GeldanlageDie Mär vom mündigen Bankkunden

Kontoauszug
Kontoauszug: Jeder Vierte überzieht zweimal im Jahr sein Konto – Foto: www.einstellungstest-polizei-zoll.de / pixelio.de

Nadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen


Dass das Konto mal in die Miesen rutscht, kann jedem mal passieren. Genaugenommen passiert es jedem Vierten von uns regelmäßig, nämlich mindestens zweimal im Jahr. Meist, wenn größere Anschaffungen, Rechnungen oder der Urlaub bezahlt werden müssen, dann wird das Konto eben mal überzogen. Es gibt aber auch viele, vor allem Berufseinsteiger, Alleinerziehende oder Nicht-so-gut-Verdiener, die bei der Bank ständig in der Kreide stehen. Monat für Monat sind es rund 41 Mrd. Euro, die Banken nicht auf der Habenseite unserer Konten verbuchen, sondern auf der Sollseite, sagt die Statistik der Bundesbank. Für unsere Hausbanken ist das ein großartiges Geschäft.

Denn sie bezahlen für das Ausleihen von Kapital wegen der quasi nicht mehr existenten  Notenbankzinsen kaum noch Geld. Wenn ihre Kunden es sich aber von ihnen leihen, lassen sie sich das fürstlich entlohnen. Dispozinsen von zehn Prozent und mehr sind hierzulande immer noch eher die Regel als die Ausnahme. In der Spitze liegen die Zinssätze bei 14 Prozent, nur wenige günstige Banken verlangen sieben Prozent oder weniger. Nun argumentieren fast alle Institute damit, der hohe Preisaufschlag für die Dispokredite sei gerechtfertigt, weil die Kontoüberziehung ja auch ein hohes Risiko berge: Das Risiko, dass sich ein Kunde überschulde und die Bank dann dauerhaft auf dem vorgestreckten Geld sitzenbleibe.

Die Zahlen belegen das nicht. Die Ausfallquoten bei Dispokrediten liegen laut einer Studie des Verbraucherministeriums bei gerade einmal 0,3 Prozent, sind also vernachlässigbar. Für die Banken jedenfalls bleibt unterm Strich eine Gewinnmarge von knapp neun Prozent. Und jeder Prozentpunkt, den sie von den Kunden kassieren, bringt ihnen dabei rund 416 Mio. Euro ein.

Versteckspiel mit Dispozinsen

Geld, dass Millionen Kunden oft nicht wissentlich zahlen. Denn bisher lief es so: Wie hoch die Dispozinssätze überhaupt sind, verraten Banken nur höchst ungern. Das verstecken sie in den Klauseln im Kleingedruckten und auch auf Nachfrage rücken sie mit den Daten nicht heraus, wie zahlreiche Teste und Umfragen von Verbraucherschützern belegen. Zwei Drittel aller Banken hielten mit den Zinssätzen lieber hinterm Berg und verweigerten die Auskunft. Viele verweisen auf Preistafeln in den Filialen, auf denen man das nachlesen könne, wenn man sich dorthin bequeme. Viele Bankmitarbeiter geben gar zu, sie wüssten die Zinssätze selbst nicht und ebenso wenig könnten sie sagen, wo man sie wohl nachschaue. Einzig die Volksbanken ließen sich zuletzt auf öffentlichen Druck hin erweichen. Der Verband riet seinen Mitgliedsunternehmen dringend, die Zinssätze doch wenigstens ins Internet zu stellen.

Aber nun kommt ja das neue Gesetz. Es schreibt künftig allen Banken vor, dass sie die Höhe ihrer Dispozinsen im Internet ausweisen müssen. Der Schönheitsfehler ist nur: Dort kann man sie selbst bei denen, die das schon freiwillig tun, oft sehr lange suchen. Selbst wer weiß, dass sie irgendwo auf einer Bankwebseite genannt sein müssten, wird erst nach mehrminütigem Klicken fündig, wenn er bis dahin überhaupt die Nerven behält. Doch was will man machen, wenn man die eigne Bank als Dispozinsabzocker entlarvt? Wechselt man dann sofort sein Konto? Zumindest für diejenigen, die akut im Dispo stecken wird da die Frage auftauchen: Kann man das überhaupt?

Bei ihnen greift nun die zweite Neuerung, die das Gesetz vorschreibt: Die Banken müssen all denjenigen Kunden ein Gespräch anbieten, die länger als drei Monate im Dispo stecken und ihr Konto um mehr als die Hälfte ihres üblichen Monatseinganges überzogen haben. Sie sollen ihnen einen Ratenkredit anbieten, der nämlich viel billiger ist als jeder Dispo.

