Zinsentscheid der Fed Taube oder Falke? Powells Gratwanderung

Fed-Chef Jerome Powell
Jerome Powell, Chef der US-Notenbank Fed
© IMAGO / Xinhua
Die US-Notenbank Fed hebt den Leitzins um 0,5 Prozentpunkte an und bleibt bei ihrem positiven Ausblick. Die Aktiennmärkte freut's. Sie hatten sich vor noch kräftigeren Zinserhöhungen in der Zukunft gefürchtet. Doch dass Powell damit die hohe Inflation im Zaum halten kann, glauben nicht alle

Premiere nach 22 Jahren: Zum ersten Mal seit der Jahrtausendwende hat die US-Notenbank Fed den Leitzins wieder deutlich um 0,5 Prozentpunkte angehoben. Die Zinsspanne liegt nun zwischen 0,75 und 1,0 Prozent. Fed-Chef Jerome Powell kündigte an, auch weiterhin große Schritte Richtung Zinswende machen zu wollen. An den Aktienmärkten hat er damit erstaunlicherweise für Aufwind gesorgt. Doch die Gefahren einer hohen Inflation sind damit nicht zwangsläufig gebannt.

Im Gegenteil: Vieles spricht dafür, dass sich der Preisdruck weiter verfestigt und die Lage auf dem überhitzten US-Arbeitsmarkt angespannt bleibt. Die Teuerungsrate liegt in den USA bei 8,5 Prozent und damit auf dem höchsten Wert seit 40 Jahren. Erst im März hatte die Fed deshalb die Zinsen um 0,25 Prozentpunkte erhöht, nachdem sie sie zu Beginn der Coronapandemie auf null abgesenkt hatte. Durch die wirtschaftliche Erholung nach den ersten Pandemiewellen stiegen die Verbraucherpreise jedoch stark an.

Powell gab sich optmistisch und sagte, die Fed verfüge „sowohl über die notwendigen Instrumente als auch über die nötige Entschlossenheit, um die Preisstabilität wiederherzustellen". Gleichzeitig warnte er aber vor weiterem Inflationsdruck aufgrund unterbrochener Lieferketten, die durch den Krieg in der Ukraine und die Lockdowns in China schon jetzt ein Problem sind. Diese Engpässe könnten sich erneut auf Inflation und Wachstum auswirken.

Powell stellte weitere, marktverträgliche Zins-Erhöhungen in Aussicht. „Im Ausschuss herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass bei den nächsten Sitzungen weitere Erhöhungen um 50 Basispunkte auf dem Tisch liegen sollten“, sagte der Fed-Chef. Doch so richtig abnehmen wollen Beobachter ihm die Falken-Rolle als Inflationsbekämpfer nicht. Denn einer künftigen Zinserhöhung um 0,75 Prozentpunkte erteilte Powell eine Absage. Vor einer solchen Anhebung hatten die Märkte Angst. Mit seiner jetzigen Entscheidung sendet Powell also eher marktfreundliche Tauben-Signale. „Es ist eine dovishe Zinserhöhung, da er größere Zinsschritte von 75 Basispunkten für die Zukunft klar herunterspielte“, schreiben etwa die Analysten der Commerzbank.

Kursfeuerwerk an der Börse

Entsprechend beschwingt reagierten die Börsen auf den positiven Ausblick. Nach der Zinssitzung starteten dort kleine Kursfeuerwerke. Besonders an der Nasdaq katapultierte der Fed-Entscheid die Kurse nach oben: Mit Verlusten gestartet, drehte der Nasdaq 100 um 3,41 Prozent nach oben auf zum Handelsschluss 13 535,71 Punkte. Besonders Tech-Firmen sind wegen ihrer tendenziell höheren Verschuldung anfällig für steigende Zinsen. Der breite S&P 500 zog ebenfalls kräftig um 2,99 Prozent an und schloss bei 4300,17 Punkten. Beide Indizes waren zum Wochenstart auf den tiefsten Stand seit dem Frühjahr 2021 gefallen.

