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Deutscher Meister ist nur der BVB

, Thomas Steinmann

In den Aufsichtsräten der Fußball-Bundesligisten tummeln sich Manager und Unternehmer. Doch bei der Kontrolle gibt es Defizite, wie eine neue Studie belegt. Spitzenreiter im Corporate-Governance-Ranking der Liga ist Borussia Dortmund, die Konzern-Clubs sind abgeschlagen

Uli Hoeneß kehrt im Herbst zurück in den Bayern-Aufsichtsrat © Getty Images
Bald zurück an der Spitze des FC Bayern München: Uli Hoeneß

Wenn Kasper Rorsted im Oktober zum Chef des Sportartikelherstellers Adidas aufsteigt, kann er einen anderen Posten gleich mit übernehmen: das Mandat im Aufsichtsrat der FC Bayern München AG, an der Adidas mit rund 8 Prozent beteiligt ist. Dort sitzt bislang Rorsteds Vorgänger Herbert Hainer, neben einer ganzen Reihe anderer Topmanager der deutschen Wirtschaft: Telekom-Chef Tim Höttges, Audi-Chef Rupert Stadler, Allianz-Vorstand Werner Zedelius und Unicredit-Deutschlandchef Theodor Weimer.

Auch Ex-VW-CEO Martin Winterkorn, der durch die Dieselaffäre Ruf und Ämter verloren hat, durfte bislang das Aufsichtsratsmandat beim Rekordmeister behalten. Als neuer alter Vereinspräsident wird im Herbst zudem Uli Hoeneß nach seiner Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung in das Kontrollgremium der Profi-Tochter FC Bayern AG zurückkehren.

In keinem anderen Aufsichtsrat in der Bundesliga sitzen so viele Dax-Manager wie beim deutschen Rekordmeister aus München. Insgesamt sind vier der neun Mitglieder des Gremiums aktuelle Vorstände von Dax-Konzernen. Aber auch bei fast allen anderen Bundesligisten, die am 26. August in die neue Saison starten, kontrollieren Vertreter aus der Wirtschaft die Geschäfte der Vereinsführungen – darunter angestellte Konzernmanager, mittelständische Unternehmer und Selbstständige wie Anwälte oder Ärzte.

Von den insgesamt 114 Aufsichtsräten bei den 18 Bundesligisten der Saison 2016/2017 stammen nach einer Auswertung von Capital 96 aus der Wirtschaft. Nur sieben kommen aus der Politik oder der Verwaltung. Der Rest sind Ex-Spieler oder Vertreter der Vereine. Interessanter Nebenaspekt: Unter den Aufsichtsräten der Liga sind gerade einmal vier Frauen.

Seit einigen Jahren gliedern immer mehr Bundesligisten ihre Profimannschaften in eigene Kapitalgesellschaften aus – als Aktiengesellschaft, GmbH oder Kommanditgesellschaft auf Aktien (GmbH & Co KGaA) mit eigenen Aufsichtsgremien. Nur beim FSV Mainz 05 und beim SV Darmstadt 98, beide noch in der Rechtsform als eingetragener Verein im Bundesligabusiness aktiv, gibt es derzeit keinen unabhängigen Aufsichtsrat, der die Geschäftsführung kontrolliert. In Mainz wird derzeit an einer Reform der Vereinsstrukturen gearbeitet.

Konzerngrößen im Kontrollgremium

Bei den Kontrolleuren der Liga handelt es sich zu einem großen Teil um Vertreter von Anteilseignern, Sponsoren und der regionalen Wirtschaft. Im Aufsichtsrat von Borussia Dortmund, dem einzigen börsennotierten Bundesligisten, sitzen Spitzenmanager des Chemiekonzerns Evonik, des Ausrüsters Puma und des Versicherers SignalIduna. Beim VfL Wolfsburg, einer hundertprozentigen Volkswagen-Tochter, beaufsichtigen unter anderem mehrere Konzerngrößen das Geschäft: VW-Aufsichtsratschef Hans-Dieter Pötsch, Einkaufsvorstand Francisco Javier Garcia Sanz, Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh und Kommunikationschef Hans-Gerd Bode.

