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  • Reportage

Die Befreiung von der E-Mail-Plage

, Horst von Buttlar und Friederike von Tiesenhausen

Elektronische Post macht den Büroalltag zum Horrortrip. BMW und andere Konzerne wollen die Mail-Flut eindämmen. Noch radikaler ist der IT-Dienstleister Atos - er schafft E-Mails gleich ganz ab.

Zero-Email Handout © Julian Baumann
Im Zuge des „Zero email“-Projekts wurden Handouts verteilt mit Regeln für E-Mails. Zum Beispiel: „Cc-Setzen ist wie Spam“

Die Geschichte über das Ende der E-Mail wäre viel schneller erzählt, wenn Robert Shaw endlich mal auf seine Mails antworten würde. „Lieber Mr Shaw, unser Treffen im März hat mich sehr gefreut. Wie läuft das Projekt?“ Keine Antwort. Nachfrage einige Wochen später. „Lieber Mr Shaw, haben Sie meine E-Mail erhalten?“ Wieder nichts. Dann plötzlich doch eine Antwort. Sorry vielmals, die Nachricht sei irgendwie in den Junkmails gelandet. Ist klar.

Das Problem ist wohl eher, dass Robert Shaw seit einigen Monaten sehr, sehr beschäftigt ist. Mit ziemlicher Sicherheit macht er sogar das Projekt seines Lebens: Er soll für sein Unternehmen Atos, den französischen IT-Riesen mit 77.000 Mitarbeitern in 47 Ländern, die E-Mail abschaffen. Und offenbar geht er mit gutem Beispiel voran.

Die Wahnsinnsidee stammt von Thierry Breton, einst französischer Finanzminister und CEO von France Telecom und seit 2008 Chef von Atos. Als „Umweltverschmutzung des Informationszeitalters“ hatte Breton die E-Mail beschimpft und im Februar 2011 verkündet, sie innerhalb von drei Jahren abzuschaffen. Zumindest für die Kommunikation innerhalb des Konzerns. „Wenn die Leute mit mir sprechen wollen, sollen sie zu mir kommen oder eine SMS schicken“, sagte Breton, der schon bei France Telecom keine Mails mehr ­benutzt hatte. „Die Masse der E-Mails, die wir heute verschicken und erhalten, ist nicht mehr haltbar.“

Viele hielten das damals für einen PR-Gag, für Getöse und Getue, doch wer sich zweieinhalb Jahre später etwas näher mit dem Projekt beschäftigt, merkt bald, dass niemand allein für PR eine solche Großoperation an 77.000 Mitarbeitern durchführen würde. Die ziehen das wirklich durch bei Atos. In wenigen Monaten soll die E-Mail intern nahezu verschwunden sein.

Vor allem aber traf Breton mit seiner Vision einen Nerv unserer Zeit – denn ein CEO, der das Ende der ­E-Mail ausruft, verspricht nicht weniger als eine Art Auszug ins Gelobte Land. Irgendwie, das spüren wohl alle, ist bei der E-Mail seit geraumer Zeit etwas außer Kontrolle geraten.

Sie ist unser Leben und unser Untergang. Wir sind ständig erreichbar, aber nicht mehr zu erreichen. Die Mail erleichtert so viel und erschlägt uns gleichzeitig.

Das Problem ist, dass viele gar nicht mehr infrage stellen, warum sie einen Großteil ihres Berufslebens in einer Cc-Zeile verbringen. Während unsere Bürofinger schon vor der Dusche morgens müde über das Display wischen, auf dem noch die fettigen Abdrücke von Mitternacht sind, spüren wir zwar, dass dieser Umgang mit der E-Mail nicht mehr normal ist. Dass sich etwas ändern muss, in einem Leben, in der die Liedzeile „Muss nur noch kurz die Welt retten … noch 148 Mails checken“ von Tim Bendzko wie das Motto unseres verstopften Zeitalters klingt. Aber kaum einer tut was.

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Auf zum Südpol!

