KolumneDiekmanns Zukunftsfonds: wilde Kerle, müde Zahlen

Christian Kirchner
Christian Kirchner, Capital-Chefkorrespondent in FrankfurtGene Glover

Vor einem Jahr erschien das „Manager Magazin“ mit einer Titelgeschichte über die „Wilden Kerle“, die zurück seien. Die wilden Kerle, das waren Kai Diekmann, Ex-Chefredakteur der Bild-Zeitung und heute Medienunternehmer, und Lenny Fischer, Ex-Investmentbanker. Anlass der Geschichte war der Start des „Zukunftsfonds“, mit dem die beiden Geld von Privatanlegern einsammeln und rentabel anlegen wollen – 20 Mrd. Euro gaben sie dabei als Ziel aus. Viel Geld für einen einzigen Fonds, aber letztlich nur ein Bruchteil der rund 2100 Mrd. Euro, die Sparer heute weitgehend unverzinst als Bargeld und Sparguthaben halten. Soweit die industrielle Logik.

Die Titelgeschichte war der Auftakt einer beeindruckenden Medienkampagne, die beiden starteten sogar ein eigenes Geldportal. All die Berichte brachten dem Fonds und seinen Protagonisten über Monate eine Medienreichweite ein, die es vermutlich noch nie für einen neuen Fonds gegeben hat. Das trug dazu bei, dass der „Zukunftsfonds“ bis heute ein Topthema in der Frankfurter Finanzbranche ist.

Kaum Interesse am Zukunftsfonds

Ein Jahr nach dem Paukenschlag und 13 Monate nach der Vertriebszulassung haben die Macher allerdings erst 15 Mio. Euro eingesammelt. Ein Minus von 3,8 Prozent seit Auflage spricht nicht dafür, dass eine überzeugende Performance rasch deutlich mehr Anleger locken könnte. So genial die Vermarktung war, so desaströs ist absolut wie relativ zur erzielten Reichweite das bisherige Vertriebsergebnis. Das gilt umso mehr, als der tatsächliche Netto-Absatzerfolg aufgrund der üblichen „Startfinanzierung“ von Fonds noch einmal deutlich unter den aktuell 15 Mio. Euro liegen dürfte.

Woran liegt das und was lässt sich daraus für den deutschen Markt für Geldanlageprodukte ableiten? Die Antworten auf beide Fragen sind eng miteinander verwoben.

Beginnen wir mit der Frage, was sich aus dem müden Absatzerfolg für den deutschen Anlagemarkt ableiten lässt: vor allem, dass es selten ein besseres Beispiel gegeben hat, wie wichtig der Vertrieb durch menschliche Berater für Anlageprodukte ist – und wie verkrustet und provisionsorientiert auch im Zeitalter der Digitalisierung im Jahr 2018 immer noch seine Strukturen sind. Fonds werden, dem Wind um die Digitalisierung zum Trotz, verkauft, nicht gekauft. Unterstellt man großzügig, dass dem „Zukunftsfonds“ seit Auflage 10 Mio. Euro netto von Privatanlegern zugeflossen sind, dann ist das die Größenordnung, die genossenschaftliche Banken und Sparkassen mit den Produkten ihrer Fondstöchter Deka und Union im Jahr 2018 innerhalb einer knappen Stunde in klassischen Beratungen verkaufen.

Provisionen sind Schmiermittel für den Vertrieb

Bestandsvergütungen und Ausgabeaufschläge, wie es sie beim „Zukunftsfonds“ nicht gibt, mögen für manche wie Anachronismen klingen. Sie sind aber immer noch das entscheidende Schmiermittel für rund 98 Prozent des Markts, damit ein Berater die Arbeit aufnimmt und einen Fonds überhaupt empfiehlt (das ist die kritische Sichtweise von Verbraucherschützern auf Provisionen) – oder ihm die Beratungs- und Betreuungsleistung fair zu vergüten (das ist die konstruktive der Fondsbranche auf Provisionen).

Ganz offenbar ist Beratung aber vielen wichtiger, als die Prognosen über immer mehr Selbstentscheider nahelegen: Summiert man alle Mittel, die so genannte Robo-Advisor bislang in Deutschland eingesammelt haben sowie die Vermögen, die Direktbanken für Selbstentscheider in ETFs investiert haben, landet man bei rund 23 Mrd. Euro. In absoluten Zahlen ist das beeindruckend, relativ aber gerade einmal zwei Prozent des Markts für Publikumsfonds. Und: ein Rundungsfehler bezogen auf das Privatvermögen in Deutschland von rund 0,1 Prozent. Dabei gelten gerade ETFs bei Verbraucherschützern, Finanzmedien und selbst Akademikern meist als „Musterlösung“ der Geldanlage, sie genießen seit Jahren einen hervorragenden Ruf.