Start-upsFintechs drängen in die Mittelstandsfinanzierung

Factoring
Noch ist Factoring nur Unternehmen mit hohen Rechnungskosten vorbehalten.

Thomas Brunzel herrscht über ein gewaltiges Arsenal: 7 000 Tonnen normal- und starkwandige Stahlrohre, Gegenwert gut 6 Mio. Euro, gelagert in einem Depot am Düsseldorfer Hafen. Von hier liefert Rohrhandel-Brunzel, so heißt der Familienbetrieb mit 25 Mitarbeitern und 50-jähriger Geschichte, seine Produkte an Abnehmer wie Salzgitter, Thyssen oder Klöckner. Klassisches Zwischenhändlergeschäft, mit dem der Mittelständler vergangenes Jahr 16 Mio. Euro umsetzte. Und das Brunzel ein „typisches Problem“ einbringt, wie er sagt: „Ein so großes Lager vorzuhalten ist teuer. Die Finanzierung über die Hausbank zu vernünftigen Konditionen wird aber für kleine Unternehmen immer
schwieriger.“ Hinzu kommt, dass im Stahlhandel besonders langfristige Zahlungsziele die Regel sind, üblich sind 60 Tage. Brunzels Lieferanten, Stahlwerke in Russland oder China zum Beispiel, wollen ihr Geld aber schnell sehen – teilweise muss er in Vorkasse gehen.

INKASSO AUF WUNSCH

Um flüssig zu bleiben, nutzte Brunzel bis vergangenes Jahr den
Kontokorrentkredit der Hausbank. Dann entdeckte er ein neues
Finanzierungsinstrument für sich: Factoring. Dabei verkauft der
Unternehmer seine Rechnungen an einen spezialisierten Finanzdienstleister, der ihm den fälligen Betrag sofort überweist. Dafür kassiert der Finanzier eine Gebühr, üblicherweise im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Viele Factoringanbieter sichern zudem das Risiko für Zahlungsausfälle ab, auf
Wunsch kümmern sie sich auch um Mahnwesen und Inkasso.

„Factoring ist eine recht unkomplizierte Möglichkeit, schnell an Liquidität zu kommen“, bilanziert Brunzel. Er hat beobachtet, dass immer mehr Kunden und Lieferanten auf das Finanzierungsinstrument setzen. „Es wird zum zweiten Standbein neben der Hausbank.“

Der Markt für den Verkauf von Forderungen wächst. Zwar liegt die
Factoringquote in Ländern wie Belgien oder Italien deutlich höher, aber auch in Deutschland hat sich das Volumen im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt in den letzten zehn Jahren verdoppelt. „Es gibt zwar keinen Factoringboom, aber seit Längerem einen stetigen Wachstumstrend mit teilweise zweistelligen Zuwachsraten“, sagt Thomas Hartmann-Wendels, Professor für Bankbetriebslehre an der Universität Köln und einer der wenigen Factoringexperten in Deutschland. Nach seinen Berechnungen stiegdas Volumen für Forderungsverkäufe 2016 auf 222 Mrd. Euro, ein Zuwachs um knapp fünf Prozent. Auch die jüngsten Zahlen deuten auf Wachstum: Für das erste Halbjahr 2017 vermeldete der Deutsche Factoring-Verband für seine Mitglieder ein Plus von acht Prozent, Gesamtumsatz: 113 Mrd. Euro.

Dennoch ist die Bedeutung des Finanzierungsinstruments noch bescheiden:Von den gut 3,5 Millionen Unternehmen in Deutschland nutzen gerade mal 30 000 Factoring. Im Mittelstand setzen nur 15 Prozent den Forderungsverkauf ein, hat eine Umfrage des Branchenverbands BFM ergeben. Einen Grund dafür liefert die Studie gleich mit: 75 Prozent der befragten Unternehmer wissen nach eigener Aussage selbst zu wenig über die Finanzierungsform, um sie für ihre Firma zu nutzen.

Eine zweite Erklärung: Das Modell hat in mehrfacher Hinsicht ein
Imageproblem. „Dem Factoring haftet immer noch der Ruf des Inkassos an“, sagt Hartmann-Wendels. Und: „Damit wird verbunden, dass Unternehmen, die darauf setzen, quasi auf dem letzten Loch pfeifen. Factoring wird also als schlechtes Signal nach außen verstanden.“ Drittens sind die meisten Mittelständler mit ihrer Finanzierungssituation zufrieden. 81 Prozent der
Befragten einer Studie der Beratungen Wolff & Häcker sowie Ebner Stolz sagten aus, keine Probleme bei der Mittelbeschaffung zu erleben. Und 85 Prozent gaben an, zur Finanzierung auf Bank- oder Förderdarlehen zu setzen.

Auch ist es um die Zahlungsmoral derzeit eher gut bestellt. In einer Studie von Creditreform gaben 96 Prozent der befragten Mittelständler an, Rechnungen an private oder gewerbliche Kunden würden in der Regel innerhalb von 30 Tagen bezahlt (über Auftraggeber der öffentlichen Hand sagen das immerhin 87 Prozent). Bei 61 Prozent der befragten Unternehmer betrugen die Forderungsausfälle weniger als 0,1 Prozent des Umsatzes. Es gibt aber noch eine andere Erklärung für den schweren Stand des Factorings im Mittelstand: Das Geschäft mit kleinen und mittleren Unternehmen war für die Finanzierer bislang einfach nicht interessant. Die Großen im deutschen Factoringmarkt – vor allem die Targo Commercial Finance, ein Schwesterunternehmen der Targobank, die Postbank-Tochter PB Factoring sowie Coface Deutschland, ein Ableger des gleichnamigen französischen Kreditversicherers – konzentrieren sich auf die „Big Tickets“. Marktführer Targo erzielte 2016 mit einigen Hundert Kunden 45 Mrd. Euro Umsatz – große Fische also.