geraten würde.

Ein Vorbehalt, den man bedenken sollte: Ungleichheit. Das (unausgesprochene) Abwärtsrisiko für die USA, wenn die Ergebnisse der Umfrage eintreten, könnte eine Vergrößerung der Einkommens- und Vermögensunterschiede sein.

Die Zinserhöhungen der Fed haben beispielsweise zinsempfindliche Sektoren wie den Wohnungsbau am stärksten getroffen. Einige potenzielle Erstbesitzer von Wohneigentum waren bereits gezwungen, ihren Immobilientraum zu begraben und mieteten stattdessen erneut.

Dazu kommt ein zweiter Effekt auf die Vermögensverteilung: Die  Zentralbanken wollen die Wirtschaft aktuell über einen schwächeren Arbeitsmarkt abkühlen. Wenn dies geschieht, während sich die US-Finanzmärkte als erste erholen, könnte dies die Vermögensunterschiede noch vergrößern. Einem Aufschwung der Finanzanlagen, die sich zu einem unverhältnismäßig großen Teil im Besitz wohlhabenderer Haushalte befinden, stünden stagnierende Arbeitseinkommen aus Löhnen und Gehältern sowie Mietern gegenüber, die unter steigender Zinsen ächzen.

Es ist unwahrscheinlich, dass Europa und das Vereinigte Königreich dieser zunehmenden Ungleichheit entkommen. Während das Vermögen fast aller Menschen während einer Rezession sinkt, verlieren die Ärmsten am meisten. Eine inflationäre Rezessionen ist für sie sogar das schlimmste Szenario, denn Inflation ist de facto eine regressive Steuer – sie trifft die Ärmsten, die den größten Teil ihres verfügbaren Einkommens ausgeben.

Pessimismus gegenüber UK und EU

Die Umfrageteilnehmer sind wesentlich pessimistischer, dass das Vereinigte Königreich und der Euroraum die Lebenshaltungskosten in den Griff bekommen können: Nur 11 Prozent bzw. 16 Prozent erwarten, dass es der BOE oder der EZB gelingen wird, die Inflation im Jahr 2023 einzudämmen, gegenüber 65 Prozent in den USA.

Im Vereinigten Königreich könnte der Mittelstand eine besonders harte Zeit bevorstehen, wenn die 73 Prozent der Umfrageteilnehmer, die glauben, dass das Land im nächsten Jahr einen Immobiliencrash erleben wird, richtig liegen. Der Wohnungsmarkt ist ein wichtiger Motor für Wohlstandseffekte, und fallende Immobilienpreise verhindern in der Regel ein Durchsickern auf die übrige Wirtschaft. Das Ergebnis könnte eine größere Ungleichheit sein, selbst wenn die mittleren Einkommensgruppen einen Rückgang der Vermögenspreise erleben.

Letztendlich erinnert die Umfrage jedoch an Warren Buffetts Diktum: „Sei gierig, wenn andere ängstlich sind.“ Oder anders gesagt: Kaufe dann, wenn die Kurse niedrig sind. Wer von der Outperformance der US-Wirtschaft und der Vermögensmärkte also profitieren will, sollte dies nicht erst dann tun, wenn die Luft rein ist und der Weg klar ist. Es ist der Zeitpunkt, an dem der Höhepunkt der Falschheit und Angst erreicht ist.

Die Gesamtergebnisse der Umfrage lassen sich demnach wie folgt interpretieren: Irgendwann – viel früher als im Vereinigten Königreich oder in Europa – wird es in den USA sinnvoll sein, die Baisse zu kaufen, auch wenn dieser Zeitpunkt (möglicherweise) noch nicht gekommen ist.

©2022 Bloomberg L.P.

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