Robert Shaw © Olivier Hess
Für Robert Shaw war es das Projekt seines Lebens: Als Global ­Program Manager ­sollte der Brite für Atos die Abschaffung der E-Mail koordinieren.­ Inzwischen ist der 42-Jährige Chef von blueKiwi – der ­Software, die die ­E-Mail ersetzt

Es ist Anfang März, Robert Shaw sitzt in der dröhnenden Kulisse der Cebit in Hannover und spricht vom Südpol. Hinter ihm der Mega-Magentastand der Deutschen Telekom, wo gerade der 50. Geburtstag von René Obermann bejubelt wird, dahinter die Lounge von SAP, in der Projektoren wie zur Mahnung die Zahlen der Welt an die Wand beamen.

„Weltbevölkerung:
 7101972358.
Heute gesendete E-Mails: 
203147178070.“

Die Ziffern flattern, oszillieren, die Schuldenuhr ist nichts dagegen.

„Vor 100 Jahren waren Amundsen und Scott die Ersten, die den ­Südpol erreicht haben“, sagt Shaw. „Sie waren wahre Pioniere.“ Nur dass es diesmal nicht zum südlichen Nullpunkt geht. Sondern, nun ja, zu „Zero email“, wie das Projekt heißt. Ist das nicht ein bisschen groß, der Vergleich? „Es geht um das Symbol eines höheren Ziels“, sagt Shaw.

Der Engländer ist ein Mann von 42 Jahren, den ein Regisseur in einem Film wohl mit der Rolle des smart guy besetzen würde. Er spricht in selbstbewussten, fertigen Sätzen, man spürt, wie oft er das Projekt schon erklären musste. Er zitiert ­Steve Jobs, Nassim Taleb und Malcolm Gladwell, all die großen Denker, und leitet eigene Gedanken bisweilen so ein: „Ich gebe Ihnen zunächst eine Antwort, die ich Ihnen gegeben hätte, wenn ich nur meinen operativen Leistungshut aufhätte.“ Den hat er aber nicht auf, auch wenn bei dem Projekt natürlich vor allem die Effizienz gesteigert werden soll.

„Es geht nicht nur um eine neue Technologie“, sagt Shaw. „Wir müssen unser Denken und Verhalten ändern. Mit E-Mails sind wir nur noch im Sendemodus. Aber je mehr wir senden, desto mehr erhalten wir auch. Wir müssen lernen, anders zusammenzuarbeiten.“ Den „Kollabo­rationsmodus“ nennt er das.

Thierry Breton hatte Shaw im Oktober vergangenen Jahres höchstpersönlich den Job als Global Program Director angeboten. Shaw kam aus London nach Paris, er ahnte nicht, worum es gehen würde. Eine Stunde sprachen sie, und Breton stellte Fragen wie: „Haben Sie schon mal das Programm Yammer genutzt?“ Oder auch: „Lieben Sie Technologie?“ Shaw sagte, dass er bisher mehr mit Leuten zu tun gehabt habe.

Gut, sagte Breton, denn das „Zero email“-Programm sei ein „people­ program“, zum großen Teil gehe es um Menschen und Kulturwandel. Klar brauche man dafür neue Software. „Aber wir wollen die Art, wie Menschen kommunizieren, verändern.“ Von dem Tag an musste Robert Shaw viel reisen und erklären.

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Wer abschaltet, ist uncool

Atos-Mitarbeiter © Julian Baumann
Die Leute sollen wieder miteinander reden und sich in der Kaffeeküche treffen, statt sich zu mailen – auch solche Appelle gibt es bei Atos. Der Erfolg aber ist schwer messbar

Natürlich ist Atos nicht das einzige Unternehmen, das sich über E-Mails Gedanken macht oder etwas getan hat. Einige haben Richtlinien verabschiedet, wie der Energieversorger Eon, der empfiehlt, dass „alle Mitarbeiter, besonders aber die Führungskräfte, auf dienstliche E-Mails und Telefonate außerhalb der üblichen Arbeitszeiten verzichten“. Auch der Essener Chemiekonzern Evonik hat seit Neuestem solch eine Regel.

