FondsDie DWS und die magischen zehn Prozent

Die Fondsgesellschaft ist bei Wirecard ein hohes Risiko eingegangenimago images / Hannelore Förster

Fondsmanager sind auch nur Menschen und beileibe keine besseren Anleger als viele Normalsparer. Zumindest erliegen auch sie Emotionen wie Hoffnung und Gier und setzen bisweilen riskant hohe Summen auf Einzelaktien, mit denen sie im Ernstfall dann hohe Verluste erleiden. Wenigstens dieser Trost bleibt nach der Pleite des Zahlungsdienstleisters Wirecard. Der hat nämlich eines sehr deutlich gezeigt: Viele deutsche Fondsmanager hatten bis zuletzt noch auf die stark schwankende Aktie gesetzt, weil sie sich davon überproportionale Gewinne erhofft hatten. Obwohl die Warnungen immer lauter wurden. Und sogar weit über jenes Maß hinaus, das laut Kapitalanlagegesetzbuch bei der Streuung des Fondsvermögens vorgeschrieben und einzuhalten ist. Oder besser gesagt: eigentlich eingehalten werden sollte. Denn die Worte des Gesetzes sind eine Sache – doch wie sie von Fondsmanagern und Aufsichtsbehörden ausgelegt werden, ist offenbar eine ganz andere Sache.

Seit es den Kurs der Aktie zerlegt hat von 104 Euro auf 2,39 Euro, fühlten sich nämlich auch einige Fondsgesellschaften bemüßigt, ihre Zahlen zum Wirecard-Investment auf den Tisch zu legen. Und die sahen in Einzelfällen wirklich nicht gut aus, sie wiesen ein dickes Minus in mehrstelliger Millionenhöhe aus. Die Fondsgesellschaft DWS etwa, die in mehreren Flaggschifffonds dicke Wirecard-Aktienpakete hielt, büßte bei ihren Fonds zwei bis drei Prozentpunkte Rendite auf Jahresbasis ein, weil sie sich noch im Frühjahr größere Aktienpakete ins Portfolio gelegt hat. Das ist eine Menge: So machte der DWS Deutschland Fonds auf Jahressicht rund minus 3 Prozent Rendite, während der Dax um 0,4 Prozent zulegte. Auf Dreijahressicht steht der Fonds bei minus 5,8 Prozent, der Dax ist rund 0,8 Prozent im Plus.

Vor dem Hintergrund jener Informationen, die Branchendienste und Ratingagenturen zum Exposure von Fondsgesellschaften zusammengetragen haben, sollten Anleger nun erst recht hellhörig werden: Es waren nämlich nicht nur die Aktien von Wirecard, die in den Depots der DWS lagen und zwar bis zu jenem vorgeschriebenen Limit von 10 Prozent des Fondsvermögens. Sondern sie hatte zusätzlich Tracker Zertifikate auf die Wirecard-Aktie von der Schweizer Bank UBS im Bestand – und setzte damit insgesamt noch viel stärker auf den Dax-Konzern als es die Zahlen in den regelmäßigen Fondsberichten auf den ersten Blick vermuten ließen. Insgesamt war der DWS Deutschland – der immerhin drittgrößte Fonds für deutsche Aktien in Europa – mit rund 12,5 Prozent in Wirecard investiert, berichten der Branchendienst Finanzszene und die Ratingagentur Morningstar. Obwohl das Kapitalanlagegegesetzbuch (KAGB) für Fonds die magische Obergrenze von 10 Prozent pro Einzeltitel setzt.

Die Regeln werden gedehnt

Denn in den Gesetzen und Fondsrichtlinien heißt es: Maximal 10 Prozent des Fondsvermögens dürfen in Aktien jeweils eines Unternehmens investiert sein. Zudem dürfen alle Positionen, die über fünf Prozent liegen gemeinsam nicht mehr als 40 Prozent des Fondsvermögens ausmachen. Das ist die sogenannte 5-10-40-Regel der Branche. Sie soll eben jene Unwucht in Fonds vermeiden, die durch das übermäßige Wetten auf einzelne Titel entsteht. Und die am Ende für Anleger ein großes Risiko bergen, wie der Kollaps von Wirecard gezeigt hat. Auch – und gerade – Fondsmanager sollen also zum Diversifizieren gezwungen werden. Denn laut dieser Regel müssen mindestens 16 verschiedene Positionen in einem Aktienfonds stecken: vier von maximal 10 Prozent und 12 von über 5 Prozent. Zudem heißt es in der Derivateverordnung: „Bei der Berechnung der Auslastung der Anlagegrenzen sind Derivate einzubeziehen.“

Heißt das nun, dass sich Fondsgesellschaften über diese Regeln hinwegsetzen, wenn sie sich zusätzlich zu den Einzeltiteln noch sogenannte 1:1-Derivate auf dieselben Einzelaktien in die Depots legen? Dazu hat die Ratingagentur Morningstar bei der Finanzaufsicht eine Stellungnahme eingeholt. Mit verblüffendem Ergebnis: Laut deren „ständiger Verwaltungspraxis“ seien nämlich 1:1-Zertifikate „weder Derivate, noch Finanzinstrumente mit derivativer Komponente“, erhielt Morningstar als Antwort. Sondern es seien schlichte Wertpapiere. Was im Klartext heißt: Die Finanzaufsicht schaut bei den Zertifikaten nicht auf die zugrundeliegende Aktie (in diesem Fall Wirecard), sondern nur auf den Emittenten des Zertifikats (in diesem Fall die Schweizer Bank UBS). So gesehen war hier der Risikostreuung Genüge getan, weil es sich bei beiden um verschiedene Parteien handelte.

Ob diese Verwaltungspraxis sinnvoll ist, darüber kann man natürlich streiten. Und wird es gewiss in den kommenden Monaten auch noch tun müssen. Denn eines ist klar: Dies wird nicht der einzige Fall gewesen sein, in dem Fondsmanager die Grenzen des Anlagegesetzes derart gedehnt haben. Und aus den regelmäßigen Berichten der Fonds ist für Privatanleger kaum zu erkennen, welche Basiswerte den Zertifikaten im Einzelfall zugrunde liegen und wie viele 1:1-Zertifikate jeweils darunter sind. Es braucht schon akribische Datensammlungen dafür. Die könnte sich die Aufsichtsbehörde Bafin immerhin vorlegen lassen und regelmäßig auswerten. Schließlich ist sie laut Statuten ebenso dem Verbraucherschutz verpflichtet wie der Marktüberwachung. Auch wenn das gern nur am Rande erwähnt wird.

Ein Fazit daraus hat die Ratingagentur Morningstar gezogen: Sie hat die betreffenden Fonds dadurch abgestraft, dass sie deren Rating herabgesetzt hat. Denn in ihren Augen beweist die Ausdehnung der Grenzen ein sehr schwaches Risikomanagement der jeweiligen Investmenthäuser.