BrexitDie Boris-Johnson-Show geht weiter

Premierminister Johnson beim Besuch einer Teefabrik
Premierminister Johnson beim Besuch einer Teefabrikdpa

Boris Johnson hat, was er wollte: Einen klaren Sieg seiner Partei bei den britischen Unterhauswahlen in der vergangenen Woche – und damit das Mandat, den Brexit wie geplant durchzuziehen. Spätestens zum 31. Januar 2020 wird das Vereinigte Königreich wohl die EU verlassen. Für die Kapitalmärkte ist das eine gute Nachricht, sagen Analysten. Das zähe Ringen um den Austritt wurde für Investoren in den dreieinhalb Jahren seit dem Brexit-Referendum mehr und mehr zur Nervenprobe. Marktbeobachter glauben mittlerweile: Besser ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende.

Europäische Märkte, die bisher von Risiken in Zusammenhang mit dem Brexit belastet wurden, könnten jetzt durchstarten, sagt Neil Wilson, Chefstratege beim Devisenhändler Markets.com. Dazu gehört nicht zuletzt der britische Aktienmarkt selbst. Erste Anzeichen dafür, dass Anleger das vorläufige Ende der Unsicherheit feiern, gibt es bereits: Der britische Aktienindex FTSE 100 ist seit der Wahl deutlich gestiegen. Das Pfund hat gegenüber dem Euro an Wert zugelegt. Devisen-Anleger hatten einen Sieg von Premierminister Johnsons Tories am Währungsmarkt eingepreist und den Kurs der britischen Währung schon vor der Wahl in die Höhe getrieben.

FTSE 100 Index

FTSE 100 Index Chart

Wie es weitergeht, hängt nun von den weiteren Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU ab. Mit dem Austritt ist es nämlich nicht getan: Das Vereinigte Königreich und die Europäische Union müssen ihre Wirtschaftsbeziehungen neu aushandeln. Und diese Gespräche dürften nicht einfach werden, warnt Jörg Zeuner, Chefvolkswirt von Union Investment. „So lange die künftigen Handelsbeziehungen nicht festgezurrt sind, bleibt die Lage unsicher“, sagt er. „Diese Unsicherheit dürfte weiter auf der britischen Investitionstätigkeit und dem Wachstum lasten.“

Boris Johnson demonstriert Kompromisslosigkeit

Johnsons jüngste Auftritte deuten darauf hin, dass die Verhandlungen tatsächlich alles andere als glatt laufen dürften. So besteht Großbritanniens Premierminister darauf, das Freihandelsabkommen mit der EU bis Ende 2020 abzuschließen. Theoretisch kann diese Frist verlängert werden. Viele Marktbeobachter hatten bisher damit gerechnet, dass sie definitiv verlängert wird – zu sportlich scheint es, eine lange Reihe komplexer Handelsfragen binnen zwölf Monaten zu klären. Johnsons demonstrative Kompromisslosigkeit stößt die EU nun einmal mehr vor den Kopf. Sollten sich die Verhandlungspartner nicht einig werden, besteht nach wie vor das Risiko eines „harten Brexits“, warnt Michael Strobaek, Chefanlagestratege bei Credit Suisse.

Das Risiko eines „No Deal“-Brexits ist noch nicht aus der Welt, sagt auch Esty Dwek, Chefstrategin bei Natixis Investment Managers: „Boris Johnson hat deutlich gemacht, dass er zu keinen Zugeständnissen im Zeitplan gewillt ist und die EU notfalls auch ohne ein Handelsabkommen verlassen wird.“ Europäische Anleger müssten weiterhin mit erhöhten Marktschwankungen rechnen. „Die zunächst positive Reaktion an den Aktienmärkten sollte nicht überbewertet werden“, mahnt Dwek. „Für die weitere Entwicklung bleibt der Abschluss eines Handelsabkommens von zentraler Bedeutung.“

„Durch das Einpreisen der Chance auf enge Handelsbeziehungen besteht Potenzial für Gewinne sowohl bei den Aktienkursen als auch bei der Währung“

Jörg Zeuner

Je länger sich der Verhandlungsprozess zieht, desto mehr dürfte sich allerdings die wirtschaftliche Vernunft durchsetzen, schätzt Union-Investment-Ökonom Zeuner. Wegen seines deutlichen Wahlsiegs sei Johnson nicht mehr auf die Unterstützung jener Tory-Abgeordneten angewiesen, die Großbritanniens Bande mit der EU möglichst brutal kappen wollen. Johnsons markiges Auftreten nach der Wahl könnte also wieder einmal mehr Fassade als Überzeugung sein.

„Wir sehen die Chance auf enge Wirtschaftsbeziehungen“, sagt Zeuner. In diesem Fall dürfte es am Londoner Aktienmarkt und mit dem britischen Pfund weiter aufwärts gehen. „Durch das Einpreisen der Chance auf enge Handelsbeziehungen besteht Potenzial für Gewinne sowohl bei den Aktienkursen als auch bei der Währung“, sagt der Ökonom. „Das macht Aktienanlagen auf der Insel perspektivisch wieder attraktiv.“