KolumneHaben Sie keinen Mann? Von gesellschaftlichen Übergriffen, die weg können

Dani Parthum Tom Salt

Renate wird jedes Mal wütend. Regelmäßig ruft ihre Bausparkasse für einen Beratungstermine an bei ihr an und jedes Mal, wirklich jedes Mal, werde sie gefragt, ob ihr Mann da sei. Obwohl sie ebenso Vertragspartnerin ist.

Oder Barbara. Ihre Bankfrau war ganz irritiert, als sie ohne ihren Mann zum Termin kam. Barbara wollte über einen Immobilienkredit für ein Haus reden, das sie von ihrem Geld und allein kaufen wollte. Wozu sollte also automatisch ihr Mann mitkommen?

Oder Carla, die ihrem Arbeitgeber ankündigte, sie wolle nach der Elternzeit wieder auf ihre Stelle zurückkehren. Der Arbeitgeber reagiert darauf mit dem Satz: „Warum schickst du deinen Mann nicht arbeiten?“

Was willst du mit so viel Gehalt?

Oder Lilian, die für ihr neu geborenes, erstes Kind kein Kindergeld beantragen konnte, weil die dafür notwendige Geburtsurkunde seit Monaten im Bürokratiegewirr hing. Sie fragte deshalb bei der Familienkasse an, wie sich das beschleunigen ließe, weil sie das Kindergeld wirklich dringend brauchte. Statt Antwort und Hilfe fragte die Sachbearbeiterin: Haben Sie keinen Mann?

Oder Christiane, die mal mit einem Bankberater sprach, der sie ungläubig fragt, ob sie wirklich so viel Geld verdiene oder sie das Gehalt ihres Freundes dazu gerechnet habe? Es war das letzte Gespräch mit diesem Banker.

Oder Frida, die ein Auto kaufen wollte. Nachdem sie sich im Autohaus eines ausgesucht hatte und der Kaufvertrag zur Unterschrift fertig vor ihr lag, fragte der Verkäufer sie, ob sie den Kauf nicht lieber nochmal mit ihrem Mann besprechen wolle.

Oder Sonja, die eine Gehaltserhöhung verhandelt hatte und ihr Arbeitgeber sie dann ernsthaft fragte: „Was wollen Sie denn mit so viel Geld? Ihr Mann verdient doch schon gut.“ Jetzt ist es ihr Ex-Arbeitgeber.

Wenn ich solche verbalen Respektlosigkeiten höre, kommt mir immer Hape Kerkelings Cafe Korten in den Sinn und sein: „Ich glaube es nicht! Ich glaube es gerade nicht!“

Bevormundung bei Finanzentscheidungen

Die von mir beschriebenen Beispiele – allesamt anonymisiert aus meiner Instagram-Community – zeigen, dass einer Frau in unserer Gesellschaft ganz offensichtlich nicht zugetraut wird, autonom mit Geld umzugehen, eigenes Geld zu verdienen, womöglich sogar sehr viel Geld, und Finanzentscheidungen fundiert allein treffen zu können. Frauen werden stattdessen als Anhängsel eines Mannes gesehen. Nicht als Selbstentscheiderin ihres Lebens.

Woran das liegt?

Es ist unser gesellschaftliches Erbe, das sich so hartnäckig hält. Die Realität von Frauen in der Bundesrepublik Deutschland sah bis Ende der 70er-Jahre so aus, dass das Ehe- und Familienrecht den Mann zum alleinigen Bestimmer über Frau und Kinder machte. Im Osten Deutschlands waren Frauen im Familienrecht bessergestellt als ihre Geschlechtsgenossinnen im Westen.

Kein Kauf eines Sofas ohne Mann

Eine Ehefrau in der Bundesrepublik musste ihrem Mann laut Bürgerlichem Gesetzbuch (BGB) jederzeit zur Verfügung stehen. Sogar bis 1969 galten verheiratete Frauen als geschäftsunfähig; ohne Zustimmung des Ehemannes durften sie noch nicht einmal ein Sofa kaufen oder einen Urlaub buchen. Gewalt in der Ehe war Privatsache und Ehefrauen durften nur dann entgeltlich außer Haus arbeiten, wenn das „mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar“ war.

Merken Sie etwas, wenn Sie an die von mir beschriebenen Beispiele zurückdenken?

Erst seit etwas mehr als 40 Jahren dürfen Frauen in (West)-Deutschland selbst entscheiden, wie sie leben wollen. Nur an der Gebärmutter endet die Selbstbestimmung bis heute durch ein Gesetz, das Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe stellt.

Simone de Beauvoir schrieb 1949: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht.“ Gerade bei allem Finanziellen merken Frauen diese Sozialisierung bis heute sehr deutlich – über Jahrhunderte wurden Frauen als unselbständige, dienende Wesen wahrgenommen, ohne eigene Bedürfnisse zu haben, ohne wirklichen Verstand, ohne eigenes Einkommen, ohne Autonomie.

Dieses Denken bremst aus, lässt Talente bei Frauen verkümmern, (finanzielle) Chancen ungenutzt vorbeiziehen, Lebensentwürfe nicht Realität werden und drängt Frauen in die Teilzeitfalle. Von den berufstätigen Frauen ist jede zweite zurzeit teilzeitbeschäftigt – oft mit geringem Lohn und geringen Aufstiegschancen, obwohl viele Frauen genau das gern möchten.

Womöglich trauen sich Frauen deshalb oft selbst nicht zu, eigene Finanzbedürfnisse und Ziele zu entwickeln, zu fordern, zu verhandeln, finanziell autonom zu denken und zu leben. Weil es ihnen die Gesellschaft nicht zutraut. Steigen Sie aus diesem Kreislauf aus.

Finanzen machen Frauen stark

Immer mehr Frauen tun das; sie streifen die Bevormundungen ab, ignorieren übergriffiges Verhalten bei Finanzfragen. Besonders junge Frauen. Sie verdienen ihr eigenes Geld und entscheiden eigenständig darüber, wollen mehr über Finanzen wissen, bauen Vermögen mit Aktien auf, verhandeln in Beziehungen die gemeinsamen Ausgaben und fordern partnerschaftliches Aufteilen von Hausarbeit und Kinderbetreuung ein. Sie werden finanziell autonom, emanzipieren sich selbst von ihren Müttern. Junge Vorbilder für uns Älteren.

PS: Die Sozialisierung trifft freilich auch Männer – spiegelbildlich stereotyp zu Frauen – mit Sprüchen wie: „Haste keine Frau zu Hause?“ Wenn Männer beispielsweise Elternzeit nehmen, Wäsche waschen, die Kinder aus der Kita abholen, sich um Geburtstage kümmern – also aktive Väter und Männer sind. Auch übergriffig. Auch respektlos. Kann auch weg.

 


Dani Parthum ist Diplom-Ökonomin, Geldcoach, Finanzbloggerin und Buchautorin. Unter der Marke Geldfrau unterstützt sie Frauen dabei, ihre Angst vor Finanzen abzulegen und für sich selbst Strategien zu entwickeln, selbstbestimmt mit Geld umzugehen und Vermögen aufzubauen.