BMW hat als letztes Großunternehmen ein „Recht auf Unerreichbarkeit“ definiert. Die Mitarbeiter sollen mit ihren Vorgesetzten Zeiten vereinbaren, zu denen sie grundsätzlich nicht erreichbar sind. Außerdem wird das Lesen von E-Mails oder die Arbeit an einer Präsentation von zuhause als Arbeitszeit angerechnet. 

Bei Konkurrent Daimler können Angestellte im Urlaub die automatische Löschung aller Nachrichten beantragen. Volkswagen ist Ende 2011 noch einen Schritt weiter gegangen: Zwischen 18.15 Uhr und 7 Uhr morgens werden keine Mails mehr auf Smartphones von 1200 Tarifangestellten weitergeleitet. Allerdings ist das die Minderheit, und Führungskräfte sind ausgenommen. Andere Firmen experimentieren wiederum mit E-Mail-freien Tagen, was aber eher für Unmut als Befreiung sorgte.

Die E-Mail-Bekämpfer sind allerdings noch eine Minderheit. In einer Befragung des Verbands der Führungskräfte gaben dieses Jahr mehr als 80 Prozent an, dass es in ihrem Unternehmen keine Ansätze gibt, die ständige Erreichbarkeit anzugehen.

Auch Behörden und öffentlicher Dienst sind nicht viel weiter – Ursula von der Leyen war die Erste und Einzige, die in ihrem Arbeitsministerium eine Art „Nichterreichbarkeitsvereinbarung“ abschloss.

Zwar gibt es immer wieder Forderungen nach einer Anti-Stress-Verordnung, wenn Behörden im „Stressreport“ mal wieder berichten, dass die E-Mail krank macht. Doch mit Gesetzen lässt sich Kommunikation wohl kaum verbessern.

Das Abschalten von Servern ist auch eine eher rabiate Lösung. Das Ganze erinnert an Stechuhren. Wollten wir nicht alle selbstbestimmt und mobil sein? Es ist leider so: Wer abschaltet, ist uncool.

Bei der VW-Tochter Audi in Ingolstadt will man daher auch die Lösung aus Wolfsburg nicht kopieren. Betriebsratschef Peter Mosch sagt: „Wir wollen Mitarbeiter nicht zu stark bevormunden. Der frisch qualifizierte Ingenieur geht mit dem Thema anders um als ein Kollege, der kurz vor der Pensionierung steht.“ Botschaft verstanden. Statt Server abzuschalten, bietet Audi Trainings an, wie man verantwortungsbewusst kommuniziert. Die Manager sollen so die E-Mail-Kultur in ihren Bereichen prägen. „Wir setzen auf Selbstdisziplin“, sagt Mosch.

Die Richtlinien, Regeln und Maßnahmen erinnern ein wenig an den Kampf gegen den Klimawandel: Die einen bauen einfach höhere Deiche. Andere regulieren den Emissionshandel. Atos ist nun radikaler als alle – und plant eine Energiewende.

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Das Ende von CC

Zero E-Mail © Julian Baumann
Wer einen Prozess oder ein Projekt ohne E-Mails durchführt, erhält tatsächlich ein Zertifikat

Robert Shaw ist viel gereist. Er hatte ein kleines Kernteam mit vier Leuten, war in Indien, wo man nicht nur die Idee toll fand, sondern selbst einige Tools erfunden hatten. In Frankreich, wo man ausnahmsweise mal early adopter sein wollte. Und in Deutschland, wo die Kollegen immer nur technische Fragen stellten. Wie funktioniert das, wie passt das in die Infrastruktur? Jedes Land war anders, er musste zuhören, er traf auf Manager, die verunsichert waren, wie sie nun von oben kommunizieren sollen. Ein Leben ohne Rundmail?

