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Cartier - Perlen für New York

, Siems Luckwaldt

Firmenarchivar Pierre Rainero über 100 Jahre Cartier in Manhattan, die berühmte Kundschaft und die Magie eines Ortes im Internet-Zeitalter

Die New Yorker Cartier-Dependance in der Fifth Avenue © Getty Images
Die New Yorker Cartier-Dependance in der Fifth Avenue

Pierre Rainero ist Archivar der Luxusmarke Cartier und damit der Hüter des Markenerbes. Sein offizieller Titel lautet „Image, Strategy and Heritage Director“. Er kennt die Geheimnisse hinter der New Yorker Dependance in der Fifth Avenue. Pierre Rainero ist Archivar der Luxusmarke Cartier und damit der Hüter des Markenerbes. Sein offizieller Titel lautet „Image, Strategy and Heritage Director“. Er kennt die Geheimnisse hinter der New Yorker Dependance in der Fifth Avenue. (Foto: Getty Images) 


Fünf Jahre hatte Pierre Cartier in Manhattan nach einer Adresse für das Juwelierhaus gesucht. 1917 wurde er fündig, auf der Fifth Avenue. Für 100 Dollar und ein Collier aus 128 Naturperlen kaufte er den herrschaftlichen Bau im Stil der Neo-Renaissance. Zum 100. Geburtstag schenkte Cartier dem Maison mit der Hausnummer 653 ein Facelift

Pierre Rainero, Sie kennen jede Facette der Cartier-Historie: Welche New Yorker Geschichte ist Ihr persönlicher Favorit?

Oh, das sind viele. Marilyn Monroe kam oft zu uns, um sich Diamantcolliers für Galas auszuleihen. Oder um sie für sich hier kreieren zu lassen. Natürlich mit jener gehauchten Stimme, die sie legendär machte. Und dann natürlich Elizabeth Taylor. Als Britin kannte sie Cartier aus Europa, als Juwelier von Königshäusern, und besaß großen Respekt vor dem Können unserer Designer, Goldschmiede und Steinsetzer. Sie brachte uns oft bedeutende Steine, um darum ein neues Schmuckstück zu kreieren – Juwelen waren für sie ein leidenschaftliches Hobby. Ein Collier sollte einem Gemälde der Tudor-Zeit nachempfunden werden, das sie uns zeigte. Wir haben noch die Originalskizzen und ihre Anmerkungen, denn in letzter Minute warf sie alles über den Haufen. Nicht mehr im Stile der Tudors sollte das Ganze jetzt entworfen werden, sondern im zeitlos-eleganten Stil von Cartier.

Ein 69.42-Karäter in Birnenform, den Richard Burton seiner Liz schenkte, war sechs Tage lang 1969 im Fenster zu sehen. Jeden Tag pilgerten 6000 Menschen zu dem Display um diesen Super-Diamanten zu bestaunen.

Schließlich Barbara Hutton, die sich für ihre erste Hochzeit unbedingt eine Kette aus Jade-Kugeln wünschte, natürlich in der seltensten Farbe dieses Materials: in „Imperial Red“.

Welches neue Stück der Sammlung, die in einem Genfer Tresorraum ruht, macht Sie gerade besonders stolz?

Das bisher älteste erhaltene Modell unserer „Santos“-Uhr, gebaut 1912. Bisher ist noch unbekannt, welche Besitzer sie über die Jahre hatte. Nur zehn dieser Uhren, die Cartier 1904 herausbrachte, sind erhalten.

"Noch immer steht der Panther stilistisch für Cartier"

Was ist kaum bekannt über Cartiers berühmte Location auf der Fifth Avenue?

Dass es eine Kapelle gab, würde ich sagen. Pierre Cartier war sehr religiös und das Haus produzierte viele Stücke für religiöse Ordensträger und Institutionen, auch für den damaligen Papst. Als er 1956 starb wurde in der St. Patrick’s Cathedral eine Totenmesse zelebriert. Er setzte sich auch aktiv für eine Verbesserung der franko-amerikanischen Beziehungen ein.

Die umfangreiche Renovierung hat der Architekt Thierry W. Despont durchgeführt. Welcher Aspekt seiner Arbeit für die Maison Cartier gefällt Ihnen besonders?

Das Zwischengeschoss, dass unserer legendären Kreativdirektorin Jeanne Toussaint gewidmet ist, die eine der herausragendsten Schmuckdesignerinnen unserer Zeit war. Toussaint ist auch die Entwicklung der heute ikonischen „Panthère de Cartier“-Kollektion zu verdanken. Und noch immer steht der Panther stilistisch für Cartier. Der Raum ist intim, schließlich geben hier Kunden kostbare Haute-Joallerie-Unikate in Auftrag. Farbenprächtige Stoffbespannungen an den Wänden, Möbel mit reich bestickten Bezügen und poliertes Fischgrätenparkett.

Wie wichtig ist so eine Flagschiff-Boutique in Zeiten, wo die meisten Kunden nach dem Betreten eines Geschäftes zuerst prüfen, ob es dort Gratis-Wlan gibt?

