KolumneWahlkämpfer ignorieren Aktienanleger

Christoph Bruns
Christoph Bruns
© Lyndon French

Der langweilige Wahlkampf plätschert mit Belanglosigkeiten dahin. Während der überforderte Herausforderer Martin Schulz vergeblich versucht, harmonische Opposition zur Regierung aus seiner SPD und der Union zu spielen, perlen alle Themen, sofern sie diese nicht bereits zu den ihrigen gemacht hat (Atomausstieg, Euro-Rettung, Grenzöffnung, Frauenquote, Ehe für alle, Rente mit 63, Mietpreisbremse etc.), an Teflonkanzlerin Angela Merkel ab. Garniert wird der Wahlkampfzirkus durch Einwürfe des vormaligen und inzwischen nach oben gerutschten SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel, der mitunter den Eindruck erweckt, als sei er der Spitzenkandidat der Sozialdemokraten.

Es bleibt ein unüberbrückbares Hindernis für die SPD, Regierung und Opposition in Einem zu sein. Selbst die CSU, die auf diesem Gebiet viel mehr Erfahrung hat, musste zuletzt angesichts der Unnahbarkeit von Frau Merkel beidrehen und kocht nun das Flüchtlingsthema auf niedrigerer Flamme. Fraglich bleibt, ob es Horst Seehofer gelingen kann, mit „Baron“ zu Guttenberg, vormals Dr. zu Guttenberg, Sympathie zu erheischen. Immerhin darf er hoffen, dass die Erinnerung der Wähler an den seinerzeitigen Skandal mittlerweile verflogen ist.

Der Finanzminister profitiert von den Niedrigzinsen

Keine Rolle im Wahlkampf spielt das Thema Kapital- und Aktienanlage. Hier verlassen sich die Politiker auf ihr Gespür, wonach sich die Deutschen für Kapitalmarktthemen nicht weiter interessieren. Damit mögen sie Recht haben, und wenn man bedenkt, dass im Bundestag keine einzige Partei als kundig auf diesem Gebiet gelten kann, ist es auch nicht weiter verwunderlich. Bestenfalls hört man vom Bundesfinanzminister ein stetiges Bejammern der niedrigen Zinsen für die gebeutelten und zugleich stoischen deutschen Zinssparer. Allerdings handelt es sich bei dieser Larmoyanz um Krokodilsträngen, denn der Bundesfinanzminister ist der größte Profiteuer der europäischen Nullzinspolitik. Insofern wäre es durchaus angemessen, Mario Draghi etwas mehr Respekt für seine Bemühungen zu zollen, dass er die Eurozone in besseres ökonomisches Fahrwasser geleitet.

Schließlich kommen die Niedrigzinsen dem Staatshaushalt zugute und die deutsche Wirtschaft reüssiert seit Einführung des Euro sondermaßen, vor allem gegenüber den Wettbewerbern aus den früheren Abwertungsländern Italien, Frankreich, Griechenland, Spanien und Portugal. Die Bundesbürger hätten ebenfalls Gewinner dieser Politik sein können, wenn sie sich nicht standhaft geweigert hätten, ihre antiquierten Anlagegewohnheiten den neuen Verhältnissen anzupassen. Wer aber nicht mit der Zeit geht, darf sich später nicht wundern, dass er abgehängt wird.

Teures Versagen der Politik

Schlimm an der Sache ist aber, dass wir in einem elitären System leben, in dem von den Eliten erwartet werden darf, dass sie dem Volk mit Rat und Tat vorangehen. So geschieht es ja täglich auf dem Gebiet der Energieversorgung, der Schulpolitik, der Flüchtlings- und vor allem der Sozialpolitik. Daher muss die Frage gestellt werden, wie es zu dem teuren Versagen der deutschen Politik auf dem Gebiet der Kapitalanlage hat kommen können. Mittlerweile dürfte es ja den meisten Menschen dämmern, dass die Rente zu einer Grundsicherung verkommt. Wer genau zuhört, der kann am Geschwätz über das Renteneintrittsalter 70 gut ablesen, wohin der Karren seit Jahren rollt.

Gleichwohl gibt es in Deutschland keine einzige politische Partei, die eine starke kapitalgedeckte Säule des Rentensystems einfordert. Im Wahlkampf findet sich keine Stimme, die für ein Umsteuern auf diesem Gebiet eintritt. Schlimmer noch, Aktien- und Aktienfondsanleger bereiten sich bereits auf höhere Steuern zum 1. Januar 2018 vor. Sie sind das bereits seit vielen Jahren gewohnt. Und die Aktienfondsbranche wird zum Jahresanfang mit dem zusätzlichen Bürokratiemonster Mifid II belastet; alles Zeichen selbstgefälliger guter Zeiten. Hoffen kann man nur auf die FDP, die möglicherweise geläutert in einer künftigen Regierung die mundtote Stimme der Eigenkapitalanleger zum Wohle Deutschlands erklingen lässt.

Aus Chicago
Ihr

Dr. Christoph Bruns


Christoph Bruns ist Fondsmanager, Vorstand und Teilhaber der Fondsgesellschaft Loys AG. Weitere Kolumnen: Die USA – ein Land von gestern, Das Ende des Adenauer-Dogmas und Deutsche Leitkultur bei der Geldanlage


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