Phase eins war die Bestandsaufnahme: Wie viel senden und empfangen wir eigentlich? Die Ergebnisse waren „erschreckend“, wie Atos-Manager sagen: 2010 waren es 200 Nachrichten im Schnitt pro Mitarbeiter pro Tag, 18 Prozent waren Spam. 40 Prozent der Mitarbeiter bearbeiteten zwei bis drei Stunden pro Tag nur elektronische Post. 15 Prozent, tönte Breton, von den Mails seien nützlich.

Phase zwei: Eine Software wurde gesucht. Rund 200 Programme gab es auf dem Markt, 47 schaute sich Atos genauer an, 11 kamen in die Testphase. Am Ende landete man bei dem Start-up blueKiwi, das man sich gleich einverleibte. Schließlich will Atos nach erfolgreichem Selbstversuch die Idee auch vermarkten.

Das Tool gehört zur Gattung der Enterprise Social Networks (ESN). Bekannte Namen sind Yammer oder Jive, die wie ein internes Facebook funktionieren. Tausende Firmen haben ESN eingeführt. „Mit aller Macht drängen diese Netzwerke in Unternehmen“, hat Christian Illek, Deutschlandchef von Microsoft, beobachtet, der das Thema neben Cloud-Computing und Big Data zu den Megathemen der Zukunft zählt.

Das Problem ist nur: Oft ­werden solche Programme von der IT einfach nur installiert. Und die Nutzung den Mitarbeitern überlassen. Und dann ändert sich nichts. Dabei geht es ja nicht nur um neue Software. Sondern um neues Verhalten.

Bei Atos wurde parallel eine neue Etikette für E-Mails erarbeitet, ein Netzwerk von „Botschaftern“ aufgebaut, die anderen Kollegen helfen und Ideen zur Nutzung beisteuern sollen. Es gab Schulungen, „­Awareness Trainings“, Videos. Handzettel lagen nun plötzlich auf Tischen herum, auf denen Tipps standen, die Gebote der neuen Ära:

„Jede E-Mail sollte nur einmal gelesen werden.“
„CC-Setzen ist ähnlich wie Spam.“

Auch gab es Empfehlungen, mehr zu telefonieren, sich wieder in der Kaffeeküche zu treffen. Die Kunden, die anfangs auf Messen noch viel gelächelt hatten, fragten nun immer öfter: Wie macht ihr das?

Und dann, am 15. Oktober 2012, ging es in den ersten beiden Ländern, Frankreich und Indien, los. Das Ende der E-Mail begann, blueKiwi kam. Ende des Jahres nutzten es 3000 Mitarbeiter. Zwei Monate später 15.000.

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Der Outlook-Shitstorm

Atos-Deutschland-Chef Holz © Julian Baumann
Atos-Deutschlandchef Winfried Holz sitzt an seinem iPad und organisiert über das Netzwerk blueKiwi die Vorbereitung für ein Treffen seines Verbandes Bitkom

Wozu ist die E-Mail gut? Für die Kommunikation zwischen zwei Menschen. Für eine Information an alle Menschen. Das Problem ist, dass sie inzwischen für alles eingesetzt wird.

Wer mailt, entledigt sich erst mal seiner Verantwortung. Zwei Kollegen in Cc und drei raus. Weiterleiten und weg. Die E-Mail wird auch als Machtinstrument eingesetzt. Das berühmte Bcc an den Vorgesetzten. Auch zur Mitarbeiterführung nutzen es einige. Guido Hertel, Arbeitspsychologe an der Universität Münster, hat herausgefunden, das selbstbewusste Menschen eher zum Telefonieren oder direkten Gespräch neigen. Schüchterne Menschen nutzen die E-Mail, wenn die Sache heikel ist.

Auch zum Brainstorming wird die elektronische Post oft eingesetzt, dabei ist sie für kreative Prozesse völlig ungeeignet. Die Folge ist oft ein Outlook-Shitstorm mit Bandwurmbetreffzeilen „Re:AW:Re:AW:Re:AW“, der uns bis ins Bett verfolgt.

