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US-Zinsentscheid Forward Guidance ade: Fed will sich nicht mehr in die Karten schauen lassen

Jerome Powell, Chef der US-Notenbank Fed, steht am Rednerpult
Jerome Powell, der Chef der US-Notenbank Fed, bei der Pressekonferenz nach dem Zinsentscheid
© IMAGO / Xinhua
Die US-Notenbank hebt die Zinsen erneut kräftig an um 0,75 Prozent. Die Märkte reagierten gelassen, auch weil sie schon wussten, was auf sie zukommt. Künftig will Fed-Chef Jerome Powell seine Pläne zur Inflationsbekämpfung aber weniger kommunizieren

Seitdem die US-Notenbank Fed im März mit den schnellsten Zinserhöhungen seit 1981 begonnen hat, hat sie ihre weiteren Pläne für eine Straffung der Geldpolitik sehr genau beschrieben. Doch am Mittwoch änderte sich das, als US-Notenbankchef Jerome Powell ankündigte, die Fed werde sich davor scheuen, einen offiziellen Kommentar zu ihren Bemühungen um die Bekämpfung der steigenden Inflation abzugeben.

„Es ist an der Zeit, dass wir von Sitzung zu Sitzung entscheiden und nicht mehr die klare Guidance geben, die wir bisher gegeben haben“, sagte Powell auf einer Pressekonferenz, nachdem die Fed ihren Leitzins den zweiten Monat in Folge um 0,75 Prozentpunkte angehoben hatte.

Bisher versuchten die Notenbanker, die Erwartungen der Anlegerinnen und Anleger zu steuern und so eine extreme Marktvolatilität zu vermeiden. Die Fed verbrannte sich jedoch die Finger, nachdem sie ihre Pläne in aller Ausführlichkeit dargelegt hatte, um dann in aller Eile den Kurs zu ändern, als die Inflation weiter außer Kontrolle geriet.

Abrupte Kursänderung

Nach der Zinsanhebung im Mai um einen halben Prozentpunkt gab Powell deutlich zu verstehen, dass die Fed bei den folgenden Sitzungen ähnliche Erhöhungen vornehmen würde. Er ging sogar so weit zu sagen, dass eine Zinserhöhung um 0,75 Prozentpunkte „nicht etwas ist, was der Ausschuss aktiv in Betracht zieht“.

Im Vorfeld der Juni-Sitzung bekräftigte die Fed diese Ankündigung, änderte jedoch abrupt ihren Kurs, als die Inflationsdaten schlechter als erwartet ausfielen und sie sich während einer Sperrfrist nicht öffentlich äußern konnte. Daraufhin nahm sie die erste Anhebung um 0,75 Prozentpunkte seit 1994 vor.

Anfang dieses Monats geriet die Fed nach einem weiteren alarmierenden Inflationsbericht erneut unter Druck, und die Anleger wetteten darauf, dass sie ihre Leitlinien erneut aufgeben und die Zinsen um einen vollen Prozentpunkt anheben würde.

Einige Ökonomen begrüßten am Mittwoch den eher wortkargen Ansatz und argumentierten, dass die Zentralbank angesichts der Ungewissheit darüber, wie weit sie vor dem Hintergrund einer hohen Inflation und einer sich verlangsamenden Wirtschaft die Zinsschraube anziehen muss, flexibel sein muss. „Diese Sitzung war ein guter Schritt in die Richtung, künftig keine Forward Guidance mehr zu geben“, sagte die Pimco-Ökonomin Tiffany Wilding. „Wenn man sich in einem Straffungszyklus befindet, gibt es keinen wirklichen Nutzen ... und ich bin überrascht, dass sie es, offen gesagt, so lange gemacht haben.“

Im Gegensatz zur Europäischen Zentralbank, die in der vergangenen Woche auf jegliche Art von Prognosen verzichtete, hat die Fed die Wahrsagerei allerdings noch nicht ganz aufgegeben. Powell verwies am Mittwoch wiederholt auf den vielbeachteten „Dot Plot“, der die Prognosen der Entscheidungsträger zusammenfasst.

Die jüngste Grafik aus dem vergangenen Monat zeigte, dass die meisten Notenbanker einen Anstieg des Leitzinses auf fast 3,5 Prozent bis Ende des Jahres und einen Anstieg auf fast vier Prozent im Jahr 2023 vorhersagen. Ein neuer Dot Plot wird im September veröffentlicht.

Powell sagte, es sei richtig, keine derart detaillierten Vorgaben mehr zu machen, da die Zinssätze jetzt dem so genannten langfristigen neutralen Niveau entsprechen, bei dem sie das Wirtschaftswachstum weder ankurbeln noch bremsen würden, wenn die Inflation das Zwei-Prozent-Ziel der Fed erreicht.

Ab jetzt kleinere Zinsschritte

Trotz Powells Versprechen, vorsichtiger zu sein, gab er einige Hinweise darauf, was auf der nächsten Sitzung im September zu erwarten ist. Die Anleger griffen seine Bemerkung auf, dass es „wahrscheinlich angemessen sein wird, das Tempo der Zinserhöhungen zu verlangsamen“, was eine Rallye bei Aktien und Anleihen auslöste.

Er ließ jedoch auch die Tür für eine „weitere ungewöhnlich große Zinserhöhung“ offen – also eine Anhebung um 0,75 Prozentpunkte – und sagte, die Zentralbank „würde nicht zögern“, noch aggressiver vorzugehen, falls die anstehenden Daten einen aggressiveren Ansatz rechtfertigen würden.

Die Fed rückt von detaillierten Prognosen ab, da das wirtschaftliche Umfeld immer komplexer wird. Obwohl sich der Arbeitsmarkt als robust erweist, gibt es erste Anzeichen dafür, dass die Wirtschaftstätigkeit abnimmt, die Investitionen sich verlangsamen und der Immobilienmarkt sich abkühlt.

Powell begrüßte das kühlere Umfeld und betonte, Preisstabilität sei das, „was die gesamte Wirtschaft zum Laufen bringt“. Das bedeutet, dass sich das Wachstum abschwächen und der Arbeitsmarkt weniger angespannt sein muss, sagte er. Und er fügte hinzu, dass das Risiko, zu wenig zu tun, schlimmer sei als nicht energisch genug zu sein.

Chefvolkswirt Michael Gapen von der Bank of America sagte, dass eine Zinserhöhung um 0,75 Prozentpunkte im September eine große Herausforderung wäre. Eine Erhöhung um einen halben oder einen Viertelpunkt sei wahrscheinlicher, wenn man bedenke, wie viele Erhöhungen bereits vorgenommen wurden.

Aber nicht jeder ist mit dem Wechsel der Fed zu einem eher schweigsamen Ansatz einverstanden. Chefökonom Torsten Slok von Apollo Global Management warnte, dass dies zu mehr Marktvolatilität führen könnte. „Wenn die Fed nicht mehr mit Nachdruck über den erwarteten Zinspfad kommunizieren will, wird das die aktuelle Diskussion an den Märkten nur noch verstärken.“ Er fügte hinzu: „Der Markt kann verunsichert werden und sich dann an Anekdoten [und] Zahlen klammern, die normalerweise nicht so viel Gewicht bekommen würden, weil die Fed ihn im Dunkeln darüber lässt, wohin die Reise gehen soll.“

Copyright The Financial Times Limited 2022


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