Im Aufsichtsrat des 1. FC Köln sind die Sponsoren REWE und Solarworld auf Vorstandsebene vertreten, bei Aufsteiger RB Leipzig kontrolliert Red-Bull-Finanzvorstand Walter Bachinger die Geschäftsführung – dazu zwei Anwälte, die in der Vergangenheit häufiger für den Red-Bull-Konzern tätig waren. Insgesamt entsenden die Dax-Konzerne 21 Bundesliga-Aufsichtsräte. Fast drei mal so viele Kontrolleure sind Gesellschafter oder Manager mittelständischer Unternehmen – vom Stadtwerkechef bis zum Geschäftsführer eines Dienstleisters für Geldtransporte oder dem Inhaber einer PR-Agentur. Hinzu kommen Anwälte und Steuerberater (11 Mandate) sowie Ärzte (4).

Fußball-Wirtschaft
Quellen: Vereine, eigene Recherche

Das Netzwerk der FC Deutschland AG

Nimmt man bei den 18 Bundesligisten der neuen Saison die absoluten Zahlen, kommen die meisten Aufsichtsräte der Capital-Analyse zufolge aus der Finanz- und Versicherungsbranche (16 Mandate). Ihre Vertreter sind vor allem bei Eintracht Frankfurt und Hertha BSC Berlin überrepräsentiert. Etwas überraschend folgt die Autoindustrie mit zwölf Mandaten nur auf Platz zwei – obwohl der VW-Konzern nicht nur Alleingesellschafter beim VfL Wolfsburg, sondern über die Konzerntochter Audi auch am FC Ingolstadt beteiligt ist. Darüber hinaus sind VW und andere Autohersteller als Sponsoren bei zahlreichen Clubs engagiert. Die starke Stellung der Pharma- und Medizinbranche (10 Mandate) geht zum Großteil auf den Bayer-Konzern zurück, der als Alleingesellschafter bei seiner Fußball-Tochter Bayer 04 Leverkusen den Gesellschafterausschuss überwiegend mit eigenem Personal besetzt – unter anderem mit Konzern-Aufsichtsratschef Werner Wenning.

Wie eng der Fußball und die Spitzenetagen der Wirtschaft vernetzt sind, zeigt sich auch in weiteren Gremien. Bei mehreren Bundesligisten wie Borussia Dortmund, dem 1. FC Köln, Hertha BSC oder dem FC Augsburg gibt es neben den Aufsichtsräten für die ausgegliederten Profiteams auch Beiräte für die jeweiligen Vereine. Der am prominentesten besetzte Beirat, in dem unter anderem Manager von Sponsoren sitzen, findet sich in Köln. Dort sitzen unter anderem Ex-Merck-Chef Karl-Ludwig Kley, der Chef der Bitburger-Brauerei, der Deutschlandchef von Ford und zwei Sparkassen-Chefs. Vertreten sind ebenfalls Tengelmann-Gesellschafter Karl-Erivan Haub und REWE-Vorstand Jan Kunath – während beide Unternehmen wegen der geplanten Tengelmann-Übernahme durch den REWE-Konkurrenten Edeka heftig im Clinch liegen.

Obwohl die Professionalisierung der Clubs voranschreite, hinke die Fußballbranche bei der guten Unternehmensführung aber noch weit hinterher, sagt Alexander Juschus, Geschäftsführer der Corporate-Governance-Beratung Ivox Glass Lewis, die für institutionelle Anleger börsennotierte Unternehmen analysiert. Gemeinsam mit Stefan Prigge und Ralf Leister von der Hamburg School of Business Administration (HSBA) hat Juschus erstmals eine Corporate-Governance-Tabelle für die 18 Erstligisten der vergangenen Saison 2015/2016 aufgestellt.

