GeldanlageDie Deutschen kaufen mehr Aktien – vorerst

Symbolbild AktienchartGetty Images

Es gibt viele gute Gründe für eine langfristige Anlage in Aktien, mit den Nullzinsen ist noch ein weiterer dazu gekommen. An der Skepsis vieler Anleger – egal ob sie aus Unwissen, schlechten Erfahrungen oder der Ablehnung des Finanzsystems an sich herrührt – gegenüber Dividendenwerten hat dies lange nichts geändert. Die Deutschen gelten einfach als Aktien-Muffel.

Sollte nun Bewegung in das Thema kommen, brachte das Jahr 2019 tatsächlich eine Trendwende hin zu mehr Aktienanlage? „Die Deutschen haben verstanden: Sie brauchen Aktien“, sagte am Dienstag während der Jahreskonferenz des deutschen Fondsverbandes BVI dessen Präsident Tobias C. Pross. Im Hauptberuf hat er zu Jahresbeginn als Vorstandsvorsitzender von Allianz Global Investors die Nachfolge von Andreas Utermann angetreten.

Pross verwies zum Beleg auf die jüngste Fondsstatistik seines Verbandes zum Netto-Mittelaufkommen der Mitglieder. Es bildet die Differenz zwischen Zu- und Abflüssen und wird nicht durch Kursveränderungen bei den Anlagen verzerrt. Insgesamt flossen in die offenen Publikumsfonds in Deutschland im vergangenen Jahr netto 17,5 Mrd. Euro, was übrigens 5 Mrd. Euro weniger sind als im Jahr 2018. Insgesamt verwaltet die Branche (Stand: 31. Dezember 2019) 1,12 Billionen Euro in offenen Publikumsfonds, wovon 13,6 Prozent auf passive Produkte entfallen.

Aktienfonds beliebter als Rentenfonds

Und in der Tat, Aktien-Produkte waren 2019 in Deutschland gefragt: In reine Aktienfonds flossen netto 4,4 Mrd. Euro nach nur 0,7 Mrd. Euro in 2018. Schwerpunkte waren hier Aktien aus aller Welt (plus 13,9 Milliarden) und aus Nordamerika (plus 2,5 Milliarden). Dem stehen aber starke Abflüsse aus Produkten auf europäische einschließlich deutscher Aktien entgegen.

Frisches Geld brachten auch offensive Mischfonds an den Aktienmarkt. Aktienbetonte Fonds, so die BVI-Bezeichnungen, stehen für gut 80 Prozent der Netto-Zuflüsse in diesem Segment. Auf Jahressicht haben sie die Nettozuflüsse in Mischfonds allerdings halbiert, möglicherweise eine Folge der Diskussion um Gebühren und negative Renditen bei Euro-Staatsanleihen. Schließlich steht für Rentenfonds steht sogar netto ein Minus von 3,7 Mrd. Euro zu Buche.

Mehr Aktienanlagen in Fonds und Abflüsse aus Rentenprodukten deuten aber nur vordergründig auf eine Trendwende im Anlageverhalten hin. Dafür sprechen vier Gründe:

  • Die beliebteste Fondskategorie in Deutschland waren im vergangenen Jahr nämlich Immobilienfonds, nachdem 2018 die Mischfonds dominiert hatten. Immo-Produkte verbuchten Netto-Zuflüsse von 10,7 Mrd. Euro und damit mehr als doppelt so viel wie die reinen Aktienfonds. Mit anderen Worten: Die Deutschen stehen nach wie vor stärker auf Betongold als auf Dividenden.
  • Zweitens schlägt Tagesgeld in der Beliebtheit noch immer die Aktienanlage. So flossen im dritten Quartal 26 Mrd. Euro in Bargeld und Bankeinlagen, in Aktien und Investmentfonds waren es nur rund 10 Mrd. Euro. Auf die Zahlen der Bundesbank weist der BVI selbst hin und warnt davor sich im Hinblick auf Aktien zu früh zu freuen.
  • Drittens lässt die Statistik keine Aussage darüber zu, wer das frische Geld angelegt hat. Haben bereits aktienaffine Investoren ihre Anlagen aufgestockt? Oder haben sie Geld, das sie während des Kurssturzes Ende 2018 abgezogen haben, wieder in den Markt zurückgebracht? Oder haben andere Sparer tatsächlich das erste Mal einen Aktienfonds gekauft? Man weiß es nicht.
  • Viertens: Falls tatsächlich nun neue Anleger am Aktienmarkt unterwegs sind, so ist die nächste Welle an Enttäuschungen schon absehbar. Sie wären nämlich möglicherweise nahe am Höhepunkt der Rally eingestiegen. Viel Luft nach oben dürften die Aktienmärkte angesichts hoher Bewertungen und langsamer wachsender Unternehmensgewinne nicht mehr haben. Was okay ist, wenn man einfach die Dividenden einstreicht. Wenn jedoch der Markt um 20 Prozent fällt, würden die zuletzt eingestiegenen Anleger hohe Kursverluste erleiden. Typischerweise verkaufen Privatanleger immer wieder in den Absturz hinein, weil sie Verluste begrenzen wollen. Wer hingegen schon seit ein paar Jahren investiert ist, verlöre bei einer Korrektur nur einen Teil seiner Gewinne. Es ist eindeutig, welche Gruppe in diesem Fall auf Dauer den Spaß an Aktien verlieren würde.

Die Deutschen legen also vorerst mehr in Aktien an. Aber das zarte Pflänzchen Aktien-Kultur könnte sehr schnell wieder vertrocknen.