AktienDie Türkei am Abgrund

Die Lage in der Türkei hat sich seit dem gescheiterten Militärputsch dramatisch zugespitzt. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nimmt die Ereignisse zum Anlass, noch entschlossener gegen tatsächliche und vermeintliche Gegner vorzugehen. Massenentlassungen in staatlichen Institutionen, Haftbefehle gegen Journalisten, Ausreiseverbote für Akademiker und die teilweise Aussetzung der Europäischen Menschenrechtskonvention erwecken den Eindruck, dass sich die Türkei zur Autokratie entwickelt.

Viele Verlierer

Die politischen Geschehnisse haben Folgen für die Wirtschaft des Landes. Die US-Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) hat ihr Rating für die Türkei von BB+ auf BB gesenkt. Grund: die gestiegene Unsicherheit für Investoren. Erdogan warf S&P daraufhin „Türkenfeindlichkeit“ vor und erklärte, das Land sei auf die aktuelle Lage gut vorbereitet. Beobachter zweifeln daran.

Ein Verlierer der politischen Entwicklung steht bereits fest: der Tourismus. Reiseveranstalter versuchen, mit Dumpingpreisen Last-Minute-Touristen zu locken – mit ungewissem Erfolg. In den Tagen nach dem Putschversuch strichen mehrere Airlines ihre Türkei-Flüge. Auch der Handel dürfte unter Druck geraten. Die Beziehungen zwischen der Türkei und der EU sind angespannt, und die EU ist der größte Handelspartner der Türkei. Umgekehrt ist die Türkei der viertwichtigste Handelspartner der EU.

Schon bald könnte auch der Kapitalstrom aus dem Ausland versiegen. In den vergangenen zehn Jahren hatten die ausländischen Direktinvestitionen in die Türkei deutlich zugelegt. Das zeigen Zahlen der Weltbank. Der Löwenanteil des Geldes stammte aus Deutschland. Nun rechnen 85% der deutschen Manager damit, dass die Direktinvestitionen in der Türkei deutlich zurückgehen werden. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Umfrage der Unternehmensberatung Roland Berger und der Zeitung „Die Welt“.

Auch Investmentgesellschaften zeigen sich vorsichtig. Viele Fondsmanager haben ihr Engagement in türkischen Wertpapieren reduziert. Zum Beispiel Scott Fleming von Kames Capital: Er hat türkische Anleihen in seinem Schwellenländer-Rentenfonds untergewichtet. „Wir betrachten die Maßnahmen der Regierung seit dem gescheiterten Putschversuch als bedeutendes Vertrauensmanko“, sagt er. Das Vertrauen in die Kreditwürdigkeit des Landes könnte leiden, die Wirtschaft unter Druck geraten. „Bis heute war die Türkei fiskalisch zurückhaltend, die Staatsverschuldung auf niedrigem Niveau. Sollte die Türkei den steuerlichen Anker lichten, wird sich das Bild aus Sicht von Anleiheinvestoren weiter verschlechtern“, sagt Fleming.

Investieren in stabile Autokratie?

Nicht alle Fondsmanager sind jedoch pessimistisch. „Wir glauben nicht, dass sich die Anlagechancen am türkischen Aktienmarkt fundamental geändert haben“, sagt Ghadir Abu Leil Cooper, Schwellenländerspezialist beim Fondsanbieter Barings. „Wir setzen nach wie vor auf qualitative Wachstumsunternehmen, die unseres Erachtens ein attraktives langfristiges Wachstumspotenzial bieten.“ Auf kurze Sicht wird der türkische Aktienmarkt allerdings stärker schwanken als bisher, warnt der Barings-Manager. „Der Risikoaufschlag für türkische Vermögenswerte dürfte steigen. Mittelfristig hängt viel von der politischen Reaktion ab und welchen Einfluss diese auf das Verbrauchervertrauen hat.“

Die Türkei ist derzeit nicht gerade das sicherste Anlageterrain. Sobald sich die politische Lage beruhigt hat, sollten Investoren nicht nur auf die Wirtschaftsentwicklung schauen, sondern auch darauf, um welchen Preis Ruhe eingekehrt ist. In einer stabilen Autokratie zu investieren dürfte nicht jedermanns Sache sein.