InterviewWas Bidens grüne Agenda für Europa bedeutet

Nicolas Mackel ist CEO von Luxembourg for Finance, der Standort-Lobby des GroßherzogtumsLFF

Herr Mackel, unter dem neuen Präsidenten Joe Biden setzen die USA wieder auf Klimaschutz. Wie wichtig ist das für Finanzbranche?

NICOLAS MACKEL: Zunächst ist es eine gute Nachricht, dass Joe Biden sich zum Klimaschutz bekennt und entgegen seinem Vorgänger dies zur Priorität machen will. Wie wichtig das Thema ihm ist, zeigt sich daran, dass der den früheren Außenminister John Kerry zum Sonderbeauftragten für Klimaschutz mit Kabinettsrang berufen hat. Was die Bedeutung für die Finanzbranche angeht, ist zu erwarten, dass die USA verschiedene Initiativen ergreifen werden, um dem Markt einen Rahmen zu geben; ähnlich wie es die Europäische Union mit der ESG-Taxonomie tut. Wir haben in Europa den Markt regelrecht in die ESG-Richtung gedrückt, das ist vielleicht nicht so ganz die amerikanische Art. Aber man wird ihn wenigstens ermutigen, in diese Richtung zu gehen. Wobei die Bewegung zu mehr ESG ja von ganz allein stattfindet, es geht vor allem um die Frage der Geschwindigkeit.

Kommt dann neben der europäischen auch noch eine US-Regulierung für ESG-konforme Geldanlagen, so eine Art US-Taxonomie?

Wenn man richtig interpretiert, was in Amerika beginnt zu geschehen, dann geht dies in die richtige Richtung und geschieht demnächst mit der richtigen Geschwindigkeit. Wir werden also künftig auf der einen Seite eine europäische ESG-Regulierung haben, auf der anderen Seite eine amerikanische Regulierung. Dazu kommen dann noch chinesische und sonstige Regulierungen. Das führt zur Frage nach globalen Standards und wird international die nächste große Diskussion. Dann muss man eben sehen, ob Europa und Amerika zusammen der Welt den Rahmen geben, die sie braucht. Denn Investoren sind ja alle global tätig. Für mich ist deshalb ganz klar, dass es in diese Richtung gehen wird und ich hoffe, dass sich der Marschrhythmus beschleunigen wird.

Verfolgt nicht jedes Land seine eigenen Interessen?

Wir haben es als internationale Gemeinschaft ja geschafft, bei einer ganzen Reihe von Steuerfragen globale Standards zu erarbeiten. Ich hoffe, dass uns das auch beim Thema ESG gelingt. Denn schaffen wir das nicht, werden wir die Frage, was grün ist und was nicht, in Europa und den USA unterschiedlich beantworten. Die Debatte um einheitliche Standards wird sicher spannend – führt man sich vor Augen, dass wir ja bereits innerhalb Europas beim Thema eine Art Glaubenskrieg haben, zwischen Ländern, die auf Nuklearenergie setzen und solchen, die es nicht tun. Mal sehen, wie sich das auf weltweiter Ebene ausspielen wird.

Gibt es schon erste Signale, wie der grüne Rahmen in den USA aussehen könnte?

Bemerkenswerterweise waren die ersten Signale schon in den letzten Wochen der Trump-Administration zu beobachten. Da hat die US-Aufsichtsbehörde CFTC den Banken auferlegt künftig Klimarisiken zu berichten. Mir sind aber noch keine Regulierungsinitiativen der neuen Regierung bekannt.

Trump hat das Thema ja auch vier Jahre lang blockiert.

Er hat sich zwar immer wieder gegen das ausgesprochen, was wir in Europa machen. Wenn Sie sich aber anschauen, was wirklich in den Vereinigten Staaten geschehen ist, ob auf Staaten-, Stadt- oder Unternehmensebene, so ist trotz des Lärms, der von Trump kam, hinter den Kulissen sehr viel geschehen. Die größten grünen Unternehmensanleihen wurden von US-Unternehmen begeben. Und ein Staat wie Texas hat sehr viel in erneuerbare Energien investiert. Oder schauen sie beispielsweise auf die Ambitionen von Blackrock oder anderen US-Assetmanagern und Banken. Sie haben sich dem grünen Thema wirklich verschrieben.

