GeldanlageAktien mit inneren Werten

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Bei der Aktienauswahl sollten Anleger sich nicht von kurzzeitigen Schwankungen beeinflussen lassen
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Nadine OberhuberNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen

 


Bei Menschen wissen wir es längst: Es kommt auf die inneren Werte an, wenn wir auf der Suche nach einem Partner fürs Leben sind, oder zumindest für die nächsten paar Jahre. Das Äußere dagegen bringt uns herzlich wenig, wenn es um Dinge geht wie Stabilität, Vertrauen und dauerhafte Entwicklung. Das pfeifen anscheinend selbst die Spatzen von den Dächern, sagen Biologen: Spatzen suchen sich ihre Partner nicht nach dem schönsten Federkleid aus, schauen also nicht nach den Äußerlichkeiten, sondern danach, wie gut das Immunsystem des potenziellen Partners beschaffen ist – und ob es das eigene System möglichst gut ergänzt. Genau das garantiert nämlich einen möglichst lebenstauglichen und resistenten Nachwuchs. Und wenn wir all das schon wissen, dann kann man schon fragen: Warum befolgen wir das bei der Aktienauswahl dann nicht?

Schließlich geht es auch beim Wertpapierkauf darum, Kandidaten zu finden, mit denen man möglichst lange durch Dick und Dünn gehen kann. Wir wollen diejenigen, die Stabilität garantieren und mit denen wir dennoch in Zukunft was erleben können, weil sie eine gute Entwicklung versprechen. Das Problem ist nur: Genau die kaufen wir oft nicht. Sondern wir lassen uns von denen blenden, die momentan eine gute Figur machen und die gerade im Gespräch sind. Das jedenfalls entlarven Verhaltensökonomen: Privatanleger denken oft zu kurzfristig und ereignisbezogen. Emotionen spielen dabei eine große Rolle. Dadurch kaufen sie oft Aktien, über die gerade alle sprechen und die voll im Trend liegen. Nur sind das selten diejenigen, die auch langfristig eine gute Performance hinlegen. Fast nie haben Normalinvestoren dabei die Fundamentaldaten von Unternehmen im Blick, also die inneren Werte.

Verwunderlich ist das nicht. Denn was für den Menschen gilt, gilt für Aktien erst recht: Natürlich würden wir uns alle gern an diejenigen klemmen, die langfristig durch ihren Charakter überzeugen, gerade weil wir wissen, dass Schönheit so vergänglich ist. Nur sind die wahren Eigenschaften keiner Person ins Gesicht geschrieben und keiner Aktie aufs Papier gedruckt. Wie also bitteschön ermittelt man die? Die Antwort ist ein wenig ernüchternd: nur mit viel Mühe.

Achten Sie auf KBV und KGV!

Viele einzelne Punkte müssen abgeklopft werden, bis man über den wahren Charakter auch nur annährend etwas erfährt. Bei Aktien etwa sollten Anleger das Kurs-Buchwert-Verhältnis kennen, also die Relation von Eigenkapital plus Verbindlichkeiten plus Sonderposten zum derzeitigen Kaufpreis der Aktie. (Es kommt eine Zahl kleiner als eins dabei heraus. Je kleiner sie ist, desto unterbewerteter ist die Aktie.) Außerdem das Kurs-Gewinn-Verhältnis, also das Verhältnis vom Aktien-Kaufpreis zum aktuellen Gewinn je Aktie oder dem künftigen Gewinn je Aktie. Das Ergebnis gibt an, wie lange es dauert, bis sich der Wertpapierkauf bei jährlich eingestrichenen Gewinnen für den Anleger amortisiert. (Je näher der Quotient bei eins liegt, desto fairer ist die Aktie bewertet, je größer das Ergebnis, desto überbewerteter ist das Papier. Der Schnitt liegt bei Dax-Werten bei 14,6). Zudem spielt der Ertragswert eine Rolle, also die Erwartung künftiger Gewinne. Ebenso das Verhältnis von Kurs zu Cashflow, also dem stetigen Kapitalfluss. Und die Dividenden der vergangenen Jahre, für sie gilt: Waren sie möglichst konstant? Dann ist es umso besser.

Schon diese paar ausgewählten Fundamentaldaten machen deutlich, dass man sich vor dem Kauf genauso intensiv mit dem Unternehmen hinter der Aktie beschäftigen muss, wie man gewöhnlich die Person hinter der netten Fassade zu durchleuchten versucht, ehe man sagt: „Ist als Partner gekauft.“ Aber kann man das leisten? Bei der Auswahl eines einzelnen Kandidaten geht das vielleicht noch. Aber beim Kauf vieler Papiere fürs Depot kann das zur regelrechten Lebensaufgabe werden. Deshalb neigen Menschen dazu, gerade wenn die Auswahl groß ist, ihre Entscheidung an sehr wenige Dinge zu knüpfen – und dazu gehört dann doch eben das Äußere. Schließlich ist es auch viel leichter zu erkennen und zu beurteilen.

