VerhaltensökonomieGeldanlage: Anleitung für einen kühlen Kopf

Anleger neigen in Krisensituationen zu Panikimago images / Westend61

Der große Absturz der Kapitalmärkte in Asien, Europa und den USA ist zwar schon eine Weile her. Aber am Aktienmarkt bleibt es unruhig. Immer neue Hiobsbotschaften in Form von Konjunkturdaten und Gewinnwarnungen drücken auf die Indizes. Dass die Einzelhandelsumsätze in den USA im März um 8,7 Prozent heftiger als erwartet eingebrochen waren, trieb Anleger am Mittwoch aus Aktien, der S&P 500 brach um knapp drei Prozent ein. Dabei lautet der Expertenrat doch, einen kühlen Kopf zu bewahren und die Erholung abzuwarten.

Aber Panik ist menschlich und treibt uns zu irrationalen Entscheidungen. Eine Ursache ist die sogenannte „selektive Wahrnehmung“. Das Gehirn leitet seine Erwartungen an die Zukunft aus der kurzfristigen Geschichte ab. „Lief es in den letzten Tagen und Wochen schlecht, gehen Menschen intuitiv davon aus, dass es so weitergeht“, erklärt Olaf Stotz, Professor für Vermögensverwaltung an der Frankfurt School of Finance and Management.

Menschen nehmen zudem Schmerz über Verlusten intensiver wahr als Freude über Gewinne. Das von den Kapitalmärkten ausgehende Risiko wird überproportional wahrgenommen. Dagegen schrumpft die Fähigkeit, sich eine positive Zukunft vorzustellen.

Langfristige Perspektive gegen kurzfristige Unsicherheit

Wer also von den Gefühlen überrollt wird, sollte Langfristigkeit in seine Gedanken bringen und den Blick von der Momentaufnahme fallender Kurse abwenden. Wie sieht die Welt in einem Jahr aus? Die Erfahrung zeigt, dass auch nach der schlimmsten Krise die Kurse irgendwann wieder das Vorkrisenniveau erreicht haben. Gut, nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 hat das 25 Jahre gedauert. Aber zwischen der Bewertungskorrektur von 1987 erholte sich der Aktienmarkt binnen zwei Jahren und nach der Finanzkrise 2008 binnen vier Jahren. Weil die Notenbanken auch in dieser Krise die Kapitalmärkte mit Geld fluten, dürfte das Vor-Corona-Niveau deshalb auch in wenigen Jahren wieder erklommen sein.

Nicht zu vergessen ist, dass jede Krise auch positive Aspekte hat. „Wenn ich jetzt günstig Aktien kaufe, verbessere ich meine Chancen auf Rendite in der Zukunft“, meint Stotz

Hinter einer Abkehr vom Aktienmarkt in Zeiten fallender Kurse steht jedoch auch eine Form der Nutzenmaximierung. „Manchen ist ein guter Schlaf wichtiger als ein paar Euro mehr oder weniger“, sagt Stotz. Vor allem risikoaverse Menschen haben in Krisenphasen einen großen Wunsch nach Stabilität – den sie sich durch den Verkauf der in schwankenden Märkten so riskant erscheinenden Aktien erfüllen.

Kompetentes Handeln in stabiler Umgebung

Der berühmte Verhaltensökonom Daniel Kahnemann hat über Kompetenz eines Experten gesagt, dass sie nur vorhanden sei, wenn „in der für seine Expertise relevanten Umgebung stabile Regelmäßigkeiten herrschen“. Deshalb streben Profianleger in Crashzeiten nach Sicherheit.

Auch bei der französischen Vermögensverwaltung Comgest stehen die Fondsmanager unter Druck, wenn die Märkte abrauschen. Da alle Investment-Entscheidungen im Team getroffen werden, trägt aber keiner die Verantwortung für Neupositionierungen alleine. „Psychologisch ist das in starken Marktkorrekturen, wie es bei Covid-19 der Fall ist, ein Vorteil gegenüber Konkurrenten, wo ein einzelner Star-Fondsmanager entscheidet“, sagt Wolfgang Fickus aus dem Investment-Komitee. Die Teams seien gemischt zusammengesetzt, Frauen, Männer, unterschiedliche Nationalitäten sowie jung und alt treffen aufeinander – das wirke ebenfalls stabilisierend.