KolumneJahrhunderthausse an den Aktienmärkten

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

Die gegenwärtige Aufwärtsphase an den weltweiten Aktienmärkten nimmt mehr und mehr den Charakter einer Jahrhunderthausse an. Gestützt wird die Entwicklung durch starke Argumente. Das wichtigste lautet: Es wird auf Jahre hinaus keine attraktiven Realzinsen mehr geben, weil sich die meisten Staaten höhere Zinsen nicht leisten können. Hinzu tritt die Beobachtung, dass unter den Anlegern nach wie vor eine eher pessimistische Stimmung herrscht, mit der Folge, dass die meisten wichtigen Investorengruppen heute in Aktien unterinvestiert sind. Zur gleichen Zeit nimmt der Druck auf diese Anleger zu, endlich höhere Aktienengagements einzugehen.

Außerdem geht die Zahl umlaufender Aktien seit einiger Zeit zurück. Geringe Neuemissionstätigkeit gepaart mit vielen Übernahmen und Aktienrückkäufen, reduzieren die Zahl der ausstehenden Aktien. Auch von der Konjunktur bekommen die Börsen eher Rückenwind. Aus Amerika, Europa und Asien waren zuletzt positive Töne zu hören.

Zudem ist ein Umlenken der deutschen Politik hin zu einer bewussten Bejahung der Aktienanlage für die gesamte Bevölkerung in etwa so wahrscheinlich wie die Einschränkung des amerikanischen Waffenrechts durch den Kongress oder europafreundliche Töne im britischen Unterhaus. Es gibt nationale Eigenheiten und Tabus, die rational nicht erklärt werden können und doch dauerhaften Bestand haben, weil sie zu einer kulturellen Eigenart der jeweiligen Bevölkerung geworden sind. Dazu gehört die Aktienphobie der Deutschen. Keine politische Partei ist weit und breit in Sicht, die sich dieses Thema einmal zu Herzenssache machen könnte. Dagegen stehen steigende Abgabenlasten (beispielsweise die Pkw-Maut), mehr Bürokratie (beispielsweise MifiD II) und der großzügige Ausbau des deutschen Sozialstaates (beispielsweise die Rente mit 63) oben auf der Agenda.

Aktienanleger werden doppelt bestraft

Die Aktien-Abstinenz der meisten Deutschen wird zum Problem für alle, weil die zu geringen Zinserträge der Masse zu einem Ausgleich aus dem Steuertopf führen müssen, etwa bei der Rente. Jene kluge Minderheit, die seit Jahren in Aktien und Aktienfonds anlegt, wird für ihr richtiges Tun staatlicherseits doppelt bestraft: Zuerst wird sie steuerlich gegenüber Zinsanlagen diskriminiert, zum Beispiel durch die Doppelbesteuerung ausgeschütteter Gewinne als Dividenden. Anschließend wird sie durch höhere Besteuerung – unter anderem die Abschaffung der Spekulationsfrist, den Wegfall des Anrechnungsverfahrens, die Besteuerung von Erträgen innerhalb von Fonds etc. – kräftig zur Kasse gebeten.

Während aber die Feinde der Aktienanlage in Berlin sitzen, residiert ihr größter Förderer – wenngleich wider Willen – im EZB-Turm in Frankfurt am Main. Denn seit fast zehn Jahren erfahren die Aktienmärkte große Unterstützung durch die Niedrigzinspolitik der Notenbanken entlang der gesamten Zinsstrukturkurve. Von hier droht den Börsen daher auch die größte potentielle Gefahr. Ein erratischer Pfad zu höheren Zinsen könnte einen Kurseinbruch bei langlaufenden Bonds zur Folge haben. Von einer solchen Entwicklung würden die Aktienkurse nicht untangiert bleiben.

Dies zu verhindern, ist mittlerweile das vorrangige Ziel der Zentralbanken weltweit. Lange vorbei sind nämlich die Zeiten, als der Kampf für Geldwertstabilität im Vordergrund stand. Übrigens: Seit der Einführung des Euro lag die Inflation im Euroraum höher als dessen Wirtschaftswachstum.

Ihr

Dr. Christoph Bruns


Christoph Bruns ist Fondsmanager und Mit-Inhaber der Fondsgesellschaft Loys AG.