Fondspolicen „Es bestehen ernsthafte Zweifel, ob das Preis-Leistungsverhältnis noch angemessen ist“

Hauptsitz der Bafin in Frankfurt
Hauptsitz der Bafin in Frankfurt
© brennweiteffm / IMAGO
Die Finanzaufsicht Bafin hat die Kosten von fondsgebundenen Versicherungen abgefragt. Die sind hoch, sie liegen im Mittel bei rund zwei Prozent – in der Spitze sogar bei vier Prozent. Es gebe deutlichen Verbesserungsbedarf sagt Bafin-Sprecher Norbert Pieper
Herr Pieper, die BaFin hat die Kosten der fondsgebundenen Policen abgefragt. Verbraucherschützer kritisieren schon länger, diese seien sehr hoch. Was kam bei Ihrer Abfrage heraus?
NORBERT PIEPER: Unsere Abfrage hat gezeigt, dass die Kosten fondsgebundener Produkte im Mittel höher sind als bei klassischen Lebensversicherungen. Dem steht allerdings auch die Chance gegenüber, mit fondsgebundenen Produkten an ertragreicheren Kapitalanlagen zu partizipieren, zum Beispiel an einem konkreten Aktienfonds. Bei Verträgen mit kurzer Ansparphase sind die sogenannten Effektivkosten in der Regel höher als bei Verträgen mit einer langen Ansparphase. Aber selbst bei vergleichbaren Produkten bestehen erhebliche Unterschiede: Wir haben bei den fondsgebundenen Lebensversicherungen in der Spitze Effektivkosten von über vier Prozent gesehen und am unteren Ende weniger als ein Prozent. Im Mittel liegen die Effektivkosten der betrachteten fondsgebundenen Beispielverträge zwischen 1,75 Prozent und 2,66 Prozent je nach Ansparphase. Die Effektivkosten geben dabei grundsätzlich an, wie stark die jährliche Rendite eines Versicherungsanlageprodukts durch die insgesamt anfallenden Kosten gemindert wird.
Das bedeutet, dass im Mittel gut zwei Prozentpunkte der erzielten Rendite nicht bei den Kunden ankommen. Hat Sie das Ergebnis überrascht – oder wie transparent beurteilen Sie den Markt in Bezug auf die Kosten? 
Die Versicherungsnehmer werden bei Vertragsabschluss über die Effektivkosten informiert. Außerdem werden die Effektivkosten von Versicherungsanlageprodukten – jeweils für einen Mustervertrag – auch in den Basisinformationsblättern angegeben. Diese Informationsblätter müssen die Versicherer auf ihrer Internetseite veröffentlichen. Die Höhe der Effektivkosten hat uns daher nicht überrascht. Durch die Abfrage haben wir uns aber einen systematischen und umfassenden Marktüberblick verschafft.
Denn die Effektivkosten stellen eine wichtige Kennzahl dafür dar, wie weit die insgesamt anfallenden Kosten die Rendite mindern. Diese Kennzahl sagt aber nichts darüber aus, wofür die Kosten anfallen. Der Gesetzgeber hat deshalb auch vorgesehen, dass den Kunden die Abschluss- und Vertriebskosten mitgeteilt werden. Sie umfassen insbesondere die Zahlungen an die Vermittler. Aber: Im Sinne des Gesetzes sind das nur die Aufwendungen, die das Versicherungsunternehmen selbst leistet. Hierbei werden die Rückvergütungen der Fondgesellschaften nicht als Abschluss- und Vertriebskosten erfasst. Tatsächlich bilden sie aber ebenfalls Kosten des Produkts, die für den Vertrieb anfallen. Das ist jedoch für Kunden nicht erkennbar, weil diese Kosten nicht als Abschluss- und Vertriebskosten des Versicherungsunternehmens ausgewiesen werden. Hier sehen wir Verbesserungsbedarf hinsichtlich der Transparenz der Kosten.
Auffällig ist, dass die Spreizung bei den Kosten so enorm hoch ist, viel höher als bei den Klassikpolicen. Warum sind gerade die fondsgebundenen Policen so anfällig für hohe Kostenquoten?
Bei den fondsgebundenen Produkten spielen neben den Kosten des Versicherungsmantels auch die Kosten der Fonds eine große Rolle, die als Anlageoptionen angeboten werden. Bereits bei den Fonds ist die Bandbreite der Kosten hoch. Es macht zum Beispiel einen deutlichen Unterschied, ob es sich um einen aktiv oder passiv gemanagten Fonds handelt. Zahlt eine Fondsgesellschaft Rückvergütungen – umgangssprachlich „Kick-back-Zahlungen“ – spiegelt sich dies in den Managementgebühren des Fonds wieder. Erstattet der Lebensversicherer diese Rückvergütungen vollständig an die Kunden - im Rahmen der Überschussbeteiligung – dann ist das im Hinblick auf die Höhe der Effektivkosten unproblematisch. Sie werden jedoch teilweise als zusätzliche Vergütung an den Vertrieb gezahlt, was sich dann ebenfalls kostentreibend auswirkt.
Wie definieren die Bafin generell „hohe Kosten“ – und ab welcher Höhe sehen Sie Verbesserungsbedarf, den Sie anmahnen?
Hier gibt es keine gesetzlichen Grenzen. Die Wohlverhaltenspflichten verlangen aber, dass die Lebensversicherer bei der Gestaltung ihrer Produkte auf ein angemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis achten. Neben den Kosten spielen hierbei auch noch andere Aspekte eine Rolle, zum Beispiel das Renditepotenzial der Kapitalanlagen oder die Serviceleistungen des Versicherers. Bei den Spitzenausprägungen der Kosten bestehen aus Sicht der Bafin jedoch ernsthafte Zweifel, ob das Preis-Leistungsverhältnis noch angemessen ist. Nehmen wir beispielsweise einen Vertrag mit Effektivkosten von vier Prozent. Der Kunde würde erst dann einen Anlagegewinn erzielen, wenn die zu Grunde liegende Kapitalanlage (also der Fonds) eine entsprechend hohe Rendite erreicht.
Was können Verbraucher aus Ihrer Erhebung mitnehmen – und was können Kunden selbst tun, um einen günstigen Versicherer ausfindig zu machen?  
Verbraucher sollten sich vor ihrer Anlageentscheidung über die Leistungen und Kosten eines Lebensversicherungsprodukts informieren. Eine wichtige Informationsquelle sind die Informationen, die Lebensversicherer aufgrund gesetzlicher Verpflichtungen im Vorfeld eines Vertragsabschlusses zur Verfügung stellen müssen. Bei Versicherungsanlageprodukten also zum Beispiel das Basisinformationsblatt und die vorvertraglichen Informationen laut Versicherungsvertragsgesetz VVG. Verbraucher können anhand dieser Informationen einen Leistungs- und Kostenvergleich zwischen verschiedenen Produkten und Anbietern vornehmen. Im Zweifelsfall sollten sich Verbraucher vor ihrer Anlageentscheidung beraten lassen.

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