EU-TaxonomieGrünes Label für Atomkraft: In der Finanzbranche regt sich Widerstand

Atomkraftwerk GundremmingenIMAGO / Bihlmayerfotografie

Am Silvesterabend, kurz vor Mitternacht, hat die EU-Kommission einen Entwurf für eine Klassifizierung nachhaltiger Finanzprodukte verschickt. Gelandet ist er in den Postfächern  der 27 EU-Mitgliedsstaaten. Die Deadline ist knapp: Bis kommende Woche müssen deren Regierungen entscheiden, wie sie sich zu dem Vorschlag verhalten.

Im Kern geht es um die Frage, welche Art des Wirtschaftens als nachhaltig bezeichnet werden darf und welche nicht. Die EU-Kommission schlägt vor, Atomkraft sowie Erdgas als sogenannte grüne Energien zu klassifizieren. Das würde bedeuten, dass Anlageprodukte wie Fonds auch dann einen Nachhaltigkeits-Stempel bekämen, wenn sie in umstrittene Technologien wie Atomkraft oder Erdgas investieren.

Umweltverbände und viele Politiker sind von dem Vorstoß entsetzt. Denn er würde eine indirekte Förderung moderner Atom- und Gaskraftwerke bedeuten. „Die Vorschläge der EU-Kommission verwässern das gute Label für Nachhaltigkeit“, sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). „Es ist ohnehin fraglich, ob dieses Greenwashing überhaupt auf dem Finanzmarkt Akzeptanz findet.“

„Taxonomie politisch gekapert“

Bei vielen Fondsgesellschaften stößt der Brüsseler Plan auf Widerstand. Schon im August hatten sich Teile der Branche gegen die Klassifizierung von Atomkraft als grüne Energie positioniert. In einem offenen Brief schrieb die Organisation Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG), die 200 Mitglieder vertritt: „Nach unserer Einschätzung würde eine Kategorisierung von Atomkraft als nachhaltige Wirtschaftsaktivität die Erreichung unseres gemeinsamen Ziels der Förderung von Sustainable Finance nicht unterstützen, sondern hindern.“

Atomenergie als nachhaltig zu bezeichnen sei ein No-Go, sagt Ingo Speich, Leiter Corporate Governance und Nachhaltigkeit bei der Dekabank, der Fondsgesellschaft der Sparkassen. „Mit dieser Taxonomie lädt die EU-Kommission Probleme wie die Entsorgung des Atommülls auf künftige Generationen ab“, so Speich zu Capital.

Neben der Deka sind auch Union Investment, die GLS Bank oder die LBBW Bank Mitglied bei FNG. Die LBBW äußert sich auf Nachfrage von Capital ebenfalls kritisch zu dem EU-Vorstoß. Die verschiedenen Ansätze, das Atommüll-Problem in den Griff zu bekommen, seien bislang nicht erfolgversprechend. Atomkraft sei deshalb nicht umsonst europaweit eines der wichtigsten Ausschlusskriterien für Sustainable Finance, so die LBBW.

„Die Taxonomie wurde politisch gekapert“, sagt Speich von der Deka. Insbesondere Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte darauf gedrängt, Atomkraft als saubere Energie einzustufen. Deutschland ist gegen die Aufnahme der Atomkraft in die Taxonomie, hat aber für ein grünes Label für Gas als notwendige Übergangstechnologie geworben. „Die Taxonomie-Regeln werden von der Industriepolitik einzelner Länder getrieben. Die EU-Kommission hat Glaubwürdigkeit verspielt“, so Speich. Den eigentlichen Zielen, nämlich den Klimawandel zu verlangsamen und die Wirtschaft nachhaltiger aufzustellen, helfe das nicht.

Die Einstufung von Wirtschaftstätigkeiten durch die EU-Kommission soll Anlegern helfen, ihre Investitionen auf nachhaltigere Technologien und Unternehmen umzustellen. Das soll ein wesentlicher Hebel sein, um Europa bis 2050 klimaneutral zu machen. Die Taxonomie dürfte daher weitreichende Auswirkungen haben, denn als nachhaltig eingestufte Projekte werden bei Investoren immer beliebter.

„Atomkraft würde als grünes Wertpapier gelten“

Sollten Atomkraft und Erdgas als grüne Technologien anerkannt werden, würden vor allem die betroffenen Unternehmen profitieren. Sie hätten es am Kapitalmarkt deutlich leichter. „Sie können durch die Taxonomie auf mehr potenzielle Anleger, Investoren und damit mehr Geld hoffen“, sagt Speich gegenüber Capital.

Unternehmens-Anleihen könnten dann außerdem als Green Bonds gehandelt werden. „Atomkraft würde als grünes Wertpapier gelten“, sagt Speich. „Die Nachfrage nach Green Bonds ist sehr hoch, damit wäre die Liquidität dieser Firmen am Kapitalmarkt sichergestellt.“

Fondsgesellschaften müssten sich künftig überlegen, ob sie der EU-Taxonomie folgen oder nicht. Auf die Finanzprodukte der Deka wird die vorläufige Entscheidung laut Speich keinen Einfluss haben. „Stand heute bleiben unsere Filter für nachhaltige Finanzprodukte wie sie sind. Wir weiten sie nicht auf Firmen aus dem Atomsektor auf.“

 


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