AktienStrategien gegen Anleger-Panik

Professor Thorsten Hens
Professor Thorsten Hens
© Tanja Demarmels

Thorsten Hens, 53, hat als Ökonom den Kapitalanleger zu seinem Forschungsgegenstand erkoren. Er studiert die Psychologie und Entscheidungen von Investoren. Der Deutsche, gebürtig aus Gevelsberg, lehrt und lebt in der Schweiz. Er leitet an der Universität Zürich das Institut für Banking und Finance.


Capital: Herr Professor Hens, die Kapitalmärkte sind in heller Aufregung wegen der Börsenturbulenzen und dem langsameren Wachstum in China. Zu Recht?

Hens: Nein. China steht für 14 Prozent des Bruttosozialprodukts der Welt. Dennoch schwanken die Aktienmärkte vielfach stärker, gerade so, als stünde China für das Vielfache des globalen Bruttosozialprodukts. Aber das Phänomen ist nicht neu, es war bei der Debatte um den Grexit im Frühsommer ähnlich, auch Griechenland stand ja nur fü einen sehr kleinen Teil der europäischen Wirtschaft. Mitverantwortlich sind die Medien: Man fokussiert sich auf ein Thema, eine Geschichte. Anderes wird verdrängt.

Wozu führt das?

Wenn sich sehr viele auf nur eine Geschichte fokussieren, werden 
die Märkte volatil, es entsteht ein 
Herdentrieb. Das ist gut erforscht 
und nennt sich attention bias – unsere Aufmerksamkeit wird auf Dinge gelenkt, die langfristig eher von geringer Bedeutung, etwa für Aktienkurse, sind.

Mit Verlaub, ist das nicht stark vereinfacht, das Problem bei den Medien zu suchen?

Man kann keinem die Einzelschuld 
geben. Sie möchten ja das schreiben, was die Leute auch lesen wollen, und die Leute wollen lesen, was andere lesen. Im aktuellen Fall China kommt noch einiges an mangelndem Wissen hinzu.

Zum Beispiel?

Nehmen wir die Währungsabwertung: Diese war schlicht Teil der Vereinbarung mit dem Internationalen Währungsfonds, der eine Flexibilisierung der chinesischen Währung verlangt – und keine Maßnahme, um den Export anzukurbeln. Das wurde vielleicht schlecht kommuniziert, aber auch falsch interpretiert als Beleg für eine schlecht laufende Wirtschaft.

Strategien langfristig anlegen

Das sehen Chinas Anleger selbst anders. Die verkaufen so wild, 
dass die Regierung Leerverkäufe verbietet, Journalisten für schlechte Stimmung verantwortlich 
macht und Stützungskäufe tätigt.

Die enorme Volatilität der chinesischen Aktienmärkte ist ja überhaupt nicht neu. Der Index für chinesische Festlandaktien ist in den vergangenen zehn Jahren schon zweimal von rund 1000 auf über 5000 Punkte geschossen und dann 
wieder zusammengebrochen. Die Chinesen haben kulturell ein ganz anderes Verhältnis zu Aktien als wir. Der Aktienkauf ähnelt dort einem Kasinobesuch, weil Aktien auch anhand persönlicher Glückszahlen ausgesucht werden. Für die Wirtschaft sind die Ausschläge kaum von Belang – ganz anders 
als in den USA oder Europa, wo von einer solchen Volatilität weit mehr Menschen und Unternehmen stark betroffen wären.

Worüber sollten wir denn aktuell nach Ihrer Meinung schreiben, wenn wir es gut mit unserem 
Leser meinen?

Wenn Sie ihm einen Gefallen tun wollen, sollten Sie ihn daran erinnern, dass er nicht kurzfristig reich wird an der Börse, sondern nur langfristig. Und in solchen Phasen sollte er unbedingt bei seiner Strategie bleiben. Der schlimmste Fehler, den er begehen kann, ist, sich eine Strategie zu überlegen und diese dann mit einem Panikverkauf über den Haufen zu werfen.

Ist das denn der Alltag?

Leider ja. Wir haben viele Untersuchungen mit Internetbrokern in Deutschland, der Schweiz oder Europa gemacht. Die Muster gleichen sich: Anleger wählen eine Strategie, verlieren dann aber in den ersten Turbulenzen die Nerven, handeln zu prozyklisch. Dadurch entstehen Renditeverluste von im Schnitt vier bis sechs Prozent gegenüber den Renditen für geduldiges Kaufen und Halten von Indexprodukten – pro Jahr. Diese auch behavioral gap genannte Renditelücke fällt in Zeiten ohnehin niedriger Zinsen und Renditen umso größer ins Gewicht.

Was ist der Grund für dieses schlechte Abschneiden?

Ein zentrales Problem für prozyklisches Verhalten ist, dass Menschen ihre eigene Risikotragfähigkeit falsch einschätzen. Was man selbst glaubt an Verlusten zu ertragen und wie das dann tatsächlich in Turbulenzen aussieht, dazwischen klafft eine Lücke. Das ist aber kaum verwunderlich. Denn in der Beratungspraxis – auch das haben wir untersucht – empfiehlt der Berater ein Produkt und erklärt dann dem Kunden: Damit ich Ihnen das aber verkaufen darf, müssen Sie nun noch hier die Kreuzchen auf dem Risikobogen machen.