KolumneDie beste aller Welten – aber nicht für Dax-Anleger

Christian Kirchner
Christian KirchnerGene Glover

Das viele billige Geld, heißt es ja oft, treibt die Preise aller Vermögenswerte, während Sparer die Gekniffenen sind. Daher erst einmal eine kleine Schätzfrage: Vor fast vier Jahren, im Januar 2015, stellte EZB-Chef Mario Draghi das Anleiheaufkaufprogramm für die Eurozone vor. Es läuft bereits zwei Jahre länger und ist mit rund 2400 Mrd. Euro rund zweieinhalbmal größer ausgefallen als anfänglich geplant.

Was glauben Sie: Mit welcher Wahrscheinlichkeit haben Sie das Sparbuch geschlagen, wenn Sie am Tag der Verkündung mit dem Wurf eines Dartpfeil auf die Liste der 30 Dax-Aktien genau eine Aktie für Ihr Depot ausgewählt hätten?

Die Antwort darauf lautet: mit einer Wahrscheinlichkeit in der Nähe eines Münzwurfs. Denn 14 der 30 Dax-Mitglieder aus dem Januar 2015 notieren inzwischen tiefer als im Januar 2015. Richtig gelesen: tiefer. Trotz Hochkonjunktur, rekordniedriger Arbeitslosigkeit, Nullzinsen und dem EZB-Aufkaufprogramm.

Ein Zufallsphänomen? Mitnichten. Der Dax-Kursindex, der die Größe der Unternehmen berücksichtigt, notiert heute nur 2,5 Prozent höher als damals. Insgesamt, nicht pro Jahr. Unterschlagen wir Vorzieheffekte, spielen wir mit Zeiträumen? Auch das nicht. Der Kurs-Dax pendelt bereits seit fünf Jahren zwischen 4500 und 6500 Punkten. Sein Durchschnittskurs über fünf Jahre: Rund 5500 Punkte. Sein aktueller Kurs: 5500 Punkte.

Ganz offenbar stimmt etwas nicht so recht mit der intuitiv logisch anmutenden Theorie, nach der das viele billige Geld der Notenbank die Preise aller Vermögenswerte quasi automatisch treibe. Oder sagen wir: nicht mehr. Denn der Korb von 30 Dax-Aktien (und übrigens auch der 50 größten Aktien der Eurozone) hat seit Start des Aufkaufprogramms nicht einmal die Kaufkraft erhalten. Selbst unter Berücksichtigung von Dividenden schrumpft der reale Gesamtertrag auf anämische 1,5 Prozent pro Jahr seit Januar 2015 vor Steuern und Gebühren.

Die Beobachtung hat eine Reihe von Implikationen für die Geldanlage:

  • Erstens unterstreicht sie – auch wenn sich dieser Rat inzwischen für einen Sonderbeitrag ins Phrasenschwein qualifiziert – die enorme Bedeutung einer globalen Streuung. Der Gesamtertrag einer weltweiten Aktienanlage gemessen am MSCI-World-Index seit Januar 2015 war mehr als doppelt so hoch wie der des Dax.
  • Zweitens führt sie vor Augen, dass der Deutsche Aktienindex in seiner aktuellen Zusammensetzung nicht nur eher schwache Jahre hinter sich hat, sondern vor weiteren schwierigen Jahren stehen könnte. Technologietitel sind in dem Index eher unterrepräsentiert. Stattdessen dominieren Branchen, die vor großen industriellen Herausforderungen stehen – wie etwa die Autohersteller – oder ein zyklisches Geschäft betreiben und eine Verlangsamung der Globalisierung oder gar Handelskriege überhaupt nicht gebrauchen können – etwa Chemie- und Industriewerte, aber eben auch Autowerte und ihre Zulieferer. Manche Abhängigkeiten schlummern unter der Oberfläche: Tückischerweise machen etwa Autobauer zwar nur 14 Prozent im Dax aus, leisten aber jeweils mehr als doppelt so hohe Beiträge zu den Umsätzen, Gewinnen und Dividenden des Dax insgesamt – aber wie lange noch?
  • Drittens stehen viele Sparer in der Phase des Vermögensaufbaus vor der Frage, lieber viel Geld in eine eigene Immobilie zu stecken oder über die Wertpapierschiene Vermögen aufzubauen. In dieser Hinsicht gerät die Souveränität mancher Wertpapierfans langsam ins Wanken: Für sie ist das Platzen der Wohnimmobilienblase nur eine Frage der Zeit, während sie selbst glauben, mit Aktien den besseren Schnitt zu machen. Zumindest dann, wenn sie nicht wirklich sehr gut gestreut und günstig weltweit anlegen. Langfristig haben sie zwar gute empirische Argumente für sich, allen voran bei Kosten, Bequemlichkeit, Streumöglichkeiten. Die jüngere Vergangenheit aber kennt klare Gewinner und Verlierer, denn die Wohnimmobilienpreise marschieren seit 2015 stramm weiter, die Aktien der Eurozone kommen hingegen seit nunmehr knapp vier Jahren kaum noch von der Stelle.
  • Und viertens illustrieren die kurzfristigen eher niedrigen Renditen auch, dass defensive Mischfonds mit Kostenquoten von 1,5 bis 2 Prozent pro Jahr zwar weiterhin der Renner im Vertrieb in Deutschland sind, weil sie Anlegern als die bessere Alternative zum Sparbuch ohne Zinsen verkauft werden. In der Praxis geraten sie aber in immer größere Schwierigkeiten, überhaupt ihre Gebühren zu verdienen, da auch zinsseitig kaum noch etwas zu holen ist. Ein Korb aller Bundesanleihen hat seit Januar 2015 inklusive Zinsen zwei Prozent erwirtschaftet – insgesamt, nicht pro Jahr. Und die vertriebsstärksten Mischfonds haben auf Jahressicht nach Gebühren nichts mehr verdient.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Langfristig sind und bleiben Aktien eine fantastische Möglichkeit, Vermögen aufzubauen. Eine vernünftige Betrachtung von Renditen sollte einen ganzen Zyklus umfassen, idealerweise mindestens zehn Jahre – in dieser Hinsicht liegt seit Lehman eine gute Dekade hinter Aktionären. Und wer global streut, hat auch in den letzten vier Jahren einen guten Schnitt gemacht.

Aber selbst unter optimistischen Annahmen befinden wir uns in der spätzyklischen Phase eines Konjunktur- und Börsenbooms. Gemessen daran sei mit Bezug auf Deutschland und die Eurozone die Bemerkung erlaubt: Wenn die beste aller Welten aus niedriger Inflation, Nullzinsen, Wirtschaftswachstum, steigender Kreditvergabe und sinkender Arbeitslosigkeit den Kursen seit Jahren keine Beine mehr machen kann, wie sieht es denn dann aus, wenn bei Zinsen und Konjunktur Gegenwind aufkommt?