Entgrenzt hat die E-Mail alles. Wir lesen private Nachrichten im Büro und berufliche im Bett. Dass die Sendezeit 22.54 Uhr am Freitag nicht normal ist, wissen die meisten. Aber ist sie nicht auch Arbeitsnachweis, wenn man dann noch aufsatzartige Konvolute verschickt?

Das Problem mit der E-Mail ist, dass es in den meisten Büros keine Regeln gibt. Sie ist anarchisch. Fast jeder schickt, wann er will, an wen er will und was er will.

Am Ende: Deutschland

29. September 2013, Tag vier nach dem Rollout. Die Tage der E-Mail sind auch bei Atos in Deutschland gezählt. Winfried Holz steht am Fenster eines neunten Stocks und schaut auf deutsche Industrielandschaft. Weiße Büroungetüme, die sich wabenartig anordnen. Das war mal alles Siemens. „Datasibirsk“ hat man das Areal im Münchener Südosten getauft.

In Ungetümen wie diesen entstehen die Massenvernichtungswaffen der modernen Kommunikation. Millionen Mails jeden Tag. „Viele Unternehmen sind wie eine Technokratie“, sagt Holz, der Deutschlandchef von Atos, nachdem er den Blick auf die Berge gelobt hat. „Mit einer Tendenz zur Selbstausbeutung. Dieses Denken muss sich ändern.“

Sein Büro ist ganz hinten in der Ecke links, nur getrennt durch eine Stellwand, er wollte es offen haben. Grauer Beton, Zimmerpflanzen, zwei Glaskästen mitten im Raum, wie Raucherkabinen, die Besprechungsräume sind. Ein paar Dutzend Mitarbeiter sitzen hier, die Führungsebene. An diesem Tag fallen hier wie von allein die ­Bekenntnisse. Alles „prasselt auf einen ein“, man muss sich durch „150 Mails durch­flöhen“. Es sind die Kapitulationserklärungen unserer heutigen Geschäftswelt. Wenn die Menschen hier über „Zero email“ reden, sprechen sie oft von der „neuen Welt“. Auch wenn dort längst nicht alles wie geschmiert läuft. Genauer gesagt ist die Revolution ziemlich anstrengend.

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„Eine große Reise ins Unbekannte“

Atos Board Meeting © Julian Baumann
Der erste Prozess, der in Deutschland „Zero email“ wurde, war das Board-Meeting. Früher wurden für Vor- und Nachbereitung 50 Mails pro Woche verschickt

Die Deutschen waren tatsächlich die Schlusslichter bei der Umstellung. Weil der Betriebsrat das ganze Projekt erst mal untersagte. „Die Verhandlungen waren sehr schwierig und intensiv“, sagt Holz.

Ein halbes Jahr hat es gedauert, in keinem Land war das so kompliziert. Es waren klassische deutsche Fragen: Wie ist das mit Datenschutz? Kann der Chef jetzt auch noch sehen, dass ich online bin? Kann es einen Shitstorm in dem Netzwerk geben? Was ist mit Mobbing? „Herr Meier bringt es doch eh nicht.“ Würde das jemand in der Community posten? Und könnte man es dann löschen?

„In der Form gab es solche Themen in keinem anderem Land“, sagt Markus Krompass, der das „Zero email“-Projekt in Deutschland verantwortet. „Das hatten wir nicht auf dem Radar.“ Man habe diese Bedenken „sehr ernst genommen“, sagt er. Übersetzt heißt das: Der Betriebsrat hat gut genervt. Auch für Krompass war das Ganze wie „eine große Reise ins Unbekannte“. „Keiner wusste, was uns erwarten würde“, sagt er.

Was hat sich nun konkret geändert im Leben ohne Posteingang?

„Die Kommunikation läuft über Communitys“, sagt Holz. Er nimmt sein iPad, zeigt auf eine App. „Da drin sind noch die E-Mails.“ (Die App heißt ironischerweise „Good“.) „Und das hier ist blueKiwi.“ Ein Fenster öffnet sich mit einer Navigation, die man von Facebook kennt.

