Interview„Es ist nie zu spät für Aktien“

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Capital: Herr Richert, was macht die Generation „Goldener Löffel“ so besonders?

MARKUS RICHERT: Noch nie in der deutschen Geschichte hatten Menschen so viel Zeit, für das Alter vorzusorgen und Vermögen anzuhäufen. Das Deutsche Institut für Altersvorsorge schätzt, dass in Deutschland künftig eine Zeitlang jedes Jahr 260 Mrd. Euro vererbt werden. Das ist mehr als das Bruttoinlandsprodukt von Lettland, Litauen, Ungarn und Bulgarien zusammen. Diese unvorstellbare Summe hat die Generation „Goldener Löffel“ fast ausschließlich konservativ verwaltet: Bausparpläne, Lebensversicherungen und Sparbücher waren das Nonplusultra. Die damals noch hohen Zinsen haben es möglich gemacht. Heute bringt so eine Anlagestrategie nichts mehr ein, man muss mittlerweile deutlich mehr wagen.

Das gilt aber doch sicher nicht für die Angehörigen der Generation „Goldener Löffel“? Sie können sich jetzt auf ihren Erträgen ausruhen und sollten doch besser keine großen Risiken mehr eingehen.

Es ist nie zu spät, mit dem Aktienhandel anzufangen. Zumal die Generation „Goldener Löffel“ die besten Voraussetzungen dafür hat. Viele ihrer Angehörigen wohnen im Eigenheim, beziehen hohe gesetzliche und betriebliche Renten und verfügen über hohe Ersparnisse – Grund genug, auch mal etwas Neues auszuprobieren. Selbst wenn diese Anleger etwas Geld verlieren sollten, müssen sie keine Existenzängste haben. Bei ihren Nachkommen sieht die Situation anders aus. Viele wohnen zur Miete. Außerdem gilt als gesichert, dass sie einmal weniger Rente als ihre Eltern bekommen und im Alter nicht ihren aktuellen Lebensstandard halten können. Das ist natürlich ein Problem. Wenn sich schon die bisher vermögendste Generation Deutschlands nicht an den Aktienmarkt traut, warum sollten es dann ihre Erben tun? Auch wenn die Erben die vergleichsweise hohen Renditen von Aktien besonders nötig hätten.

Umfragen zeigen, dass sich insbesondere junge Anleger beim Thema Finanzen gern Rat bei Familienmitgliedern holen. Hat die Erbengeneration das auch gemacht und in der Folge zu mittlerweile unrentablen Zinsprodukten gegriffen, oder haben ihre Mitglieder aus der Nullzinsphase gelernt?

Die Erben der Generation „Goldener Löffel“ gehen sehr unterschiedlich mit der Situation am Kapitalmarkt um. Manche haben noch die Warnungen ihrer Eltern im Kopf und meiden Aktien. Ich bekomme von älteren Mandanten oft zu hören: „Ich habe damals in Telekom-Aktien investiert, das war ein totaler Reinfall.“ Ich kann verstehen, dass auch ihre Kinder argwöhnisch sind. Aber es gibt heute mit ETFs und Fondsparplänen einfache Einstiegschancen in den Aktienmarkt. Anleger können sich mit kleinen Beträgen an Aktien herantasten und Erfahrung sammeln. Die brauchen sie spätestens dann, wenn das Milliardenerbe auf sie zukommt. Damit werden viele Investoren überfordert sein.

Warum?

Unsere Erziehung und Bildung haben großen Einfluss darauf, wie wir mit Geld umgehen. Die aktuelle Erbengeneration hat von ihren Eltern gelernt, auf Sparbücher und Co. zu vertrauen. Heute gibt es aber keine Zinsen mehr. Alternativen hat die ältere Generation wiederum nicht kennengelernt. Selbst heute haben wir noch ein großes Defizit in Schule und Studium, was Geldanlage-Themen angeht. Nicht einmal BWL- oder VWL-Studenten haben am Ende ihres Studiums den Aktienmarkt einigermaßen verstanden.

Was können sich Erben von der Generation „Goldener Löffel“ abschauen?

Auch wenn diese Generation sehr vorsichtig mit ihrem Geld umgegangen ist, hat sie doch investiert und die Finanzprodukte ihrer Zeit genutzt. Früher waren Bausparpläne und Lebensversicherungen eben noch rentable Anlageinstrumente. Für die Nachfolge-Generation könnten ETFs und Fondssparpläne die Mittel der Wahl sein. Und ein Tipp der Generation „Goldener Löffel“ ist auch heute noch gültig: In ein Eigenheim zu investieren ist selten eine schlechte Idee.