Wir öffnen uns diesen Bedürfnissen konsequent, auch bei Cartier auf der Fifth Avenue finden Sie free wifi, es gibt Tablets für vertiefende Hintergründe zum Gebäude, der Cartier-Geschichte und neuen Produkten. Und doch, glauben Sie mir, diffundiert allein durch die Anwesenheit in so einem besonderen Ort durch digitale wie sinnliche Kanäle das einzigartige Erbe, die vielen Anekdoten von Kunden wie Grace Kelly, Andy Warhol, die Herzogin von Windsor. All das hält länger als ein Selfie. Was Pierre Cartier übrigens damals in der neuen Welt lernte: Während man in Paris und London zum Einkaufen beim Juwelier Platz nahm und auch sitzend bezahlte, ging der Amerikaner an die Kasse.

"Extras gehörten schon immer zu Cartier"

Viele von Cartiers bekanntesten und bis heute erfolgreichsten Stücken waren inspiriert von New York oder wurden dort in Auftrag gegeben: das „Love“-Armband, „der Juste un Clou“-Ring in Form eines rundgebogenen Nagels, der juwelengespickte „Bid Apple“ sowie etliche Stücke für Banker J.P. Morgan. Wie könnte so ein Stück heute aussehen, dass den US-Zeitgeist widerspiegelt?

Cartier ging 1902 nach London, kam 1909 erstmals nach New York. Eine rasche internationale Expansion also. Der Schmelztiegel am Hudson, die offene Kultur war für die Marke und ihre Kreationen immens wichtig. Diesem Geist und dem Leben der Menschen heute müsste es Rechnung tragen. Ich werde Ihnen aber sicherlich keine unserer Ideen ausplaudern. Dynamik, alles ist möglich, auf zu neuen Abenteuern. Interessant: Für die meisten New Yorker ist Cartier nicht in erster Linie eine französische Marke.

Das in gigantische Rote Schleifenbänder verpackte Cartier-Gebäude auf der Fifth hat gerade für Christmas-Touristen aber auch Einheimische Tradition. Wird sich daran nach der Renovierung etwas ändern?

Nein, auf gar keinen Fall. Das bleibt so spektakulär wie gewohnt.

Längst macht Cartier nicht bloß Schmuck und Uhren, es gibt Schreibgeräte, Lederwaren, Parfüms und viele weitere sogenannte „line extensions“. Wie haben Sie es geschafft, dass solche Extras nie die Magie der Marke verwässert haben?

Vermutlich, weil neben feinsten Schmuckstücken, Perlenketten, Maharadscha-Kolliers eben auch dekorative Objekte und Accessoires wie Zigarettenetuis oder Feuerzeuge schon immer zu uns gehörten. Jacques Cartier, ein Bruder von Pierre, wurde bei einer Ausstellung französischer Kunst in Kairo1929 übrigens etwas ganz ähnliches gefragt. Seine Antwort damals: „Das alles gehört zur Kultur unseres Hauses. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, den Hals einer Frau zu schmücken und ihr zusätzlich ein kleines Objekt für ihre Handtasche zu geben.“ Solange alles hohe handwerkliche Qualität und zeitlos-elegantes Design verbindet, passt das.

Ein Verkäufer muss auch mal Nein sagen

Noch immer tun sich manche Luxusmarken schwer damit, ihre reiche Historie und die überragende Qualität ihre Produkte, deren sinnliche Aspekte in eine digitale Welt zu übersetzen. Wie hält man die Wunder aus den Archiven frisch und bleibt interessant für jetzige und künftige Kunden?

Für mich sind das zwei wichtige Punkte: Erstens muss man sich kategorisch treu bleiben als Marke. Alles was wir machen, muss zu unserem Wertekanon passen. Die Emotionen, die aus Authentizität folgen, sind mächtig. Wir müssen uns auch fordern, exzellente Arbeit zu leisten, bei allem was wir tun. Ohne Kompromisse. Und zweitens ist der Kunde König. Will er unsere Produkte im Internet bestellen und reichen ihm die Bilder, Videos und Informationen aus? Wunderbar, dann soll er es dort so bequem und ansprechend wie möglich haben. Möchte er stattdessen ein Stück berühren, eine Uhr umlegen, ein Rundum-Erlebnis? Dann sind unsere Boutiquen oder eine Maison wie auf der Fifth Avenue für ihn da. Wir versuchen uns so gut wie möglich an das Leben unserer Kunden anzupassen.

Und schließlich die Frage, welche Tipps Sie Männern geben würden, die der Frau ihres Lebens ein ganz besonderes Schmuckstück schenken wollen?

Meine Herren, denken Sie dabei keinesfalls an sich, sondern nur an die zu Beschenkende. Projizieren Sie nicht ihr Bild der Angebeteten, also wie Sie sie gern sehen würden. Führen Sie sich ihren Alltag vor Augen: Wo und wie würde sie das Stück tragen, welche Farben mag sie, welche Materialien, welche Edelmetalle? Erst wenn das Geschenk beweist, dass Sie versucht haben, die Welt durch ihre Augen zu sehen, berühren Sie damit auch ihr Herz. Lassen Sie sich von einer wirklich fachkundigen Person beraten. Sie erkennen sie daran, wenn ein Verkäufer auch mal abrät, „Nein“ sagt, weil etwas in seinen Augen nicht zu Ihnen passt. Stellt er viele Fragen zu ihrem Lifestyle? Dann macht er seinen Job gut.


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