„So … dann drücke ich das hier“, murmelt Holz und fängt an, seinen Zeigefinger zu kommentieren. Der Finger sucht noch nach Tasten, wie ein Mensch, der in einem großen, unbekannten Haus das Klo sucht. Jede Menge Gesichter erscheinen auf kleinen Fotos, Nachrichten in Threads, Streams und Communitys. „Ich kann selbst entscheiden, welche Infos mich erreichen sollen“, sagt Holz. „Bei Outlook werde ich zugeschüttet, hier steuere ich. Ich habe eine Holschuld.“

Holz hat nun wie jeder Mitarbeiter seine Communitys – die können groß sein, wie Atos Deutschland, oder nur ein Team oder ein Projekt betreffen. Derzeit sind 71 400 Mitarbeiter in rund 5 000 Communitys organisiert. „Die Kommunikation ist persönlicher und transparenter“, sagt Holz. Nach dem Urlaub muss man zwar auch alles Verpasste nachholen – aber es ist nicht mehr verstreut zwischen Spam und Rundmails, sondern in einem Thread.

Level fünf: Das Nirwana

Ein Blick auf Holz’ Display.

Mal ehrlich: So richtig wenig ist das auch nicht, oder? Holz lächelt. Wer seine Bürowände abschafft, redet auch mal offen: „Im Moment ist noch gar nichts einfacher“, sagt er und klappt das iPad zu. „Derzeit haben wir ja auch noch Outlook und damit zwei Systeme, das ist eine Doppelbelastung.“ Eine Übergangsphase. In der es Fehler gibt, auch etwas Chaos herrscht. „Die Responsiveness ist noch nicht so da wie früher“, hat Holz beobachtet. „Die Antwort kommt noch nicht immer unmittelbar.“

Denn diese Software funktioniert zwar wie Facebook. Aber für den Büroalltag ist der Umgang ungewohnt. „Man muss völlig seine Strukturen ändern, wie man kommuniziert“, sagt Manuela Gruneberg, eine junge Atos-Mitarbeiterin, die zum Team der Botschafter gehört. „Das kostet viel Zeit, man muss richtig an sich arbeiten. Früher hieß es oft: Ich schreibe schnell eine Mail. Nun habe ich einen Mix von Tools.“

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Skepsis und Ängste

Manuela Gruneberg © Julian Baumann
Manuela Gruneberg gehört in Deutschland zu den „Botschaftern“ – das sind Mitarbeiter, die anderen Kollegen helfen, den Prozess überprüfen und für die Idee werben

Neben blueKiwi, das für die Kommunikation eingesetzt wird, haben die Mitarbeiter noch weitere Software, etwa Sharepoint von Micro­soft, mit dessen Hilfe man an Dokumenten arbeiten kann.

Klingt ganz schön kompliziert. Ja, sagt Gruneberg. Das sei für viele nicht einfach. Sie hat Kollegen begleitet, ihnen geholfen, gibt Trainings: „Einige sind happy und gleich losgestürmt in der Community nach dem Motto: Hier bin ich“, sagt sie. „Andere sind noch passiv, schauen sich alles erst mal an.“ Es gebe auch Skepsis und Ängste, dass die neuen Tools das Leben noch komplizierter machen als die E-Mail.

Die Deutschen konnten als Schlusslichter von den Fehlern in den anderen Ländern lernen. Dort war etwa die Zahl der Communitys ­explodiert, es gab keine Regeln für Namen, sondern nur Wildwuchs – was sofort zum Einbruch der Nutzung führte. Auch meldeten sich Mitarbeiter bei viel zu vielen Communitys an, die Technik machte Probleme.

