SelbstversuchKontaktloses Bezahlen: „Es muss piepen! Es muss piepen!“

Bezahlen per Smartwatchdpa

Deutschland ist ein Land des Bargelds – 80 Prozent aller Bezahlvorgänge im Handel werden immer noch in Cash abgewickelt, hat die Europäische Zentralbank herausgefunden.

Christian Kirchner
Christian Kirchner

Doch das soll sich ändern. Schnell. Und umfassend. Deshalb haben Banken, Kartenanbieter und der Handel in den vergangenen zwei Jahren eine Großoffensive für das so genannte kontaktlose Bezahlen gestartet. Das ist in vielen anderen Ländern längst üblich, etwa in Asien, Skandinavien, aber auch in vielen europäischen Nachbarländern. Für kleinere Geldbeträge, meist maximal 25 Euro, reicht dann einfach das Vorhalten der Giro- oder der Kreditkarte, um einen Kauf rasch ohne PIN oder Unterschrift abzuwickeln. Möglich ist das kontaktlose Bezahlen aber auch mit einem so genannten „Wearable“ wie der Apple Watch. Das spart dem Kunden Zeit, bringt dem Händler womöglich mehr Umsatz, da er mehr Kunden in der gleichen Zeit bedienen kann. In der Theorie.

Auch in der Praxis sind nunmehr 550.000 der 820.000 Bezahlterminals im Handel für das kontaktlose Bezahlen vorbereitet. Rund 35 Millionen Girocards – umgangssprachlich: EC-Karten – haben bereits den entsprechenden Chip für das kontaktlose Zahlen implantiert. Hinzu kommen der Großteil aller umlaufenden Kreditkarten sowie die meisten Smartphones, die nun dank Google, Apple und Paypal ebenfalls zum kontaktlosen Bezahlmedien werden können.

Das Dumme ist nur aus Industriesicht: Nicht einmal ein Prozent aller Transaktionen läuft im Handel bislang tatsächlich kontaktlos ab laut Bundesbank. Die oft zitierte Dynamik des kontaktlosen Bezahlens kommt also von einer sehr niedrigen Basis. Häufig wissen deren Besitzer gar nichts von dieser Funktion ihrer Karten. Oder unwissende Verkäufer reißen sie dem Kunden beim Bezahlen aus der Hand, um sie in Lesegeräte zu führen, statt davorzuhalten – selbst wenn der Kunde kontaktlos bezahlen will.

Damit möglichst viele von den segensreichen Möglichkeiten des kontaktlosen Bezahlens erfahren, bringen daher Banken und Einzelhändler nicht nur massenhaft Kontaktlosterminals und Kontaktloskarten, sondern ihre Lobbyisten auch permanent Umfragen in Umlauf, nach denen Handel wie Kunden große Lust auf das kontaktlose Bezahlen haben.

Aber probieren geht über studieren. Also habe ich einen Tag lang auf einer Dienstreise ausprobiert, wie man durch den Alltag kommt, wenn man, so oft es geht, kontaktlos statt bar bezahlen will. Ich habe mich schon zwei oder drei Tage durch Städte wie London oder New York bewegt ohne einen Cent Bargeld in der Hand. In China wird gar jede zweite Transaktion bereits mit dem Handy bezahlt. Wie aber sieht es in Frankfurt, München und Berlin aus?

Ausgestattet habe ich mich dazu mit einem Armband, in dem ein so genannter NFC-Chip (NFC steht für Near-Field-Communication, also: Nahfeldkommunikation) steckt, der einer Guthaben-Kreditkarte entspricht. Die kann sich jeder bestellen, sie aufladen und loslegen mit dem kontaktlosen Bezahlalltag – falls er nicht ohnehin schon eine Karte mit Kontaktlos-Funktion hat. Technisch haben alle Kontaktlos-Bezahlfunktionen – egal ob Kreditkarte, Girokarte, Apple-Watch oder Armband – die gleiche Basis, es muss ein entsprechender Bezahlchip verbaut sein.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich habe kein Testgerät, und niemand hat mir das Experiment vorgeschlagen, ich mache es ergebnisoffen aus eigenem Antrieb und auf eigene Rechnung – aus purer Neugierde, wie es um das kontaktlose Bezahlen aktuell steht. Denn ist nicht Voraussetzung für den Durchbruch neuer Technologien, dass sie einen Mehrwert bieten und verlässlich funktionieren?