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Karen Ward Ein schlechtes Jahr für die Wirtschaft, ein besseres Jahr für die Märkte

Karen Ward
Karen Ward
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2022 war für Anlegerinnen und Anleger ein schmerzhaftes Jahr. Aktien und Anleihen taumelten gleichzeitig – ein seltenes Phänomen. Das kommende Jahr dürfte für die Wirtschaft erneut schwierig werden. Wir sehen jedoch einige Gründe, für 2023 optimistisch 2023 zu sein

Die wichtigste Frage lautet unserer Ansicht nach: Wird der Inflationsdruck nachlassen, wenn sich die Wirtschaftstätigkeit verlangsamt? Sollte dies eintreten, werden die Zentralbanken den Zinserhöhungszyklus beenden und die erwartete Rezessionen könnten moderat ausfallen. Trotz der anhaltenden Unsicherheit sehen wir überzeugende erste Anzeichen dafür.

Die Immobilienmärkte reagieren wie üblich als erste, wenn die Zentralbanken auf die geldpolitische Bremse treten. Wesentlich höhere Zinsen für neue Hypotheken dämpfen die Nachfrage nach neuen Immobilien, und wir glauben, dass die Ausläufer der schwächeren Wohnungsbautätigkeit im Jahr 2023 auf die Weltwirtschaft übergreifen werden. Die Bautätigkeit wird sich abschwächen, die Ausgaben für Einrichtung und andere langlebige Haushaltsgüter werden zurückgehen und die sinkenden Immobilienpreise könnten die Konsumausgaben in den nächsten Quartalen belasten. Der Rückgang der Wirtschaftstätigkeit dürfte die beabsichtigte Wirkung haben, die Inflation zu dämpfen.

Glücklicherweise ist das Risiko einer tiefen, durch den Immobilienmarkt ausgelösten Rezession, wie wir sie 2008 erlebt haben, gering. Erstens war der Wohnungsbau über weite Strecken des letzten Jahrzehnts relativ verhalten, was bedeutet, dass ein Überangebot, das die Hauspreise deutlich nach unten treibt, unwahrscheinlich ist. Zweitens wurden diejenigen, die in letzter Zeit zu höheren Preisen gekauft haben, immer noch durch die strengeren Beleihungsquoten der Banken eingeschränkt. Schließlich dürften die Auswirkungen höherer Zinssätze auf die Hypothekenschuldner weniger gravierend sein. In den USA konnten sich viele „Häuslebauer” die niedrigen Zinssätze für längeren Zeiträume sichern. Heute sind nur etwa 5 Prozent der US-Hypotheken variabel verzinst, im Vergleich zu über 20 Prozent im Jahr 2007.

Europa meistert die Energiekrise gut

Für Europa besteht das Hauptrisiko weniger in einer Immobilienkrise als vielmehr in der Energieversorgung. Russland als Lieferant von bisher rund 40 Prozent des europäischen Gases ist durch den Ukraine-Krieg ins Aus gedrückt und im Sommer 2022 wurde ein Großteil der Lieferungen eingestellt. Zumindest für den aktuellen Winter verringert sich das Risiko der Gasversorgung allerdings aufgrund einer Kombination aus Augenmaß und Glück. Europa hat es geschafft, seine Gastanks im Sommer zu füllen und russisches Gas weitgehend durch verflüssigtes Erdgas aus den USA zu ersetzen.

In Asien wiederum, war die chinesische Wirtschaft mit ganz anderen Herausforderungen konfrontiert. Nach einer längeren Phase der Lockdowns scheinen sich auch hier die Lockerungen durchzusetzen. Eine Normalisierung der chinesischen Wirtschaft könnte die Unterbrechungen der Lieferketten, die zu der schnell steigenden Wareninflation beigetragen haben, erheblich mindern. Obwohl eine Erholung des Wachstums in China auch die Nachfrage nach globalen Rohstoffen ankurbeln könnte, ist dies unserer Einschätzung nach insgesamt ein weiterer Treiber für eine niedrigere Inflation im Jahr 2023.