Das Ergebnis der noch nicht publizierten Studie, die auf Grundlage der Kriterien des Deutschen Corporate-Governance-Kodex für börsennotierte Unternehmen unter anderem die Stellung der Aufsichtsgremien sowie die Veröffentlichungs- und Vergütungspolitik der Clubs untersucht hat: Zwischen Tabellenführer Borussia Dortmund und der Abstiegszone mit Stuttgart, Mainz und Darmstadt gebe es bei der Unternehmensführung „himmelweite Unterschiede“, sagt Juschus – weitaus größer als in anderen Wirtschaftszweigen.

Grundsätzlich gilt nach den Erkenntnissen der Autoren ein Zusammenhang zwischen der Größe des Vereins und der Expertise im Aufsichtsrat. Vereine wie der börsennotierte BVB und der FC Bayern, der seinen Anteilseignern Adidas, Audi und Allianz eine Dividende zahlt, hätten ihre Strategie auf Rendite ausgerichtet, sagt Juschus. „Diese Vereine stellen sich professioneller auf als andere, die keinen Renditedruck verspüren.“

Dagegen landen Wolfsburg, Leverkusen und Hoffenheim, die Konzernen beziehungsweise einem Investor gehören, im Corporate-Governance-Ranking in der unteren Tabellenhälfte. Die von einem Mehrheitsgesellschafter dominierten Clubs, für die eine Ausnahme von der sogenannten 50+1-Regel gilt, werden offenkundig eher wie Familienunternehmen geführt. Dazu passt, dass Leverkusen und Wolfsburg keine eigenen Geschäftsberichte veröffentlichen. In Hoffenheim hat Clubeigentümer Dietmar Hopp unter anderem seinen Sohn, den Geschäftsführer seines Golfclubs, einen vertrauten Steuerberater und einen SAP-Vorstand ins Kontrollgremium geholt.

Manager schießen keine Tore

Grundsätzlich seien die Transparenz und die Veröffentlichungspolitik bei den meisten Bundesligisten relativ schlecht, sagt Corporate-Governance-Experte Juschus. Häufig fehlten Lebensläufe der Aufsichtsräte, die Qualifikationen für den Posten seien selten ersichtlich. Auch die Informationen über die Vergütung der Aufsichtsräte seien „dürftig“. Selbst auf Nachfrage der Studienautoren machten nur elf Bundesligisten Angaben zur Entschädigung ihrer Kontrolleure. Bei sechs dieser elf Bundesligisten arbeiten die Aufsichtsräte ehrenamtlich – was darauf hin deutet, dass viele Kontrolleure eher Anhänger der jeweiligen Vereine als kritische Aufseher sind.

Dem Ranking zufolge sind es vor allem die als Aktien- oder andere Kapitalgesellschaft organisierten Proficlubs, die bei der guten Unternehmensführung vorne liegen. Die eingetragenen Vereine landen weit hinten in der Tabelle. Eine Ausnahme ist der FC Schalke 04 auf Platz fünf. Als einer von wenigen Bundesligisten verfügt der Schalke-Aufsichtsrat unter der Führung von Deutschlands größtem Fleischunternehmer Clemens Tönnies über einen Prüfungsausschuss mit starker Stellung gegenüber dem Vorstand – ähnlich wie bei einem Dax-Konzern. Die Struktur verhindert allerdings nicht, dass auf Schalke regelmäßig Konflikte um den mächtigen Aufsichtsratsboss Tönnies toben.

Das Beispiel eines anderen Vereins belegt zudem, dass die wirtschaftliche Expertise im Aufsichtsrat nicht automatisch eine gute Performance im Kerngeschäft garantiert: dem Sport. Im dreiköpfigen Aufsichtsrat des VfB Stuttgart sitzen Würth-Vertriebsvorstand Martin Schäfer, Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth und Kärcher-Chef Hartmut Jenner. Eine ähnliche Dichte an Topmanagern gibt es sonst nur beim FC Bayern. Trotzdem spielt der VfB diese Saison nur in der zweiten Liga.


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