Verbraucherschützer nennen es Wucher

Genau das ist der Knackpunkt: Leiht sich ein Privatmann, der knapp bei Kasse ist, 5000 oder 10.000 Euro bei der Bank, so zahlt er dafür bei günstigen Banken drei bis 4,5 Prozent Zinsen. Dafür werden Verträge aufgesetzt, Bonitäten gecheckt und Laufzeiten vereinbart. Hebt er das Geld aber – ganz ohne Aufwand für die Bank – von seinem Konto ab und rutscht in die Miesen, zahlt er dafür zehn Prozent Zinsen und mehr. Genau das finden Verbraucherschützer unverhältnismäßig. Sie nennen es Wucher.

Es gibt im deutschen Recht den Wucherparagraphen, der besagt, dass ein Preis dann überzogen ist, wenn er den üblichen Marktpreis um mehr als das Doppelte übersteigt. Als Referenzzins für die hohen Dispozinsen setzen Rechtsexperten dabei den Durchschnittszins für Verbraucherkredite an, also die üblichen Ratenkredite. Deren „Preise“ liegen derzeit im günstigsten Fall bei vier Prozent, im Schnitt bei rund fünf Prozent. Die Dispozinsen der allermeisten Institute liegen meilenweit darüber. Die meisten Großbanken verlangen elf bis zwölf Prozent und lägen demnach knapp an der Wucherschwelle. Die Zinssätze von 14 Prozent, die noch immer einige Volksbanken oder Sparkassen verlangen, hätten diese Schwelle mehr als deutlich überschritten. Deshalb fragen Juristen und Verbraucherschützer seit Langem, ob die Dispozinsen nicht gedeckelt werden müssten. Auch während des mehrjährigen Gesetzgebungsverfahrens war das wiederholt ein Thema.

Könnte man also nicht einfach sagen: Bei zehn Prozent Dispozinsen ist definitiv Schluss? Das entspräche immerhin noch einer Gewinnmarge von neun Prozent für die Bank. Kein übler Schnitt, zumal gerade die wenigen Institute mit vorbildlich niedrigen Dispozinsen finden, dass ihnen eine Marge von 6,5 Prozent an dieser Stelle völlig ausreicht. Doch was legt der Gesetzentwurf, der ja angeblich die Kunden vor hohen Dispozinsen schützen soll, zu deren Höhe tatsächlich fest? Nichts. Da schweigt die Politik gegenüber der starken Finanzbranche.

Ratenkredite sind billiger

Dafür wird Letztere jetzt zum Reden verdonnert – mit den einzelnen Kunden soll sie Gespräche führen. Offenbar verspricht der Verbraucherminister sich vom aufgeklärten Bürger mehr als von gegängelten Kreditinstituten. Statt also die entfesselten Zinssätze für alle runter zu regulieren, soll die Mündigkeit einiger weniger Bürger raufgeschraubt werden, indem man Dauerschuldnern erklärt, dass Ratenkredite billiger sind. Man kann das so machen. Nur versprechen darf man sich davon nicht besonders viel.

Denn wie gut Aufklärungsarbeit tatsächlich in der Praxis funktioniert, sieht man bereits an den Gesetzen zu Beratungsprotokollen und Produktinformationsblättern. Verstehen die Kunden damit tatsächlich mehr von den Produkten? Oder tragen sie nur mehr bedrucktes Papier mit nach Hause und unterzeichnen trotzdem Verträge, die sie nicht durchschauen? Viel spricht für Letzteres.

Zudem ist der Ansatz, die Kontoüberzieher in Ratenkredite zu lenken zwar nicht verkehrt, doch darf man bezweifeln, ob die Dauerverschuldeten ausgerechnet vom Bankberater tatsächlich günstige Ratenkredite bekommen. Sie werden doch eher in den jeweiligen Hausbank-Kredit gepresst, der bei weitem nicht der billigste sein muss. Wie arg die Preise bei Ratenkrediten auseinanderklaffen und wer die wenigsten Zinsen verlangt, das schlüsseln Kreditvergleiche im Internet sehr gut und übersichtlich auf.

Bekannt ist auch: Wer so einen Kredit im Netz abschließt, bekommt ihn deutlich günstiger als bei derselben Bank in der Filiale. Denn der Markt der Ratenkredite ist heiß umkämpft, weil er vergleichsweise transparent ist. Einige Institute liefern sich einen regelrechten Preiskrieg, weil sie finden, dass sie trotz der geschätzten vier Prozent Marge gut an den Krediten verdienen und weil die Kunden wegen der kleinen Preise freiwillig zu ihnen finden. Ob das neue Gesetz zu ähnlichen Bewegungen bei den Dispozinsen führen wird, darf man schon jetzt arg bezweifeln.

Einen Ratenkredit-Vergleich finden Sie auch auf Capital.de:
www.capital.de/ratenkredit-vergleich.html