Profiinvestoren mahnen, dass uns dadurch zu leicht eine Menge entgeht. Denn gerade mit unterschätzen Aktien lassen sich langfristig hohe Gewinne erzielen. Die Märkte nämlich neigen dazu, langfristig immer wieder zum Gleichgewicht zurückzukehren und den fairen Wert der Papiere widerzuspiegeln. Das heißt: Überbewertete Trend-Aktien werden früher oder später wieder zurückgeholt auf den Boden der Tatsachen. Und unterbewertete Titel werden zu ihrem wahren Wert zurückfinden, also zu den anderen aufschließen. Dabei schwanken sie nur sehr wenig, das Risiko hält sich also bei ihnen in Grenzen.

Wert-Aktien liefen zuletzt besser als Wachstumsaktien

Solche unterbewerteten Aktien zu finden ist im Grunde nicht schwer, denn es gibt viele davon. Im Schnitt liegt die Firmenbewertung der deutschen Standardaktien rund 18 Prozent unter ihrem inneren Wert, sagen Marktbeobachter. Zu Zeiten der Finanzkrise waren es sogar 43 Prozent. In allen Phasen, in denen der Aktienmarkt einen Knick nach unten macht, schlägt also die Stunde der Wertsucher. Auch jetzt. Seit 2007 hatten es Anhänger der Wert-Strategie eher schwer. Sie fuhren weniger Gewinne ein als andere Anleger. Denn seit Einsetzen der Niedrigzinsphase interessieren sich viele Investoren eher für finanzstarke Unternehmen mit stabilen Gewinnen, das sind traditionell eher die Wachstumsunternehmen. Wertunternehmen dagegen wurden abgestraft. Nun scheint sich das Blatt zu wenden, meinen die Marktexperten: Die Wachstumsfirmen holen auf.

Zuletzt liefen Wert-Aktien deutlich besser als Wachstumsaktien. Im April wurde ihr Vorsprung besonders deutlich: Deutsche wertorientierte Standardaktien legten im Schnitt 4,5 Prozent zu, während Wachstumstitel im Schnitt 0,6 Prozent verloren. Auch über 25 Jahre gesehen holten Anleger mit dem gezielten Investment in die 25 Prozent schwächsten Aktien eines Marktes im Schnitt ein bis zwei Prozentpunkte Überrendite heraus – im Gegensatz zu denen, die auf den Gesamtmarkt setzten. Man könnte also sagen: Wem es gelingt, stets die Schwächsten zu kaufen und sie zu halten, bis sie aufgeschlossen haben, der fährt damit sogar besser als ein Indexfondsanleger.

Klar dürfte es extrem schwer sein, genau das zu schaffen. Aber es spricht nichts dagegen, gelegentlich nach unterbewerteten Aktien Ausschau zu halten und sie auch als Einzelpapiere ins Depot zu legen. Als besonders aussichtsreich sehen Profiinvestoren derzeit deutsche Autopapiere wie Daimler und BMW, ebenso Finanztitel wie Allianz, HSBC oder Santander. Sogar den Ölaktien Shell und Total wird eine gute Entwicklung nachgesagt. Apple und Microsoft haben die Profis ebenfalls auf der Liste. Oder Modeaktien wie Burberry und Ralph Lauren. Aus ihnen ließe sich doch schon ein kleines Extra-Wert-Depot stricken.

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Oder man setzt auf einen Value-Fonds, etwa den „Global Value“ von DWS, Nordea oder PI; auf den Deka „Stoxx Europe Strong Value“ oder den „DJE Dividende und Substanz“. Dort suchen Fondsmanager stets nach den jeweils Schwächsten des Marktes und schmeißen sie von selbst wieder aus dem Depot, wenn sie ihre Aufholjagd mit Erfolg beendet haben. Darum muss sich der Anleger also schon mal nicht mehr kümmern. Während man nämlich unterbewertete Einzelaktien wieder loswerden sollte, sobald sie fair bewertet sind, kann man Wert-Fonds sehr viele Jahre halten.

Unter den erfolgreichsten Langläuferfonds fanden sich besonders viele Value-Fonds. Sie orientieren sich weniger stark an Indizes, ihr Portfolio weicht stark von den jeweiligen Referenzindizes ab. In besonders starken Börsenphasen erbringen sie deshalb oft weniger Rendite, doch sie spielen ihre Stärken auf lange Sicht aus, besonders dann, wenn andere schwächeln. Es ist eben doch wie bei den Spatzen: Nicht die Schönsten machen das Rennen, sondern die Gesündesten, die auf Dauer resistent sind. Wahre Stärke kommt eben doch von innen.

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