KolumneDer spendable Mr. Biden

Karen Ward ist Chief Market Strategist für EMEA bei J.P. Morgan Asset Managementvivianbirch.com

Nun, erstens gibt diese Regierung sehr viel Geld aus und hat den Ehrgeiz, die Wirtschaft anzukurbeln und die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen zu reduzieren. Trotz eines großen Überhangs an Staatsschulden und einer knappen Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses, verlor die neue Regierung keine Zeit bei der Schnürung eines enormen Finanzpakets.

Die Auswirkungen dieser Stimulusmaßnahmen sind nicht zu unterschätzen. Bis Ende September werden rund 5 Prozent des Bruttoinlandproduktes in die US-Wirtschaft einfließen. Eine weitere Runde von Finanzhilfen trägt zu dem großen Topf an Ersparnissen bei, die im vergangenen Jahr angesammelt wurden: Unter Berücksichtigung anderer Steuergutschriften erhält der durchschnittliche US-Haushalt mit Kindern dank des jüngsten Gesetzesentwurfs 6660 US-Dollar als Direkthilfe. Angesichts der großen Fortschritte bei der Impfkampagne deuten die boomenden Einzelhandelsumsätze im März auf einen US-Verbraucher hin, der begierig ist, verlorene Zeit wettzumachen.

Infrastrukturausgaben sind die nächste Priorität der Demokraten. Anders als bei der schnellen Verabschiedung der Gesetze zur Unterstützung bei Covid-19, steht hier allerdings ein deutlich längerer Kampf bevor. Selbst wenn die Demokraten den sogenannten Budget Reconciliation Prozess im Senat nutzen würden, womit die Unterstützung der Republikaner überflüssig wäre, wird es noch einige Zeit dauern, bis ein Kompromiss innerhalb der Demokratischen Partei erreicht ist. Das Profil der Ausgaben wird ebenfalls anders aussehen: Während das jüngste Paket einen „Zuckerrausch“ ausgelöst hat, würden die Infrastrukturausgaben eher wie komplexe Kohlenhydrate wirken, deren Aufnahme in den Blutkreislauf der Wirtschaft viel länger dauert.

Die Art und Weise, wie die Infrasturkturausgaben finanziert werden, wird ein wesentlicher Faktor dafür sein, wie der endgültige Gesetzesentwurf letztendlich von den Märkten aufgenommen wird. Erste Vorschläge zielen darauf ab, die Kosten für Infrastrukturausgaben durch Steuererhöhungen wieder hereinzuholen, insbesondere durch eine Erhöhung des Körperschaftsteuersatzes auf 28 Prozent. Während wir in den kommenden Jahren einen Aufwärtsdruck auf die Steuern erwarten, wird die endgültige Form des Gesetzentwurfs wahrscheinlich moderatere Änderungen enthalten als derzeit vorgeschlagen, insbesondere angesichts der bevorstehenden Zwischenwahlen im Jahr 2022.

Joe Biden – der grüne Präsident

Die zweite wichtige Änderung gegenüber der früheren Regierung besteht darin, dass Präsident Biden sich im Klimakampf engagiert, sodass europäische Staats- und Regierungschefs in ihm einen gleichgesinnten Verbündeten haben. Das jüngste Versprechen, die US-Emissionen bis 2030 zu halbieren, hat gezeigt, dass es der Regierung ernst ist. Mindestens 400 Mrd. US-Dollar des Infrastrukturvorschlags sind für direkte Klimamaßnahmen vorgesehen, darunter Steuergutschriften für saubere Energie und größere Investitionen in die Infrastruktur von Elektrofahrzeugen. Der Präsident scheint bestrebt zu sein, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, indem er die Wirtschaft gleichzeitig wiederbelebt und grüner gestaltet. So sind 40 Prozent der geplanten Investitionen in saubere Infrastruktur und Klimaschutz für benachteiligte Gebiete in den USA bestimmt.

Im Vorfeld des COP26-Klimagipfels im November in Glasgow verschwimmen die Grenzen zwischen Klimapolitik und US-Außenpolitik zunehmend. Dies ist eine absichtliche Entscheidung: Schon eine Woche nach seiner Amtseinführung unterzeichnete Biden eine Exekutivverordnung, die versprach, die Klimakrise in den Mittelpunkt der nationalen Sicherheit zu rücken. Was die Beziehungen zwischen den USA und China betrifft, so ist die Reduzierung der CO2-Emissionen eines der wenigen Themen, bei denen sich beide Parteien auf eine Zusammenarbeit einigen konnten. Außerhalb des Klimawandels bleibt die intensive Rivalität zwischen Washington und Peking bestehen. Entscheidend für die Anleger ist jedoch, dass es bislang nur wenige Anzeichen für eine Rückkehr zu den Handelsspannungen gibt, die die Märkte 2018 und 2019 belasteten.

Erholung oder Überhitzung

Insgesamt haben die Märkte die ersten hundert Tage von Präsident Biden so interpretiert, dass sich seine Politik positiv auf das Wachstum der US-Wirtschaft auswirkt. Dies wiederum hat zu einer Neubewertung der Zinserwartungen geführt, so dass es für Anleihen zu Turbulenzen kam. Tatsächlich verzeichneten US-Staatsanleihen ihre schlechteste Vierteljahresperiode seit 1980. Da sich die prognostizierte starke Erholung des Wachstums inzwischen bewahrheitet hat, ist es möglich, dass auch die Zinsen steigen. US-Aktien waren bemerkenswert widerstandsfähig gegenüber der Neubewertung auf dem Anleihenmarkt, obwohl dies unter der Oberfläche eine Veränderung bei der Marktführerschaft zufolge hatte.

Eine starke Erholung der Wirtschaft dürfte die Gewinnerwartungen weiter anheben und eine weitere Rotation aus den Profiteuren des letzten Jahres in die Nachzügler fördern. Zyklische Teile des Markts, wie Finanztitel, sollten sich angesichts eines boomenden Wachstums und der Versteilerung der Zinskurve besonders gut entwickeln.

Im Laufe des Jahres müssen wir uns des Risikos bewusst sein, dass sich die Wirtschaft nicht nur erholen, sondern überhitzen könnte. Großzügige staatliche Ausgabenprogramme sind ein beliebtes Instrument der Politiker, und während der Pandemie waren diese auch voll gerechtfertigt. Es stehen jedoch schwierige Entscheidungen bevor, wenn ein Boom-Bust-Szenario vermieden werden soll. Das Zusammenspiel von Geld- und Fiskalpolitik für die vollen vier Jahre kann noch ganz anders aussehen als in den ersten hundert Tagen.

 


Karen Ward, Managing Director, ist seit November 2017 Chief Market Strategist für EMEA bei J.P. Morgan Asset Management. Zuvor war sie Vorsitzende des Rates der Wirtschaftsberater für das britische Finanzministerium, davor arbeitete sie für ein Jahrzehnt in verschiedenen Positionen bei HSBC, darunter als Senior Global Economist und später als Chief European Economist. Sie begann ihre Karriere bei der Bank of England. Karen Ward hat einen Master mit Auszeichnung in Wirtschaftswissenschaften des University College London.