An der Wall Street gingen Anleger ebenfalls auf Einkaufstour: Der Dow Jones gewann 2,81 Prozent und erklomm 34 061,06 Punkte. Die Fed-Signale schwappen am Donnerstag auch nach Europa und Deutschland. Der Dax legte kurz nach Handelsstart um 2,14 Prozent auf 14.269 Punkte zu Punkte, beim MDax ging es um 1,65 Prozent aufwärts und der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 legte zeitweise um 1,8 Prozent zu. 

Die Rendite zweijähriger US-Staatsanleihen, die sich mit den Zinserwartungen bewegt, fiel um 0,12 Prozentpunkte auf 2,66 Prozent. Die Anleger am Futures-Markt wetten nun darauf, dass der Zinssatz Ende des Jahres bei 2,79 Prozent liegen wird. Am Dienstag notierte er noch bei 2,88 Prozent.

„Die Anleger zeigen sich erleichtert darüber, dass die US-Notenbank das Tempo bei der Zinswende im Jahresverlauf nicht weiter anziehen will. Die Angst war groß, dass sie angesichts ihres Bestrebens, die Inflation zu bekämpfen, keine Sensibilität hinsichtlich einer konjunkturellen Abschwächung zeigen könnte“, sagte Analyst Jochen Stanzl vom Broker CMC Markets. Im ersten Quartal schrumpfte die größte Volkswirtschaft der Welt überraschend um 0,4 Prozent.

„Die US-Notenbank hat ein Jahrzehnt lang wie eine Taube gegurrt, und jetzt versucht sie, wie ein Falke zu krächzen, und zwar sehr laut“, sagt David Kelly, globaler Chefstratege bei JP Morgan. „Ich glaube aber, dass die Fed immer noch zu ihrer lockeren Haltung zurückkehren wird, und ich glaube, dass sie später im Jahr die Chance haben wird, zu ihrer lockeren Haltung zurückzukehren.“

ZEW-Ökonom Friedrich Heinemann dagegen verweist auf die Gefahren einer zu langsamen oder zaghaften Erhöhung: „Die stark inflationäre US-Volkswirtschaft mit ihrer kräftigen Lohndynamik benötigt nun eine glaubwürdige Strategie der Inflationsbekämpfung.“ Bislang wird zum Jahresende ein Leitzins von etwa drei Prozent erwartet. „Es ist zunehmend wahrscheinlich, dass es dabei nicht bleibt und die Fed noch schneller sein muss, um die im Gang befindliche Lohn-Preis-Spirale auszubremsen“, so Heinemann.

Fed: Straffere Geldpolitik verkraftbar

Die Fed-Vertreter um Powell glauben, dass die Wirtschaft die nun gestraffte Geldpolitik vertragen kann, ohne in eine Rezession zu rutschen. Powell sagte, es bestehe eine „gute Chance“ für eine „weiche oder sanfte Landung“, und verwies auf die Stärke der Bilanzen von Haushalten und Unternehmen sowie den starken Arbeitsmarkt. Ihre eigene Bilanz von 9 Billionen Dollar will die US-Notenbank zunächst um knapp 50 Milliarden Dollar pro Monat abschmelzen, ab dem Herbst dann um 95 Milliarden.

Generell bekräftigte die Fed ihren optimistischen Ausblick auf einen starken Arbeitsmarkt und darauf, dass „eine angemessene Straffung des geldpolitischen Kurses“ die Inflation wieder in den Zielbereich bringe. Powells Vorgängerin und jetzige Finanzministerin Janet Yellen hingegen sagte, die Zentralbank müsse „geschickt sein und auch Glück haben“, um eine sanfte Landung zu erreichen. Es bleibt also eine Gratwanderung für die Fed, wenn sie die Wirtschaft weder extrem beschleunigen noch abwürgen will.


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