Zentralbanken halten inne

Anzeichen für eine Abkühlung der Wirtschaftstätigkeit in den Industrienationen und eine Rückkehr zur vollen Produktion in China dürften die Inflation im Laufe des Jahres 2023 also abschwächen, wobei insbesondere die schrumpfenden Beiträge des Energie- und Gütersektors dazu beitragen werden, dass der Preisdruck in den kommenden Monaten nachlässt. Um sicherzugehen, dass wir die Inflation hinter uns gelassen haben, muss jedoch auch der Lohndruck nachlassen. Hier haben sich die Zentralbanken geirrt, als sie davon ausgingen, dass sich die Inflation als „vorübergehend“ erweisen würde. Und sie haben unterschätzt in welchem Ausmaß der angespannte Arbeitsmarktlage zu mehr Lohnforderungen der Arbeitnehmer führt.

Unter der Annahme, dass die Gesamtinflation und die Lohninflation nachlassen, erwarten wir, dass die US-Zinssätze im ersten Quartal 2023 auf etwa 4,5 bis 5,0 Prozent steigen und dort verharren werden. Es wird ebenfalls erwartet, dass die EZB im ersten Quartal bei 2,5 bis 3,0 Prozent eine Zinspause einlegen wird. Die Zentralbanken hegen Zudem Ambitionen, den Umfang ihrer Bilanzen durch eine quantitative Straffung zu reduzieren, aber wir erwarten weder besonders konzertierte Anstrengungen noch nennenswerte Störungen. Die quantitative Lockerung wurde entwickelt, um den Zentralbanken zusätzliche Kontrolle und Hebelwirkung auf die langfristigen Zinssätze zu geben und dem Markt zu helfen, in großem Umfang Emissionen von Staatsanleihen zu absorbieren. Wir gehen davon aus, dass die quantitative Straffung nach dem gleichen Prinzip erfolgen wird. Da das Anleiheangebot 2023 immer noch einen beträchtlichen Umfang haben dürfte, wobei die Kreditkosten bereits erheblich gestiegen sind, erwarten wir, dass die Zentralbanken bei der Verringerung ihrer Bilanzen zurückhaltend vorgehen werden.

Letztendlich ist unsere wichtigste Einschätzung, dass es in den kommenden Monaten Anzeichen dafür geben wird, dass die Inflation auf eine Abschwächung der Konjunktur reagiert. Die Inflation wird vielleicht nicht schnell wieder auf 2 Prozent zurückgehen, aber wir vermuten, dass die Zentralbanken gerne pausieren werden, solange die Inflation in die richtige Richtung geht.

Obwohl sich die Wirtschaftstätigkeit abschwächen muss, um dem Rückgang der Inflation zu sichern, rechnen wir nicht mit einer langen oder tiefen Schrumpfungsphase. Angesichts des bereits eingetretenen Kursrückgangs sowohl bei Aktien als auch bei Anleihen sind wir der Ansicht, dass 2023 zwar ein schwieriges Jahr für die Volkswirtschaften sein wird, in Bezug auf die Marktvolatilität jedoch das Schlimmste hinter uns liegt und sowohl Aktien als auch Anleihen zunehmend attraktiv erscheinen.

Karen Ward, Managing Director, ist seit November 2017 Chief Market Strategist für EMEA bei J.P. Morgan Asset Management. Sie verfügt über umfangreiche Erfahrung sowohl in der Politik als auch in der Wirtschafts- und Finanzanalyse. Zuvor war sie Vorsitzende des Rates der Wirtschaftsberater für das britische Finanzministerium. In dieser Rolle beriet sie Minister und die damalige Premierministerin bei makroökonomischen Fragen einschließlich der finanzpolitischen Strategie und Brexit. Davor arbeitete sie für ein Jahrzehnt in der Investmentbank von HSBC in verschiedenen Positionen, darunter als Senior Global Economist und später als Chief European Economist. Sie begann ihre Karriere bei der Bank of England, wo sie an Analysen für den Geldpolitischen Ausschuss mitarbeitete. Karen Ward hat einen Master mit Auszeichnung in Wirtschaftswissenschaften des University College London.

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