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Mehr als eine VW-Affäre

, Claudia Kemfert

Der VW-Skandal ist ein Desaster für alle deutschen Autobauer. Viel zu lange haben sie sich sauberen Antriebstechniken verschlossen. Von Claudia Kemfert

"Think Blue": VW-Werbeballon für umweltfreundliche Motoren © Getty Images
"Think Blue": VW-Werbeballon für umweltfreundliche Motoren

Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Foto: DIW/Daniel Morsey


Wer hätte das gedacht: Ausgerechnet die Amerikaner zwingen Deutschland beim Klimaschutz in die Knie. Nicht nur, dass der Papst zusammen mit dem US-Präsidenten mehr Klimaschutz anmahnt und die Amerikaner anders als Deutschland einen Kohleausstiegsplan erarbeiten. Die USA treffen mit der Aufdeckung der manipulierten Abgaswerte deutscher Autos den größten deutschen Autobauer VW mitten ins Herz.

Dabei hätte man es vorhersehen können. Seit langem ist bekannt, dass die tatsächlichen Abgaswerte deutlich über den Herstellerangaben liegen. Zahlreiche Test und Studien – auch in Europa – belegen dies. Doch nun zeigt ausgerechnet das amerikanische Umweltschutzgesetz, dass nachhaltige Mobilität bei fast allen deutschen Autobauern weder angekommen ist, noch ernst genommen wird. Den eindrucksvollen Beweis lieferte gerade erst die Internationale Automobilausstellung, wo große, schwere Fahrzeuge mit viel PS präsentiert wurden. Umweltschutz? Nachhaltigkeit? Fehlanzeige.

Seit langem machen sich die deutschen Autobauer arrogant und überheblich über die Hersteller von Elektroautos – zum Beispiel aus Kalifornien – lustig. In Deutschland kommen alternative Antriebstechniken nicht aus ihrem Schattendasein. Der Markt für Elektroautos kommt nur schleppend voran, es werden nur wenige Fahrzeuge verkauft. Wie auch, wenn es in Deutschland – anders als in vielen anderen Ländern – kaum finanzielle Anreize und nur wenige Ladesäulen gibt.

Massiver Schaden für die Volkswirtschaft

Auch die Anschaffung von Erdgasfahrzeugen wird den deutschen Autokäufern ausgeredet. Dabei könnten Erdgasfahrzeuge die Emissionen deutlich senken. Deutsche Autobauer setzen fast ausschließlich auf konventionelle Antriebsstoffe und –technologien. Um die Umweltstandards einzuhalten, müssen die großen, schweren Fahrzeuge effizienter werden. Das sind sie in den letzten Jahrzehnten auch geworden, aber der Technik sind hier Grenzen gesetzt.

Nachhaltigkeit bedeutet für deutsche Autobauer somit offenbar, dass man die Emissionsvorgaben nur mit Tricks einhalten kann. Dass nun VW bei den Angaben schummelt, ist ein Skandal. Der Skandal beginnt aber schon viel früher, weil VW, Daimler und BMW viel zu lang an der Vergangenheit festhalten und sich nicht der innovativen Zukunft stellen. Stattdessen wollen die Hersteller im Verbund mit der Politik die Vergangenheit möglichst lange konservieren. Das ist umso bedauerlicher, da es die gesamte Branche in Misskredit bringt. Es schadet der deutschen Volkswirtschaft massiv.

Deutschland lässt sich gern als Weltmarktführer grüner Technologie feiern. Das Qualitätssiegel „Made in Germany“ steht für hervorragende Qualität. Umweltschutzgüter aus Deutschland sind tatsächlich in der Welt führend: nachhaltige Energie-, Recycling- oder Wasseraufbereitungstechnologien sind seit Jahrzehnten aufgrund ihrer Qualität gefragt. Mehr als zwei Millionen Menschen arbeiten in Deutschland in diesem Sektor. Doch das „Made in Germany“-Gütesiegel für Umweltschutzgüter ist durch den VW-Abgasskandal massiv beschädigt.

Nachhaltige Mobilität birgt enorme wirtschaftliche Chancen

Die wirtschaftliche Dimension des Skandals ist riesig, der Imageschade enorm. Nicht nur die Automobilbranche als Ganzes, sondern auch alle anderen grünen Technologien aus Deutschland haben nun ein massives Imageproblem. Die Automobilbranche  ist nicht nur Deutschlands Aushängeschild, die Volkswirtschaft insgesamt baut auf eine gesunde und starke Branche. Über 700.000 Menschen arbeiten in Deutschland im Fahrzeugbausektor, vor allem die Zulieferer schaffen Wertschöpfung und Arbeitsplätze.

Die wirtschaftlichen Chancen einer nachhaltigen Mobilität wären somit für die deutsche Volkswirtschaft enorm. Durch alternative Antriebstechnologien und -kraftstoffe lassen sich neue Märkte erschließen, eine höhere Wertschöpfung erzielen und Arbeitsplätze schaffen. Mit einer Exportquote von etwa 60 Prozent stehen die deutschen Autobauer im weltweiten Vergleich nicht allein da – sie ist international üblich. Der Weltmarkt ist somit enorm wichtig. Der Abgasskandal schadet somit der deutschen Volkswirtschaft in ungeahnter und bisher nie da gewesener Weise.

Wie heißt es so schön: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. So ist es.

Jede Krise ist aber auch eine Chance, wenn man sie ergreift. Die bisherigen Mahnungen und Warnungen an die deutschen Autobauer sind jedoch ungehört verhallt. Die mangelnde Innovationsbereitschaft deutscher Autohersteller wird durch die Politik unterstützt, durch gezieltes Wegschauen und Untätigkeit. Deutsche Politiker torpedierten strengere Emissionsgrenzwerte in der EU und die Regierung hat bisher keine finanziellen Anreize zum Umstieg in Richtung nachhaltige Mobilität gewährt. Ein Grundübel ist zudem die niedrige Dieselsteuer in Deutschland, welche schon lange hätte deutlich angehoben werden müssen. Die Untätigkeit der Politik in Deutschland hat die deutsche Automobilwirtschaft sehenden Auges in den Abgrund geschoben. Sie ist mitverantwortlich für die Misere.

Der Neuanfang bei VW sollte nicht nur ein personeller Neuanfang werden, in dem ein rückwärtsgewandter Manager durch einen anderen ersetzt wird. Es sollte ein ernsthafter Neuanfang für mehr Innovationen und ernst gemeinte nachhaltige Mobilität werden. Scheinbar hat man in den USA verstanden, was Umweltschutz auch für die Mobilität bedeutet. Zu empfehlen wäre dem Top-Management deutscher Automobilhersteller ein Praktikum in den USA – am besten in Kalifornien. Einige große Energiekonzerne machen das bereits. In Punkto Umweltschutz aber auch in Punkto Innovationen können die deutschen Konzernlenker von den Kaliforniern etwas lernen.


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