InsurtechDeutsche sind bei Versicherungen konservativ

Ergo-Zentrale in Düsseldorf: Bei Versicherungen setzen die Deutschen noch auf Bewährtes
Ergo-Zentrale in Düsseldorf: Bei Versicherungen setzen die Deutschen noch auf BewährtesErgo

Einige Versicherungen wie die Allianz und Generali bestehen seit mehr als 100 Jahren. Sogenannte Insurtechs (von „Insurance“ und „Tech“) wollen diese Platzhirsche nun in ihrem Kerngeschäft angreifen. Sie bieten Vertragsabschlüsse und Schadensmeldungen per App an oder fungieren als Onlinemakler. Im vergangenen Jahr gab es bereits 32 solcher Assekuranz-Start-ups auf dem deutschen Markt, hat das Rostocker Insurtech Hepster in einem Report erhoben.

Ganz neu dabei ist der Anbieter Lemonade. Das US-Insurtech vertreibt Haftpflicht- und Hausratversicherungen mithilfe von künstlicher Intelligenz und Chatbots, die automatisch auf Nachrichten reagieren. In den USA hat Lemonade nach eigenen Angaben in den vergangenen vier Jahren rund 500.000 Versicherungen an US-Kunden verkauft. In Deutschland wird Lemonade aber wohl nicht so schnell wachsen.

Denn eine Hepster-Umfrage zeigt: Kaum ein Deutscher weiß überhaupt, was Insurtechs sind. 75 Prozent der Befragten, die nicht bereits Kunde eines Insurtechs sind, haben nach eigenen Angaben noch nichts von den Digitalversicherern gehört. Weitere 20 Prozent kennen Insurtechs zwar, sehen aber keinen Grund von ihrem klassischen Versicherer abzuweichen.

Kunden schätzen die individuelle Beratung

Sie vertrauen den Neuen einfach nicht, zeigt auch eine Studie des Versicherers Canada Life gemeinsam mit den Meinungsforschern von Yougov. Dabei wurden mehr als 4000 Menschen in verschiedenen Ländern gefragt, ob sie sich vorstellen können in zehn Jahren bei Amazon oder Google fürs Alter vorzusorgen. Beide Tech-Giganten spielen schon länger mit dem Gedanken, in den Insurtech-Markt einzutreten. Auf Grundlage der Daten, die sie über ihre Nutzer gesammelt haben, wollen sie ihren Kunden besonders passgenaue Policen zuschneiden. Die Deutschen erteilen dieser Idee laut Studie allerdings eine klare Abfuhr. Nur elf Prozent sind dafür offen.

Die meisten Insurtechs beschränken sich im Endkundengeschäft vorerst auf Sach- und Haftpflichtversicherungen, so auch Neuzugang Lemonade. Der Grund liegt auf der Hand: Die Verträge kommen von der Stange und brauchen wenig individuelle Anpassung. Daher greifen viele Kunden in diesem Segment bereits online zu, wie Zahlen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) aus dem Jahr 2017 zeigen: 15 Prozent der Schadens- und Unfallversicherungen haben Kunden damals im Netz abgeschlossen. Bei Lebensversicherungen waren es hingegen nur 2,2 Prozent. Ein möglicher Grund laut Experten: Je persönlicher die Versicherung, desto eher vertrauen Kunden auf die individuelle Beratung. Das ist insbesondere bei privaten Rentenversicherungen der Fall.

Insurtechs schlägt Skepsis entgegen

Denn die Vorbehalte deutscher Kunden gegen Digitalversicherer sind hoch. Während Versicherer wie die Allianz, Ergo und Huk schon lange bestehen, sind Insurtechs wie Clark, Friendsurance und Friday für viele Menschen noch neu. 93 Prozent der Insurtech-Kunden in der Hepster-Umfrage waren vor der Buchung unsicher, ob sie dem Digitalversicherer vertrauen können. Auch bei den Versicherungsleistungen waren die Befragten skeptisch. Sie fürchteten vor Vertragsabschluss, dass der Service nicht reibungslos funktioniert (76 Prozent) und dass die mangelnde Erfahrung der Versicherer ein Problem sein könnte (69 Prozent). Die Insurtechs müssen sich auf dem deutschen Markt also erst Vertrauen aufbauen.

Der Branchenverband GDV sieht die Konkurrenz durch Insurtechs denn auch betont gelassen. „Es gibt keinen Patentschutz auf Versicherungsprodukte“, sagte ein Sprecher auf Anfrage. Wäre ein Start-up also mit einer neuartigen Versicherung erfolgreich, könnten etablierte Versicherer das Konzept einfach kopieren und dabei ihren Vertrauensbonus ausnutzen.