Da hilft nur: mit gutem Beispiel vorangehen. Das ist auch eine Kernthese von einem Buch, das Leute wie Robert Shaw immer wieder zitieren: „The Social Organization“ heißt es, geschrieben haben es die Gartner-Analysten Anthony Bradley und Mark McDonald. Der Erfolg von sozialen Medien in Unternehmen, so ihre These, „ist im Wesentlichen eine Führungs- und Managementaufgabe“.

„Social-Business-Konzepte“, sagt auch Holz, „müssen nicht nur vorgegeben, sondern auch vorgelebt werden.“ Er zeigt auf ein DIN-A3 großes Blatt, das wie eine Urkunde an einer Stellwand hängt. „Zero email Certificate“ steht dort unter einem goldenen Lorbeerkranz. Fünf Levels hat Atos erfunden, Level fünf ist das Nirwana, die komplett E-Mail-freie Zone. Auf Level vier darf man etwa fürs Reporten noch Mails einsetzen.

Jeder Prozess, der ohne (oder mit sehr viel weniger) Mails auskommt, bekommt diese Auszeichnung. 140 Prozesse haben das bereits geschafft. Winfried Holz hat als Erstes sein eigenes Board-Meeting umgestellt. Bis zu 20 Topmanager treffen sich da, einmal pro Woche. Rund 50 Mails, haben sie errechnet, werden jede Woche für die Vor- und Nachbereitung dieses einen Meetings geschrieben. Macht 2600 Mails pro Jahr. Plus 225 Anhänge mit etwa vier Seiten. 9000 Seiten werden im Schnitt ausgedruckt.

Nicht alle Manager waren begeistert

All das findet heute in einer Community statt: der „Call for Topics“, das Sammeln, Speichern der Präsentationen, die Kommentare. Nicht alle Manager waren begeistert. Aber sie müssen da durch. „Die denken jetzt mehr nach, was sie schreiben“, sagt Holz. „Sonst gilt bei E-Mails ja immer: last in, first out.“

Auch andere Prozesse wurden so akribisch analysiert. Die Kundenbefragung etwa: 300 Kick-off-Mails gab es hier pro Jahr und Befragung, 1200 Reminder-Mails und 300 Rückmeldungsmails. Fast alle sind verschwunden. Wenn die Beteiligten davon auf Schaubildern berichten, tragen sie es genauso stolz vor, als hätten sie den CO2-Ausstoß gesenkt. Von 1800 auf 395. „22 Prozent des ursprünglichen Volumens.“

Winfried Holz aber geht es nicht nur um Effizienz. „Alle Unternehmen wollen doch an die Talente der nächsten Generation“, sagt er. „Und die nutzen immer weniger

E-Mail. Das sehe ich doch bei meinen eigenen Kindern. Die nutzen ­Facebook und Whatsapp.“

Der Deutschlandchef erhebt sich, er hat jetzt sein Board-Meeting. In einem der Glaskästen nimmt eine Handvoll Manager Platz. Sie haben sich ohne E-Mail abgestimmt. „Wir geben uns jetzt einige Wochen Karenzzeit und schauen, wie sich das Verhalten ändert“, sagt Holz. „Es ist ein Culture-Change-Programm. Mit aller Konsequenz.“

Robert Shaw, der seit Sommer Chef von blueKiwi ist, hat das an sich selbst beobachtet: „Ich war immer sehr direkt. Ich schrieb: Wir müssen das so und so machen. In der Community frage ich viel offener: Was denkt ihr über diese Idee?“

Gut möglich, dass Atos auch PR wollte. Gut möglich, das sie nur eine Technokratie durch eine neue ersetzen. So ist das bei Revolutionen. Jede neue Welt bringt neue Probleme.

Doch der Anfang vom Ende ist gemacht. Der Ausgang ist offen. Eines aber kann man diesen Menschen, die nun bald keine E-Mails mehr unter­einander schreiben sollen, nicht mehr nehmen: Sie haben lange darüber nachgedacht, wie wir künftig miteinander reden sollen.

Der Text erschien zuerst in leicht veränderte Form in Capital 12/2013 unter dem Titel "Wir müssen reden". 


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