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Peter Seppelfricke Wo bleibt die Aktienrente?

Das Logo und der Schriftzug des Deutschen Aktien Index (Dax) ist auf einem Laptop zu sehen
Langfristig rentieren sich Anlagen in Aktien – auch in die Dax-Unternehmen
© IMAGO / Silas Stein
Die FDP-Minister Lindner und Buschmann wollen mit einem „Zukunftsfinanzierungsgesetz“ die Aktienkultur in Deutschland verbessern. Die geplanten Maßnahmen enttäuschen

Bundesfinanzminister Christian Lindner und Bundesjustizminister Marco Buschmann haben Ende Juni „Eckpunkte für ein Zukunftsfinanzierungsgesetz“ vorgestellt. Mithilfe der Maßnahmen soll die Attraktivität von Aktien und börsennotierten Wertpapieren gesteigert werden. So ist unter anderem geplant,

  • die Zugänge zum Kapitalmarkt für Start-ups, Kleine und mittlere Unternehmen (kurz KMU) und SPACs (Special Purpose Acquisition Companies) zu erleichtern,
  • die Attraktivität von Mitarbeiterbeteiligungen zu erhöhen,
  • die Freibeträge für Gewinne aus dem Verkauf von Aktien und Fonds anzuheben und
  • die Verluste aus Aktiengeschäften mit anderen Einkünften verrechnen zu können.

Diese Maßnahmen werden mit Schlagworten wie Digitalisierung, Entbürokratisierung und Internationalisierung beworben. Die Begründungen sind jedoch sehr beliebig und derartige Schlagworte kann man so oder ähnlich auch in anderen Gesetzesvorlagen finden. So argumentiert, wer wenig Verständnis von Finanzmärkten hat und sich trotzdem einen modernen und mutigen Anstrich geben möchte. Die blumigen Begründungen können auch kaum darüber hinwegtäuschen, dass diese Maßnahmen weitgehend verpuffen werden.

Unausgegorene Ideen

Ein „Zukunftsfinanzierungsgesetz“ würde kaum zu neuen Börsengängen von Start-ups oder SPACs führen. Die Senkung des eingeworbenen Mindestkapitals von 1,25 Mio. Euro auf 1 Mio. Euro ist praktisch kaum relevant, da aufwendige Börsengänge (mit umfangreichen Publizitätspflichten vor und nach dem Börsengang) ohnehin nur für Unternehmen mit hoher Ertragskraft und hohen Marktwerten ökonomisch Sinn ergeben. Die Zulassung von SPACs wird dem Finanzmarkt in Deutschland ebenfalls keine Impulse geben. Mithilfe von SPACs wird beim Börsengang Kapital eingesammelt, mit dem späterer andere Unternehmen übernommen werden sollen. SPACs wären für Betrüger ein ideales Instrument, um unbedarften deutschen Anlegern Geld aus der Tasche zu ziehen. Die allermeisten SPACs sind zuletzt in den USA grandios gescheitert und es wurde viel Anlegerkapital vernichtet. Das ohnehin geringe Vertrauen von deutschen Privatanlegern in Finanzmärkte würde weiter schwinden.

Die Förderung von Mitarbeiterbeteiligungen ist auch unausgegoren. So sollen Mitarbeiter weiterhin die Zuteilung von Anteilen versteuern, obwohl die Start-ups bzw. ihre Mitarbeiter in der Frühphase ihrer Tätigkeit noch nicht genügend Liquidität für die Steuer erarbeiten können (Dry-Income-Problem). Darüber hinaus geraten die Mitarbeiter bei der Anlage in eine gefährliche Schieflage: Bei einem Scheitern des Start-ups droht sowohl der Verlust des Jobs als auch der Geldanlage. Der Staat sollte eher eine breite Streuung von Geldanlagen (länder- und branchenübergreifend) unterstützen.

Bei der Förderung des Aktiensparens bleiben die FDP-Minister auch sehr vage. Die Freibeträge für Gewinne sollen erhöht und etwaige Verluste mit anderen Einkunftsarten verrechnet werden dürfen. Die bestehenden Freibeträge liegen aktuell für Singles bei 801 Euro beziehungsweise für zusammenveranlagte Paare bei 1602 Euro und die beabsichtigte Anhebung dürfte eher marginal ausfallen. SPD und Grünen wird es nicht gefallen, wenn Arbeitseinkommen höher besteuert werden als Kapitaleinkommen.

Der größte Schub für die Förderung der Aktienkultur in Deutschland dürfte deshalb erst mit der Einführung einer Aktienrente gelingen. Das FDP Modell sieht vor, dass sie Rentenbeiträge (derzeit 18,6 Prozent vom brutto) wie bisher eingezogen werden, aber mittelfristig etwa zwei Prozent davon in ein Aktientopf („Deutschlandfonds“) fließen. Die Erträge aus dem Fonds können dann später dazu benutzt werden, die gesetzliche Rente aufzustocken. Empirische Ergebnisse belegen, dass derartige Staatsfonds mittelfristig eine gute Rendite generieren können (siehe Abbildung). Die Erfahrungen aus anderen Ländern mit umfassenden, kapitalgedeckten Rentensystemen (USA, Großbritannien, Norwegen, Schweden etc.) sind sehr ermutigend: Aus Eigeninteresse verfolgen deutlich größere Teile der Bevölkerung aufmerksam das Geschehen an den Finanzmärkten. Die Aktienrente würde die Aktienkultur in Deutschland deshalb spürbar mehr fördern als ein halbherziges „Zukunftsfinanzierungsgesetz“.

Spannweiten von Dax-Renditen für verschiedene Anlagezeiträume (1972-2022), Quelle: Berechnungen des Autors mit Daten aus S&P Capital IQ
Spannweiten von Dax-Renditen für verschiedene Anlagezeiträume (1972-2022), Quelle: Berechnungen des Autors mit Daten aus S&P Capital IQ

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