AktieFinger weg von Wirecard!

Der Kauf von Wirecard-Aktien ist keine gute Ideeimago images / Westend61

Antizyklisches Investieren hat Tradition. Nathan Mayer Rothschild, Sohn des berühmten Bankiers, hat bereits im 19 Jahrhundert gesagt: „Man muss kaufen, wenn Blut in den Straßen fließt.“ Investorenlegenden sind mit diesem Prinzip reich geworden, Waren Buffet etwa, der dem Motto folgte: „Sei ängstlich, wenn andere gierig sind und gierig, wenn andere ängstlich sind.“ Demnach müsste man eigentlich jetzt in die Wirecard-Aktie investieren.

Das Tech-Unternehmen, das am Donnerstag Insolvenz angemeldet hat, scheint mit einem Preis zwischen 3 und 4 Euro je Aktie tatsächlich erschwinglich. Und was ist, wenn sich ein oder gar zwei Kaufinteressenten melden und es zu einer Bieterschlacht kommt? Dann würde der Preis signifikant steigen. Doch so einfach ist es nicht.

Zwar ist es in den vergangenen Jahren zu milliardenschweren Übernahmen unter Bezahldienstleistern gekommen. Paypal hat 2019 Honey für 4 Mrd. US-Dollar gekauft, Fiserv für 22 Mrd. Dollar First Data übernommen und Fidelity National Information System hat für Worldpay sogar 43 Milliarden auf den Tisch gelegt. Aber was ist die Technologie von Wirecard wert? Hedgefondsmanager Christopher Hohn vertritt dazu eine klare Meinung: „Wirecard hat in meinen Augen keine Assets, die als Übernahmekandidat attraktiv wären. Alle Kunden werden zu anderen Anbietern wechseln. Und aus meiner Sicht hat Wirecard keine einzigartige Technologie, es gibt viele andere Wettbewerber.“

Keiner will ein Unternehmen kaufen, dessen Umsätze sich in Luft auflösen. Und der Verkauf von profitablen Beteiligungsgesellschaften würde den Wert des Wirecard-Konzerns verringern und damit eher einen negativen Effekt auf den Aktienkurs haben. Stand heute wird sich für die attraktivste Tochter aus dem Geschäftsbericht 2018 kein Käufer finden lassen: Die Cardsystems Middle East führt darin mit rund 238 Mio. Euro die Gewinnrangliste der 43 Tochtergesellschaften an. Aber sie ist in die umstrittenen Drittpartnergeschäfte verwickelt, das will sich wahrscheinlich niemand ans Bein binden. Die Töchter Wirecard Technologies (Gewinn 2018: 130 Mio. Euro) und Wirecard Bank (Gewinn 2018: 1,3 Mio. Euro) sind nicht so erfolgreich, als dass jemand einen Milliardenbetrag dafür hinblättern würde.

Eine Bieterschlacht ist also äußerst unwahrscheinlich. Natürlich kann der Aktienkurs zwischenzeitlich steigen. Etwa, wenn sich Leerverkäufer mit Aktien eindecken, um damit ihre Vertragspflichten zu erfüllen. Aber am wahrscheinlichsten endet ein Einstieg zum jetzigen Zeitpunkt im Totalverlust. Denn auch ein ordentlicher Schadensersatz, den der jetzt als Insolvenzverwalter bestellte Münchner Anwalt Michael Jaffé mit Klagen gegen ehemalige Vorstände, Aufsichtsräte oder Wirtschaftsprüfer herausschlagen könnte, ginge natürlich nur an Aktionäre, die schon vor langer Zeit eingestiegen sind ­– als Wirecard noch eine goldene Zukunft vor sich zu haben schien. Alle anderen, die jetzt noch einsteigen, können daran nicht mehr glauben.

 


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