US-Finanzdienstleister gehören meist zu den Marktführern und setzen entsprechend die Standards. Wird das auch für die grünen Anlagen so kommen?

Die Amerikaner waren immer sehr stark, wenn es darum ging ihre Visionen in Standards umzusetzen. Nun ist es aber so, dass die Europäische Union durch die Taxonomie einen Vorsprung hat und es sehr schwer für die USA wird, diesen umzudrehen. Die USA können sich dem Regelwerk so anpassen, dass es ihnen nicht schadet – oder sie können vielleicht sogar weiter gehen. Grundsätzlich haben es die USA leichter, denn sie müssen nicht einen Kompromiss zwischen 27 Ländern finden, wie es die EU muss. Unsere grüne Taxonomie ist ja letztlich auch ein Kompromiss. Und wenn in Brüssel nun die Diskussionen über eine Social-Taxonomie anstehen, dann wird es richtig spannend.

Die Briten diskutieren da nicht mehr mit, haben aber mit London den größten europäischen Finanzplatz. Wie werden sie sich der Taxonomie gegenüber verhalten?

Die Briten waren viereinhalb Jahre mit etwas anderem beschäftigt. Aber jetzt schauen sie genau, wie sie sich unserer Taxonomie gegenüber positionieren sollen, ob sie sich Nischen heraussuchen, in denen sie sich anders positionieren oder ob sie im Windschatten der EU-Regulierung mitsegeln. Letztlich zeigt auch dass, dass die EU mit ihrer Taxonomie weltweit Vorreiter ist und Standards gesetzt.

Könnte der Umgang der Briten mit der EU-Taxonomie also einen Vorgeschmack darauf geben, wie die USA mit dem Regelwerk verfahren werden?

Ich denke, dass die Amerikaner weiterhin vor allem auf ihre eigenen Interessen schauen. Aber es ist gut möglich, dass Joe Biden beim Thema ESG die enge Zusammenarbeit mit Europa sucht – nicht zuletzt, um auf diese Weise kraftvoller denjenigen gegenübertreten zu können, die beim Thema vielleicht mehr Schwierigkeiten haben.

Muss die EU sich also darauf einstellen ihre Taxonomie zusammen mit den Amerikanern weiterzuentwickeln?

Die grüne Taxonomie der EU steht, die soziale Taxonomie ist dabei diskutiert zu werden. Die Amerikaner sind hier noch nicht so weit. Ich denke daher, dass wir später mit den Amerikanern über globale Standards reden werden. Da wird es dann um die Frage geben: Wie viel von unserer Taxonomie wird übernommen und wie bekommen wir die Unterschiede geglättet?

Aber auch da wird man für einen gemeinsamen Standard Kompromisse schließen müssen, sie haben ja schon das Beispiel Atomenergie in Europa genannt, das zwischen Deutschland und Frankreich umstritten ist.

Kompromisse wären nötig, wenn man das Ziel hat einen gemeinsamen Standard zu schaffen. Man könnte die beiden Standards sich aber auch einfach annähern lassen, ohne sie zu vereinheitlichen. Da gibt es verschiedene Lösungsmöglichkeiten. Aus Sicht der Finanzbranche wäre es wichtig, dass es nicht komplett unterschiedliche Ansätze gibt, an denen sie sich dann jeweils anpassen müsste.

Muss Europa jetzt handeln, um seinen „grünen“ Vorsprung zu verteidigen?

Vorreiter und weltweitführend zu sein ist sicher immer eine nette Sache. Aber beim Thema Green- oder Climate Finance geht es ja nicht darum, eine marktführende Regulierung zu schaffen oder grüner als andere zu sein. Es geht doch darum, das Pariser Klimaziel zu erreichen – und das schaffen wir nur, wenn die ganze Welt mitmacht. Wenn die ganze Welt mitmacht, hätten wir in Europa keinen Vorsprung mehr. Aber genau das wäre in diesem Fall ja ein Grund zu feiern.

 


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